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»Unter Leitern«

Gerkens wohnen nebenan. Wenn man die Hierarchie des Hauses in Betracht zieht, ist diese Aussage eigentlich schon falsch. Niemand bei uns im Haus wohnt länger hier als sie. Wenn überhaupt, bin ich es, der neben Gerkens wohnt. Sie wohnen hier schon ewig. Sie haben ihren Mietvertrag noch unter Willy Brandt gemacht. Gerkens sind still und schüchtern. Sie wollen niemandem zur Last fallen. Sie haben keine Kinder oder Enkel, aber man kann auch nicht für jeden Quatsch den Handwerker rufen, also klingeln sie gelegentlich bei mir. Klingelt sie alleine, ist nichts Wichtiges. Aber klingeln sie zu zweit, weiß ich Bescheid. Ob ich ein bisschen Zeit hätte. Ich erkenne es an seiner Körperhaltung, dass was ist. Dann sieht er kleiner aus als sonst, sie zähneknirschend. »Für sie doch immer«, sage ich. Wenn es etwas gibt an Gerkens, das mich wurmt, dann dass sie sich sogar im zwölften Jahr noch zieren, als wäre ich erst letzte Woche eingezogen. Ich höre sie zanken vor der Tür. Sie will klingeln, er will nicht. Ich würde Gerkens diese Rangelei gerne ersparen. Aber ich kann auch nicht bei ihnen klopfen und fragen, ob es was zu tun gibt. Stattdessen bitte ich gelegentlich um Zucker oder Eier oder Salz. Ich brauche nichts davon, aber mich so in ihre Schuld zu stellen, denke ich, das macht es ihnen leichter, irgendwann zurückzuklingeln, wenn mal wirklich etwas ist.

Er steht auf seiner Leiter, ich daneben. Dem Leben von unten auf die Beine gucken. Schade, dass es dieses Idiom nicht gibt im Deutschen. Bei jedem Griff über den Kopf atmet er schwer. »Lassen Sie sich Zeit.«, sage ich. Er möchte niemandem zur Last fallen, aber lange Hosen anziehen, das war wohl auch keine Option. Also starre ich auf seine Krampfadern. Panke, Dahme, Havel, Spree. Allein vom Halten kann ich nicht ergründen, was hier aus dem Lot ist. Die Leiter, die Dielen oder er. Aber wie er auf der Leiter kippelt und die Leiter auf den Dielen und die Dielen auf den Balken, das geht mir in die Arme. »Sollen wir nicht tauschen?«, frage ich. »Nee«, sagt sie. »Bei ihm ist es halb so schlimm!« – »Halb so schlimm?«, frage ich. »Wenn was passiert«, sagt sie. Sie sagt es nicht im Scherz, nicht mit der Bitterkeit nach 60 Jahren Ehe, sie sagt es wie eine Offensichtlichkeit, wie ein Naturgesetz. Er fädelt die Gardine im Schneckentempo in die Leiste. »Gut so«, denke ich. Ich habe Zeit. Im Kopf zähle ich mit. »Sind die neu?«, frage ich. Immer schön beim Thema bleiben. »Nee, aber gewaschen«, sagt sie. »Ich glaube, ich habe meine Vorhänge noch nie gewaschen«, gebe ich zu. »Nochmal waschen wir die nicht«, sagt er. Wieder sagt es einer wie Vernunft, wie ein Naturgesetz.

Es geht nicht schneller als gedacht. Das soll mir recht sein. Belohnt werden wir mit Königsberger Klopsen. Das auch. »Hier, Männers«, sagt sie. Sie hat für uns gekocht. Man sieht den Salzkartoffeln ihre Arthrose an. Das Runde ist zum Eckigen geworden. »Hab’ ich ewig nicht gegessen«, sage ich und lasse zu, dass sie mir nochmal auftut. »Macht sie auch nur einmal im Jahrzehnt«, sagt er. »Stimmt doch gar nicht!«, sagt sie. »Na, nochmal essen wir die nicht.« Er sagt es überhaupt nicht. Er verkneift es sich. Aber ich kann nicht anders, als mir vorzustellen, wie es ihm entfährt. Alles raus, was keine Miete zahlt.

Am Ende will er Geld in meine Tasche stecken. Gegen meinen Willen. Fast gibt es eine Rangelei. Ich gewinne. Aber so fest, wie er mir dabei das Handgelenk fixiert hat, hätte lieber er die Leiter halten sollen. Komisch, denke ich, ich wüsste nicht zu sagen, was er vor dem Ruhestand gemacht hat. Er hat es nie erzählt. Ich habe nie gefragt. Mein Gelenk vermutet Handwerk oder Bau. »Wir klingeln viel zu oft«, sagt sie. »Sie klingeln bitte immer, wenn was ist!«, sage ich. Das wurmt mich auch, dass sie jedes Mal betonen müssen, wie lästig sie mir sind. Das ist noch so eine Rangelei, auch nicht zu gewinnen. »Wir klingeln eh nicht nochmal«, sagt er. Wieder so ein Satz. »Ich war doch erst zum fünften Mal bei Ihnen!« – »Nein! Öfter!«, insistiert sie. Also zähle ich es auf: Router, Lampe, Fledermaus, nochmal Router und Gardine. »Na gut!«, sagt er. Er stemmt die Arme in die Seiten, macht sich groß, die Diele kleiner. Seine Körperhaltung soll mich Richtung Tür schieben. »Sie zählen rauf, wir zählen runter«, sagt er. Und noch so einer. Noch so ein Satz. Noch ein Naturgesetz. Härter als sein Griff ans Handgelenk. Am Morgen liegt ein Geldschein in der Diele. Bleistift in Arthrose. »Für ihre Zeit.«

Herzlich willkommen zur siebzehnten Ausgabe von »Feine Auslese«.

F / A

#1 / Ich glaube ja noch immer …

… , dass wir so langsam damit anfangen sollten, unser Gesicht aus dem Internet zu löschen, wenn wir nicht früher oder später von irgendwelchen Bots mit selbst generierten Deepfake-Porn-Clips und Screenshots unserer aktuellen Freundesliste erpresst werden wollen. Irgendjemand macht das längst. Einzeln. Händisch. Aber dieser Jemand wird irgendwann so clever oder faul werden, dass er sich dafür einen Bot schreibt. Oder schreiben lässt. Man gibt dem Bot irgendeinen einsehbaren Account bei Facebook oder Instagram, die Fähigkeit ein wiederkehrendes Gesicht zu erkennen, einen Base-Clip und ein Bitcoin-Wallet und am nächsten Morgen bekommt Inge aus der Buchhaltung einen Screenshot mit allen Namen ihrer Mädels aus dem Sportverein und ein Selfie-Video vom feuchtfröhlichen Finale der letzten Bukkake-Party in Neu-Ulm. Dabei war die Inge niemals in Neu-Ulm. Aber leider weiß das keiner außer Inge. Und dann ist der Bot so schlecht geschrieben, dass es das Bitcoin-Wallet gar nicht gibt und Service-Hotline auch keine, aber was es gibt, ist dem Bot sein interner Timer und 24 Stunden später haben alle aus dem Kirchenvorstand und der WhatsApp-Gruppe »Abi '89« richtig was zum Goonen. Und Achim lacht noch, weil er denkt: »Das war ja klar, dass der Inge so etwas passiert.« Aber Achim ist der Nächste.

F / A

#2 / Toujours la tristesse

ICE nach München. Alles voll. Muss auf dem Boden zwischen zwei Abteilen sitzen. Schaffner kontrolliert mein Ticket.

»Das ist die 2. Klasse«, sagt er.
»Ich weiß.«, sage ich.
»Sie haben aber ein Ticket für die 1. Klasse.«
»Da ist auch voll.«
»Nur dass Sie sich nicht beschweren später.«
»Worüber?«
»Na, dass Sie nicht in der 1. Klasse auf dem Boden sitzen durften.«
Ich muss lachen. Er auch.
»Lachen wir miteinander oder übereinander?«
»Ganz ehrlich, keine Ahnung.«

F / A

#3 / Feine Ablese [ Jugendbuch-Special ]

Angelesen: Krabat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Otfried Preußler

Ich habe das Lesejahr schon abgeschlossen. Schreiben und Lesen gleichzeitig kommen sich zu sehr in die Quere. Aber ein guter Moment, um ein paar Bücher von früher Revue passieren zu lassen. »Krabat« also. Bestes Buch von Preußler. Meine Meinung. »Faust« des kleinen Mannes. Worum geht’s: Waisenjunge Krabat landet als Lehrling in einer unheimlichen Mühle, wo er und die anderen Lehrlinge vom Müllermeister in Schwarzer Magie unterrichtet werden. Danach wird’s dramatisch. Aber alles knapp und pur und ohne Tau und Guss. Worum geht es wirklich: um Macht, Gefolgschaft, Hierarchie und Urteil. Liest sich wie ein entschlacktes Buch von Cornelia Funke oder eine sehr gut erzählte Volkssage. Überraschung: Ist es auch. Vielleicht täte es den Lausitzern ganz gut, mal wieder reinzulesen.


Ausgelesen: A Monster Calls (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Patrick Ness

Könnte ich immer wieder lesen. Auf Deutsch unter dem etwas sperrigen Titel »Sieben Minuten nach Mitternacht« (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erschienen. Kleine Backstory für die Ultranerds: Die Buchidee kam eigentlich von der irischen Schriftstellerin Shiobhan Dowd, die leider einer Krebserkrankung erlegen ist, bevor sie das Buch umsetzen konnte. Daraufhin hat der Verlag den amerikanischen Schriftsteller Patrick Ness mit ins Boot geholt. Ich will nichts spoilern, deshalb so: Im Grunde geht es darum, wie Halberwachsene Trauer, Wut und Angst verarbeiten. Kein Gute-Laune-Buch. Also wirklich nicht. Aber gezieltes Abheulen ist doch auch ganz schön. Und das ist wirklich keine Übertreibung. Ich kann die Male, an denen ich beim Lesen eines Buches geweint habe an einer Hand abzählen. An einer Schreinerhand sogar. Und das hier ist, gemessen an der Tränenanzahl, echt ganz vorne mit dabei. Ach übrigens: Supergut für Leute, die mal was auf Englisch lesen wollen, sich aber sonst nicht trauen.


Abgelesen: Der kleine Prinz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Antoine de Saint-Exupéry

Würde man einen Index bilden aus »Gesamtverkäufen«, »Seitenzahl« und »Wirklich gelesen«, würde »Der kleine Prinz« schlechter abschneiden als das letzte Hörbuch von Caroline Wahl. Tut mir leid, wenn euch deswegen vor Wut das Wandtattoo von der Tapete perlt, aber es steckt keine einzige brauchbare Weisheit in diesem Buch. Und wo wir schon dabei sind: Auch keine Emotion, die mehr als eine Dimension hat. Man könnte jetzt mit philosophischer Grundlagenliteratur argumentieren oder mit minimalistischen Narrativen, oder aber man sagt, wie's ist: Trivialliteratur. Café am Rande der Welt! Jetzt auch als Kinderbuch! Mit Bildern! Im historischen Kontext des Erscheinungsjahres würde ich die folgende These in den Raum werfen und mich zügig wegducken: Nach Weltkrieg und Faschismus bedient Saint-Exupéry die Sehnsucht der breiten Masse nach simpler, zärtlicher und verklärender Literatur. Ein Pseudo-Kinderbuch für ein traumatisiertes Elterneuropa. Sie haben es gebraucht. Nichts falsch daran.

F / A

#4 / Das Letzte von der Rolle

Herbst, du Arsch unter den Ärschen,
Hör mal auf, hier Laub zu werfen.
Mit Kohleduft und Nebelschwaden
Und den andern Eskapaden,
Mit Zwielicht voller Fesseldrachen,
Hier auf dicke Hose machen.
Erster Reif liegt auf Geranien
Und der Hof voller Kastanien.
Tiefe Sonne, Gnadenwärme,
Federweißer, Gänseschwärme.
Weiß doch jeder, was du treibst,
Wenn du Pfützen dünn vereist
Und dem Wein, nur weil du kannst,
Alles Chlorophyll verbannst.
So zu tun, dass uns zuliebe,
Irgendetwas davon bliebe.
Jeder weiß, du hältst die Tür,
Für den Winter hinter dir.
Steckt doch unter einer Decke.
Herbst, du Arsch, ach komm verrecke!

F / A

#5 / Feiaahmnt.

Werde ab und zu gefragt, ob man sich auch anderweitig für meinen kleinen Rundbrief erkenntlich zeigen kann. Was mir wirklich immer Freude macht, ist mitzubekommen, dass es euch gefällt. Bedeutet mir auf Dauer einfach mehr als flüchtige sexuelle Gefälligkeiten. Aber danke dafür. Supporten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) könnt ihr diesen Newsletter immer gern. Wisst ihr ja. Auch gut ist der Erwerb meines Romans »Schlesenburg« (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und was immer geht: eine PayPal-Spende (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für die Heizkostenkasse. Das zwei Dekaden alte Wunschvorhaben, dem Berliner Winter nach Südostasien zu entfliehen, ist auch dieses Jahr nicht aufgegangen. Selber schuld, Paule, selber schuld.

»Schlesenburg« | Taschenbuch | btb-Verlag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
F / A

#6 / Nachklang

🔊 The Limousines mit »Very Busy People« 🔊

https://open.spotify.com/intl-de/track/0XSCgWTDjA4D0K9ztIyCsl?si=75ace96d659e4520 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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