Wer kennt`s: Es ist Sommer, die Kleidung ist kürzer und leichter, das Gaffen beginnt. Ich werde bei solchem Verhalten nur noch aggressiv. Denn anders als weitläufig gedacht, stellt der male gaze — geframt als Kompliment oder Anerkennung — eben dies nicht dar. Es gibt einen Unterschied beim Anschauen und Begehren, den die meisten Menschen spüren, aber selten benennen können — den Unterschied zwischen dem Blick, der wahrnimmt, und dem Blick, der besitzt. Zwischen dem Anschauen und dem Ausziehen mit den Augen. Zwischen Bewunderung und Vereinnahmung. Dieser Unterschied ist nicht trivial, nicht Empfindlichkeit, nicht Ideologie. Er ist — das zeigen Jahrzehnte film- und sozialwissenschaftlicher Forschung — das Ergebnis einer sehr konkreten kulturellen Programmierung. Und wie jede Programmierung lässt sie sich, wenn man sie erst einmal sieht, auch verändern.

Wie man Körper wahrnimmt, ohne sie zu vereinnahmen
Der Begriff Male Gaze stammt aus den 1970er Jahren. Die britische Filmtheoretikerin Laura Mulvey prägte ihn für eine Darstellungsform, die bis heute das Mainstream-Kino, die Werbung, die sozialen Medien und — folgenreicher als alle Medien zusammen — die internalisierte Wahrnehmungsweise vieler Männer definiert. Hier findest du dazu noch einmal die Doku-Empfehlung „Brainwashed — Sexismus im Kino“. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Nach Mulvey sind Männer die Träger des Blicks und Frauen die Erträgerinnen — aktiv und handelnd auf der einen, passiv und auf ihre Äußerlichkeit reduziert auf der anderen Seite. Der Male Gaze steht für einen männlichen, sexualisierenden Blick — eine männliche Lust am Schauen, bei der weibliche Protagonistinnen stark objektifiziert werden und oft scheinbar primär für ästhetische Zwecke eine Rolle spielen. Aber der Male Gaze ist mehr als ein Kamerawinkel. Er ist ein dauerhafter Wahrnehmungsmodus und er sitzt tief. Sozialisiert mit dem Male Gaze, haben Frauen diesen Blick internalisiert und dadurch unbewusst die Sichtweise der Männer auf sich selbst und andere Frauen zu ihrem eigenen Maßstab erhoben und einen inneren Zensor etabliert, der die Gesetze der gefälligen Attraktivitätsinszenierung vorschreibt. Wir Frauen, schauen auf andere Frauen durch den männlichen Blick; und genauso schauen wir auf unseren eigenen Körper. Wohin das in Bezug auf den Lebensentwurf von Frauen führen kann, zeigt dieser beispielhafte Erfahrungsbericht. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Wie Männer lernen, Attraktivität und Sexualität automatisch zu verknüpfen
In der Konditionierung liegt der Kern des Problems und er ist weniger eine Frage des Charakters als eine des Lernens. Und schon gar nicht, ist er eine Frage des Geschlechts. Sexuelle Stimuli werden bei Frauen wie bei Männern über zwei Wege verarbeitet: einen langsamen, kognitiven Weg und einen schnellen, automatischen Weg. Klick mal hier. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Beide Geschlechter haben also prinzipiell denselben neurologischen Apparat. Was sich unterscheidet, ist nicht die Biologie, sondern was in diesen Apparat hineintrainiert wurde.