Im Hamburger Kiezmilieu der 1970er-Jahre ist die Kneipe "Der Goldene Handschuh" Fritz Honkas Revier. Hier betrinkt sich der zerstörte Mensch mit Korn zur Besinnungslosigkeit und nimmt Trinkerinnen und Prostituierte mit nach Hause, die er dann tötet, zerstückelt und in den Wänden seiner Dachwohnung versteckt. Er kämpft mit der Sucht, will eigentlich bürgerlich werden, doch die Verrohung ist zu groß, der Trieb zu stark und der Hass auf Frauen allgegenwärtig. Erst ein Hausbrand deckt sein Treiben auf; die getöteten Frauen vermisst niemand, denn sie sind - wie Honka selbst - die Ausgestoßenen der Gesellschaft, die sich im "Goldenen Handschuh" sammeln.
Der goldene Handschuh ist ein deutsch-französischer Serienmörderfilm von Fatih Akin aus dem Jahr 2019 und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk. Die Filmmusik stammt von FM Einheit. Besetzt ist der Film mit Jonas Dassler als Fritz Honka, Katja Studt als Helga Denningsen, Martina Eitner-Acheampong als Frida und Margarethe Tiesel als Gerda Voss. In weiteren Rollen sehen wir Hark Bohm, Simon Goerts, Herma Koehn, Marc Hosemann, Victoria Trauttmansdorff und Tristan Göbel. Aus dem prominenten Cast stechen mit ihrem großartigen Spiel vor allem Jonas Dassler, den man dank einer fantastischen Maske zunächst gar nicht erkennt, Martina Eitner-Acheampong, die Erika Burstedt aus Stromberg (2004), und Margarethe Tiesel, bekannt aus Paradies: Liebe (2012) und Sonne (2022), hervor.
Bereits im Roman erzählte Heinz Strunk die wahre Geschichte Fritz Honkas, eines der berühmtesten Serienmörder Deutschlands, auffallend präzise nach. Fatih Akins Film bleibt diesem Realismus treu, bringt den Stoff allerdings dramaturgisch um einiges besser auf den Punkt als das Buch. Zugleich schafft er es, die Opfer und den Täter bei aller Abgründigkeit mit Würde darzustellen. Fritz Honka war eben keine Fantasy-Gestalt wie Hannibal Lecter aus Das Schweigen der Lämmer (1991), sondern ein realer Mensch.
Wie bereits aus anderen Rezensionen bekannt sein dürfte, liebe ich Serienmörderfilme, die den Zuschauer psychologisch ganz nah an den Täter bringen. Der goldene Handschuh ist der Inbegriff eines solchen Films und ein atmosphärisches Meisterwerk. Seit ich ihn gesehen habe, kann ich Adamos Lied "Es geht eine Träne auf Reisen" nicht mehr hören, ohne dabei an eine sich durch Menschenfleisch quälende Säge zu denken. Und auch viele andere Schlagerhits von Hans Albers, Heintje, Juliane Werding, Roy Black, Bata Illic und Freddy Quinn, die der Soundtrack des Films zu bieten hat, lassen mich seitdem an Fritz Honka und seine Kneipe denken.
Mit monströsen Bildern und Szenen von inhumaner Raserei illustriert Der goldene Handschuh eines der verstörendsten Verbrechen der deutschen Nachkriegszeit und zeigt eindrucksvoll, dass Serienmord, Verrohrung und Gewalt niemals einfach vom Himmel fallen, sondern dass der gesellschaftliche und sozioökonomische Kontext dabei stets mitgedacht werden muss. Der Film ist nichts für schwache Nerven, für mich einer der intensivsten Serienmörderfilme und zugleich einer der besten deutschen Filme, die ich je gesehen habe.
https://www.imdb.com/de/title/tt7670212/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)