
Ein Friseurbesuch ist für viele Menschen eine beiläufige Selbstverständlichkeit. Für mich jedoch war er lange Zeit ein Ort latenter Anspannung, ein Terrain voller kleiner Unsicherheiten, feiner Missverständnisse und jener leisen Nervosität, die entsteht, wenn Kommunikation nicht mühelos fließt. Worte, die fehlen. Anweisungen, die verhallen. Situationen, in denen man sich geführt fühlt, ohne sicher zu wissen, wohin.
Heute ist das anders.
Ich vertraue meinem Friseur. Ich liebe ihn. Und ich sage das mit jener ruhigen Gewissheit, die nichts beweisen muss. Er ist mein bester Freund, mein Vertrauter im Spiegel, mein sicherer Hafen zwischen Schere, Stuhl und Schweigen. In seine Hände begebe ich mich mit einer Gelassenheit, die man nicht erlernt, sondern geschenkt bekommt – durch Verlässlichkeit, durch Achtung, durch echtes Interesse am Gegenüber.
Er richtet mich, drückt und schiebt mich zurecht, so wie er es braucht. Nicht grob, nicht fahrig, sondern präzise und achtsam. Ich halte still, beobachte sein Mundbild, lese jede Bewegung, jedes Zeichen. Er wiederum reduziert Sprache auf ihr Wesentliches: kurze Sätze, einzelne Worte, langsam gesprochen, klar artikuliert. Kein überbordendes Reden, keine akustische Überforderung. Wenn meine Technik ausgeschaltet ist, weiß er es. Wenn sie wieder notwendig wird, gibt er mir Hinweise. Unaufdringlich, respektvoll, vorausschauend. Eine Kommunikation, die nicht laut sein muss, um wirksam zu sein.
Teamgeist, Achtsamkeit und ein zufriedenes Wiesel
Auch das Team um ihn herum trägt diese Haltung. Kolleginnen und Kollegen, die sich sichtbar bemühen, die Blickkontakt suchen, Gesten nutzen, sich Zeit nehmen. Niemand drängt, niemand überfordert. Man versucht nicht, perfekt zu sein – man versucht, mich zu erreichen. Und genau darin liegt die Würde dieses Ortes.
Währenddessen sitzt mein inneres Wiesel entspannt auf der Sessellehne. Kein nervöses Zucken, kein misstrauisches Schnuppern. Es schlürft zufrieden den Cappuccino, den wir serviert bekommen haben, genießt die Atmosphäre, das leise Klirren von Porzellan, das gedämpfte Treiben, die wohltuende Selbstverständlichkeit dieses Miteinanders. Das Wiesel ist satt, ruhig, beinahe schnurrend vor Zufriedenheit. Ein seltenes Bild – und ein verlässlicher Indikator dafür, dass hier alles stimmt.
So ist der Friseurbesuch kein Hindernis, keine Hürde, kein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Er ist Wohlfühlprogramm. Er ist Achtsamkeit in Reinform. Respekt, der nicht aus großen Gesten besteht, sondern aus vielen kleinen, klugen Entscheidungen. Aus dem Wissen um Grenzen. Aus dem Willen zur echten Begegnung.
… und genau hier beginnt Barrierefreiheit
Und genau an diesem Punkt spannt sich der Bogen – fast unmerklich, beinahe selbstverständlich – vom persönlichen Wohlfühlmoment hin zu einer größeren, gesellschaftlich relevanten Frage: Barrierefreiheit. Nicht als abstraktes Schlagwort, nicht als wohlmeinende Floskel in Leitbildern, sondern als gelebte Praxis im Alltag. Als Haltung. Als Kompetenz.
Denn was diesen Friseurbesuch so wohltuend macht, ist nicht Zufall und schon gar kein exklusives Privileg persönlicher Nähe. Es ist Wissen. Sensibilität. Übung. Die Fähigkeit, sich in eine andere Wahrnehmungswelt hineinzuversetzen – ohne sie zu exotisieren, ohne sie zu problematisieren. Kurz: professionelle Empathie.
Der Umgang mit hörbehinderten Menschen ist kein Hexenwerk, aber er ist auch kein Automatismus. Er will gelernt sein. Geschult. Reflektiert. Es braucht Mitarbeitende, die wissen, wie Kommunikation jenseits des Hörens funktioniert:
wie wichtig Blickkontakt ist,
wie viel Klarheit in reduzierter Sprache liegt,
wie entlastend ein deutliches Mundbild sein kann,
wie zentral Pausen, Zeichen, Gesten und nonverbale Hinweise sind.
Und vor allem: wie viel Würde darin liegt, sich bemühen zu wollen.
Barrierefreiheit endet nicht bei Rampen und Untertiteln. Sie beginnt im Kopf – und setzt sich fort in den Händen, im Blick, im Tempo eines Gesprächs. Sie ist ein Prozess, kein Zustand. Und sie profitiert enorm davon, wenn Menschen aus der Praxis ihr Wissen teilen dürfen.
Wissen teilen. Haltung multiplizieren.
Genau hier setze ich an.
Ich biete Schulungen, Impulsvorträge und praxisnahe Workshops an – gerne auch in kleinem Rahmen, gerne dialogisch, gerne mit Humor und Selbstironie. Mit Anschauungsmaterial, mit konkreten Übungen, mit Perspektivwechseln. Und ja: auf Wunsch auch mit mir selbst als „Versuchsobjekt“. Nicht, um vorzuführen, sondern um erfahrbar zu machen. Um Unsicherheiten abzubauen. Um Berührungsängste in Kompetenz zu verwandeln.
Denn was Alex und sein Team leben, lässt sich weitergeben. Multiplizieren. Kultivieren. Und vielleicht sitzt dann eines Tages in vielen Wartebereichen dieses Landstrichs ein zufriedenes inneres Wiesel, das Cappuccino schlürft, entspannt schnauft und denkt:
Hier bin ich richtig. Hier werde ich gesehen.
Und genau das – so unspektakulär es klingen mag – ist gelebte Inklusion.
Wie ist's bei euch? Wisst ihr, wie man mit Menschen mit einer Hörbehinderung wirklich umgeht?
Schreibt mir
Bleibt's xund, eure Frau Kruemelkuchen