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Über die Unpünktlichkeit – oder: warum mein inneres Wiesel hyperventiliert

Ich gestehe – und ich gestehe es ohne jede Koketterie: Ich komme zu früh. Maximal pünktlich. Aber selten, wirklich selten, zu spät.

Und glauben Sie mir: Das ist keine pedantische Marotte, kein zwanghaftes Erbe einer preußischen Disziplinfantasie. Es ist Überzeugung, beinahe Lebensethik.

Denn wer jemanden warten lässt, stiehlt ihm nichts weniger als Lebenszeit.

Und Lebenszeit ist bekanntlich jene fragile Ressource, die sich weder sparen noch vermehren lässt – kein ETF der Welt, kein Kryptowallet, nicht einmal die schlausten Steuertricks verschaffen Nachschub. Jede Minute, die man jemandem klaut, ist unwiederbringlich futsch. Sie verdampft, wie Zucker im Espresso, nur ohne Süße.

So sitze ich also lieber zehn Minuten zu früh an verabredeten Orten – in Cafés, Wartezimmern, an Straßenecken – und schaue dabei zu, wie mein inneres Wiesel zu hyperventilieren beginnt. Es rennt im Kreis, schaut hektisch auf die Uhr (die es gar nicht trägt), zerknüllt gedanklich die Serviette, die es noch gar nicht bekommen hat.

Neben ihm, träge und majestätisch wie immer, meine Wasserbüffelin. Sie seufzt, senkt das Haupt, kaut imaginäres Gras und denkt vermutlich: „Dieses nervöse Pelztier bringt uns beide ins Grab.“

Doch schlimmer noch als zu früh zu sein, ist für mich: vertröstet zu werden. Da sitze ich also, pünktlich wie ein schweizerisches Uhrwerk, während mein Gegenüber sich verspätet – nicht aufgrund von Schicksalsmächten wie explodierenden Busmotoren oder unerwarteten Meteoriteneinschlägen. Nein. Sondern einfach, weil er/sie/es entschieden hat, die eigene Lebenszeit für wichtiger zu halten als die meine.

Und dann soll ich das charmant finden?

30 Minuten Verspätung als Ausdruck von Lässigkeit? Als Signal: „Sei doch froh, dass ich überhaupt erscheine, Darling.“ – Nein. Mein inneres Wiesel schreit. Es tobt. Es zitiert Kant und ruft: Unzeitgemäßes Handeln verletzt den kategorischen Imperativ!

Meine Wasserbüffelin hingegen brummt ein tiefes „Oooohm“, doch es klingt eher wie ein Grabgesang für die Höflichkeit.

Natürlich, es gibt Widrigkeiten. Das Leben stolpert. Hunde fressen Handys, Kinder kotzen in den falschen Momenten, Züge haben ihre eigenen metaphysischen Gesetze. Aber davon spreche ich nicht. Ich spreche von jener bewussten Entscheidung, verspätet zu sein. Von der affektierten Kunst der Nonchalance.

Von Menschen, die glauben, dass ihr “ich bin halt so” und ihr „Ich bin gleich da“ ein gültiges Ticket sei, während man selbst längst in der frostigen Vorhalle der Geduld sitzt.

Pünktlichkeit, meine Damen und Herren, ist kein spießiges Relikt. Sie ist ein Zeichen von Respekt. Wer pünktlich kommt, sagt mir: „Dein Leben ist mir nicht weniger wert als meines. Deine Minuten sind nicht der Abraum meiner eigenen.“

Darum bleibe ich lieber die, die zu früh erscheint. Die, die im Café sitzt, wenn der andere noch unter der Dusche steht. Die, deren Wiesel mit jedem Sekundenzeiger einen epileptischen Anfall bekommt, während die Wasserbüffelin schon halbe Weiden niedergrast.

Lieber so – als diejenige, die in die Rolle einer Respektschuldnerin gerät, bei jedem Schritt murmelnd: „Es tut mir leid, ich wusste es besser – und kam trotzdem zu spät.“

Und wenn mich dann jemand belächelt, weil ich schon da bin, während die Glocken der Kirche erst zum Treffen läuten, dann antworte ich innerlich:

Lieber zehn Minuten zu früh und ein freier Mensch –

als zehn Minuten zu spät und ein kleptomanischer Dieb der Lebenszeit.

Bleibt's xund

Eure Frau Kruemelkuchen

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