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Kannst du mich gut riechen?

Heute geht’s um einen spannenden Sinn, der in Psychologie und Neurodivergenz oft unterschätzt wird: den Geruchssinn – und darum, was er uns über unsere Emotionen, unsere Stimmung und sogar unsere seelische Erschöpfung verraten kann.

🧠 Riechen ist fühlen – wie der Geruchssinn mit der Psyche verbunden ist

Der Geruchssinn ist der direkteste Weg ins limbische System – also in das Zentrum unserer Gefühle. Noch bevor wir bewusst denken, reagiert unser Körper auf Gerüche mit Emotionen: Wohlgefühl, Ekel, Erinnerung, Sicherheit oder Alarm.

Darum können Düfte:

  • trösten oder stressen,

  • alte Erinnerungen aktivieren,

  • Geborgenheit wecken oder

  • im Gegenteil: Überforderung auslösen.

Besonders bei Depression, ADHS oder Autismus verändert sich oft, wie Menschen Gerüche erleben. Manche empfinden alles dumpf und grau („Nichts riecht mehr gut“), andere sind überempfindlich gegenüber bestimmten Gerüchen („Das Parfum ist zu viel“).

Diese Geruchswahrnehmung ist ein direkter Spiegel dafür, wie gut wir innerlich in Resonanz sind – also, wie lebendig unsere Gefühls- und Wahrnehmungsfähigkeit schwingt.

💡 Das „Odor Hedonic Profile“ (OHP): Ein Spiegel der inneren Schwingung

Das OHP ist ein einfaches, aber kluges Werkzeug:
Man bewertet, wie angenehm oder unangenehm man sich verschiedene Gerüche vorstellt – zum Beispiel Kaffee, Regen, Müll oder frisch gemähtes Gras.

Es geht also nicht darum, wirklich etwas zu riechen, sondern darum, was der Gedanke an diesen Geruch innerlich auslöst.

Daraus entsteht ein „Geruchs-Profil“ – eine Art Karte unserer emotionalen Reaktionen.

Menschen mit Depression zeigen dabei oft ein abgeflachtes oder negatives Profil:
Sie nehmen selbst angenehme Gerüche kaum noch als angenehm wahr.


Bei ADHS hingegen schwankt das Profil oft stark – zwischen himmelhoch und genervt. Und im Autismus-Spektrum finden sich häufig extreme Bewertungen: bestimmte Gerüche sind „magisch schön“, andere kaum auszuhalten. So richtig gut untersucht ist das aber wohl noch nicht, glaube ich.

🌈 Was das OHP sichtbar macht

🧠 Odor Hedonic Profile – Deutsche Version (Erwachsene)

🗣️ Instruktion

Bitte lies jede Aussage und stelle dir die beschriebene Situation möglichst genau vor.
Bewerte dann, wie angenehm oder unangenehm du dir den Geruch in diesem Moment vorstellst.
Es geht nicht um objektive Gerüche, sondern um deine subjektive Gefühlsreaktion.

Skala:
−9 = extrem unangenehm | 0 = neutral | +9 = extrem angenehm

🌸 Items (14 Alltagssituationen)

1️⃣ Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee am Morgen.
2️⃣ Der Geruch von Benzin an der Tankstelle.
3️⃣ Der Geruch von Regen auf trockenem Asphalt („Sommerregen“).
4️⃣ Der Geruch von starkem Parfum in einem Aufzug.
5️⃣ Der Geruch von frisch gemähtem Gras.
6️⃣ Der Geruch von Müll oder altem Essen.
7️⃣ Der Geruch von Seife oder Duschgel nach dem Duschen.
8️⃣ Der Geruch von Krankenhaus oder Desinfektionsmittel.
9️⃣ Der Geruch von Schokolade oder frisch Gebäcktem.
🔟 Der Geruch von Tieren (z. B. Stall oder nasses Fell).
1️⃣1️⃣ Der Geruch eines bekannten Menschen (z. B. Partner, Kind).
1️⃣2️⃣ Der Geruch von Zigarettenrauch.
1️⃣3️⃣ Der Geruch der eigenen Kleidung nach einem langen Tag.
1️⃣4️⃣ Der Geruch der Natur – Wald, Erde, Blätter.

📊 Auswertung (Scoring)

1. Einzelwerte:
Trage alle Werte (−9 bis +9) in eine Tabelle oder Excel-Tabelle ein.

2. Gesamtwerte berechnen:

  • T+ (positive Gerüche): Mittelwert aller positiven Werte (> 0)

  • T– (negative Gerüche): Mittelwert aller negativen Werte (< 0)

  • TS (Gesamt): Mittelwert aller 14 Werte (inkl. 0)

  • Differenz: T+ − |T–|

3. Interpretation / Profiltyp (nach Rouby et al., modifiziert):

Das OHP ist wie ein Resonanzbarometer für die Sinneswelt.
Es zeigt, ob jemand noch in feiner Schwingung mit der Welt steht – oder ob Resonanzräume gerade blockiert sind.

Die Kinder-Version: OHP-Kids

Für Kinder kann das Riechen zu einem wunderbar spielerischen Zugang zu Emotionen werden.
Sie sagen einfach, ob sie den Geruch mögen 👍, egal finden ✋ oder gar nicht mögen 👎.

Dabei geht es nicht um „richtig oder falsch“, sondern um Selbstwahrnehmung und innere Orientierung.

Beispiel:
Ein Kind, das viele Gerüche als unangenehm bewertet, zeigt vielleicht nicht „Empfindlichkeit“, sondern schlicht Überforderung.
Ein anderes Kind, das kaum Reaktionen zeigt, könnte innerlich erschöpft oder dissoziiert sein.

Über Gerüche zu sprechen („Was riecht für dich nach Zuhause?“ oder „Welcher Geruch ist wie ein Monster?“) öffnet Türen, die über Sprache allein oft verschlossen bleiben.

Odor Hedonic Profile – Kinder-Version („OHP-Kids“)

(ab ca. 6 Jahren, ideal mit Eltern oder TherapeutIn gemeinsam)

🗣️ Instruktion

Ich lese dir jetzt Dinge vor, die du vielleicht schon einmal gerochen hast.
Sag mir, ob du den Geruch magst, nicht magst oder egal findest.
Wenn du willst, kannst du mit den Fingern zeigen:
👎 = mag ich gar nicht ✋ = egal 👍 = mag ich sehr

(Bei älteren Kindern kann die 9-Punkte-Skala mit Smileys oder Farbskala genutzt werden.)

🧸 Kinder-Items (14 Geruchssituationen)

1️⃣ Frisch gebackene Kekse oder Kuchen
2️⃣ Mülltonne oder faules Obst
3️⃣ Mama oder Papa riechen nach Parfum oder Seife
4️⃣ Nasser Hund oder Stall
5️⃣ Regen oder Waldgeruch
6️⃣ Zahnpasta oder Mundwasser
7️⃣ Pizza oder Pommes
8️⃣ Krankenhaus oder Arztpraxis
9️⃣ Benzin oder Farbe
🔟 Schokolade oder Kakao
1️⃣1️⃣ Eigene Kleidung nach Spielen draußen
1️⃣2️⃣ Blumen oder Gras
1️⃣3️⃣ Zigarettenrauch
1️⃣4️⃣ Lieblingskuscheltier oder Decke

🧮 Scoring (vereinfacht für Kinder)

  • Punktevergabe:
    👍 = +2 ✋ = 0 👎 = −2

T+ = Summe aller positiven Punkte
T– = Summe aller negativen Punkte
Differenz: T+ − |T–|

Interpretation:

  • Viele + → hohe Genussfähigkeit, emotionale Resonanz offen

  • Viele – → Abwehr, Stress, sensorische Überforderung möglich

  • Viele 0 → Rückzug, Erschöpfung oder Dissoziation (Resonanzdämpfung)

🔄 Verbindung zu Emoflex

In der Emoflex-Arbeit lässt sich das OHP wunderbar integrieren.
Ein unangenehmer Geruch kann in ein inneres Bild übersetzt werden („Wie sieht der Geruch aus?“).
Über bilaterale Stimulation (z. B. Augenbewegungen oder Tapping) kann das Gehirn dann diese emotionale Ladung verarbeiten – ähnlich wie im REM-Schlaf.

Das Ergebnis: Geruch, Gefühl und Erinnerung entkoppeln sich.
Aus „es stinkt nach Angst“ wird wieder einfach „es riecht nach Sommerregen“.

Warum das wichtig ist

Gerüche sind Resonanz.
Wenn sie uns egal werden, ist oft auch unsere Lebensfreude gedämpft.
Wenn sie uns überfluten, fehlt uns Sicherheit und Selbstregulation.

Das OHP kann helfen, diesen feinen Sinn wieder bewusst wahrzunehmen – und damit eine Brücke zwischen Körper, Gefühl und Selbst zu schlagen.

Ob in der Klinik, im Coaching oder im Alltag:
Wer beginnt, wieder zu riechen, beginnt auch, wieder zu fühlen.

Atanasova B, Kazour F, El-Hage W, Bontempi C, Jacquot L, Brand G. Odor Hedonic Profile (OHP): A sensitive tool in depressive populations. Encephale. 2025 Nov 7:S0013-7006(25)00173-3. doi: 10.1016/j.encep.2025.09.002. Epub ahead of print. PMID: 41206252.

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