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Über Stigmata und Scham

Mein Blick fällt auf das Backsteingebäude, in dem ich bis vor Kurzem gearbeitet habe. 700 km entfernt von dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin und den ich nicht Heimat nenne. Die untergehende Sonne lässt Teile der Wände leuchten, es blendet. Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von willkürlichen Abschnitten, denke ich bei dem Anblick. Wie bin ich hier gelandet? Trotzdem, das merke ich jetzt, fühle ich mich zugehörig. Ein neues Gefühl, noch ganz zart. Ich trage Stigmata in mir, für die ich mich schäme und die mich ausgrenzen. Scham ist sowieso ein Gefühl, das allgegenwärtig ist in meinem Leben.

Stigma, das

etwas, wodurch jemand deutlich sichtbar in einer bestimmten, meist negativen Weise gekennzeichnet ist und sich dadurch von anderen unterscheidet

(aus dem DUDEN)

Ich arbeite nicht mehr in diesem Gebäude, seit ich kürzlich meine zweite Krebsdiagnose erhalten habe. Diesmal metastasiert. Stadium IV, unheilbar. Ich nehme starke Medikamente, um die neuen Tumore zu schwächen oder auszuschalten. Fast 15 Jahre haben sie als kleine Zellhaufen in meinem Körper geschlafen, bevor sie aufgewacht und erblüht sind. Die Menschen, die in dem Gebäude arbeiten, wissen noch nicht, dass ich nicht zurückkehren werde. Mit etwas Glück verwandelt sich mein Stadium IV mit den neuen Medikamenten in eine chronische Krankheit. Diese Medikamente sind ein Geschenk, bei meiner Erstdiagnose gab es sie noch nicht. Eine Wiederaufnahme des alten Lebens wäre also das naheliegende Ziel. Aber zum ersten Mal in meinem Leben treffe ich eine Entscheidung, die nicht den Erwartungen der anderen entspricht. Und zum ersten Mal in meinem Leben höre ich eine Stimme, die mir versichert, dass das okay ist. Dass sich etwas Neues ergeben wird, etwas, das ich lieben werde und nicht aus Pflichtgefühl heraus erledige.

Die Krankschreibung schenkt mir ausreichend Zeit, um dieser Stimme zu lauschen. Die Tumore sind früh genug entdeckt worden, so dass sie mich nicht einschränken, und die monströsen Nebenwirkungen der Medikamente bleiben zum Großteil einfach aus. Die unerwartete Energie hilft mir, in mein neues Leben hineinzuwachsen. Im Moment fühlt es ich noch zu groß an. Zunächst Inventur: auf einem Blatt Papier sammele ich oben meine sicheren Orte und unten die Stress-Achterbahnen.  Oben landen Menschen, Radtouren mit Zelt und Campingkocher, Schreiben. Unten andere Menschen, die Arbeit in dem Backsteingebäude sowie die Tagebücher und Briefe aus meiner Jugend, die in einer Holzkiste neben meinem Bett lagern. Seit Jahren will ich sie vernichten, aber nicht ohne vorher wichtige Stellen einzuscannen. „Das machst du eh nie. Und wozu willst du das überhaupt verwahren? Lass es einfach los“, rät mir eine Freundin, wir sitzen im Park und essen das erste Eis in diesem Frühling. Durch ihren Zuspruch traue ich mich. Vernichte die Beweise vergangener Schmerzen, ohne sie ein weiteres Mal zu analysieren. Es geht um die Zeit, die vor mir liegt, ums Jetzt. Die Vergangenheit darf ruhen, muss ruhen.

Aber sie findet immer wieder Schlupflöcher, über die sie sich meldet und ihre Scham verbreitet. Sie klopft an, wenn andere am Wochenende keine Zeit haben, weil ein großes Familienfest ansteht. Meine Herkunftsfamilie besteht aus zwei Menschen, einer davon die Mutter, die mir das Album mit meinen Kinderfotos in einem Paket schickte, weil sie damit nichts anfangen könne. Wir reichen nicht für Feste. Scham klopft auch an, wenn jemand mit Ende 30 schwanger wird und ich den aufkeimenden Neid überspiele, weil mich die Chemo damals mit 37 unfruchtbar gemacht hat. Lieber hätte ich ein weiteres Kind bekommen. Neid, Selbstmitleid, Verbitterung – Gefühle, für die man sich schämen soll, weil man sein Päckchen nicht mit der erwarteten Würde trägt. Scham auch für den kranken Körper und für die Demütigungen, denen ich als Kind ausgesetzt war. Scham für Dinge, die ich nie in der Hand hatte.

Scham, die

durch das Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben, ausgelöste quälende Empfindung

(aus dem DUDEN)

 

Es gibt ein Versprechen zu der Art von Scham, die ich in mir trage: sobald sie ausgesprochen wird, löst sie sich auf. Weil sie sich von Geheimhaltung nährt. Ich traue diesem Versprechen nicht ganz, aber ich möchte es ausprobieren, und meine Schandflecke offen zeigen. Schandflecke, die mich ohne meine Zustimmung beschmutzt haben und für die ich mich trotzdem geniere. Ein Blick auf das Blatt Papier mit den sicheren Orten und den Stress-Achterbahnen: Ich bin eine, die schreibt, um sich auszudrücken. Ob sich meine Verletzungen und Ängste einfach aus mir rausschreiben lassen? Ob ich sie einfach ins Netz schicke? Was kann ich schon verlieren? Um mich zu schützen, denke ich mir ein Pseudonym aus. Klara, weil ich in kurzer Zeit so viel Klarheit gewonnen habe und Dorn, weil es manchmal wehtut, bevor es gut wird. Der erste Text ist fast fertig und sobald ich auf Senden klicke, kann ihn jeder lesen und ich trage meine Stigmata offen vor mir her. Lieber möchte ich stolz schreiben, aber das stimmt nicht, auch wenn es gut klingt. Erstmal erfordert es Mut, mich zu öffnen. Und diesen Mut bringe ich gerade zum ersten Mal auf.