Sechs Menschen beten in verschiedenen Wiener Kirchen zu Gott und vertrauen der Kamera des Filmemachers Ulrich Seidl ihre privaten Gedanken an. Sie bitten nicht nur um Kraft, um Lösung ihrer familiären Probleme und um Gesundheit, sondern offenbaren in ihren Reden teils schockierende Dinge sowie intime Geheimnisse - und immer ihr Leid an der Welt.
Jesus, Du weißt ist ein Dokumentarfilm von Regisseur Ulrich Seidl, der zusammen mit Veronika Franz das Drehbuch schrieb. Seidl, bekannt für Hundstage (2001), die Paradies-Trilogie und Im Keller (2014), besticht in seinen Filmen stets durch seine schonungslose Ehrlichkeit, bis es schmerzt.
Nichts ist so schockierend und abgründig wie das menschliche Dasein. Und das erleben wir auch in Jesus, Du weißt. Die Betenden blicken hier frontal in die Kamera, ihre Monologe werden immer nur kurz von Chören und Einstellungen unterbrochen, die - erwartungsgemäß für einen Seidl-Film - ambivalente Gefühle zwischen Fremdscham und Mitleid auslösen. Diese ungeschönte Inszenierung trägt zur intimen Atmosphäre bei. Die sechs Protagonisten sind "normale" Christen - keine Fundamentalisten, sondern vielmehr ziemlich durchschnittliche Gläubige.
Die von Wertung vollkommen freie Dokumentation zeigt das Bedürfnis der Menschen nach Transzendenz und zugleich, dass die Religion allein das Bedürfnis nach Nähe und Verständnis nicht zu stillen vermag. Das Gebet, als vielleicht intimste Kulturtechnik, gilt in einer technokratischen und rationalistischen Gesellschaft als Tabu, das öffentliche Zeigen dieses Tabus als transgressiver Akt. Dafür sollten wir Ulrich Seidl dankbar sein.
Menschen, die die atheistische Selbstverständlichkeit eines dogmatischen Wissenschaftsglaubens wie eine Monstranz vor sich hertragen, werden hier nur arrogant lächeln und sich über die Naivität der Protagonisten wundern. Jesus, Du weißt ist vor allem etwas für offene Geister, die unideologisch und skeptizistisch die Menschen und ihre Kultur verstehen wollen. Ich musste an manchen Stellen hart schlucken, doch ich war zugleich fasziniert und vielleicht auch ein bisschen neidisch auf das Gottvertrauen dieser Menschen angesichts dieser Welt.
https://www.imdb.com/de/title/tt0373941/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)