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Über Schubladen – und das Recht, mehr zu sein

Wir Menschen sind, Hand aufs Herz, Schubladenwesen. Unser Gehirn liebt Kategorien wie mein inneres Wiesel ein Stück Zuckerbrot nach einem langen Tag. Es ist ein archaisches Überlebensprogramm: Sortieren, Ordnen, Etikettieren. Schon in der Steinzeit musste man wissen: Beere essbar – Schublade links. Beere giftig – Schublade rechts. Löwe gefährlich – Schublade dringend schließen. Wir sind also nicht frei davon, unsere Mitmenschen ebenfalls zu beschriften, als wären sie Marmeladengläser mit Verfallsdatum.

Die Schublade schenkt Orientierung, ja fast so etwas wie einen Sicherheitsbügel in der wilden Lebensachterbahn. Man hält sich daran fest, wähnt sich geborgen – und vergisst, dass der Bügel nicht nur schützt, sondern eben auch einsperrt.

Das Problem beginnt, wenn wir die Schubladen nicht für Dinge, sondern für Menschen nutzen. Wenn wir die Komplexität eines Menschen – dieses oszillierende, widersprüchliche, wilde Bündel aus Sehnsucht, Schweiß, Glanz und Tränen – in eine Holzkiste pressen, wie ein Mammutsteak in eine Brotdose.

Dann wird aus Struktur Reduktion. Aus Orientierung eine Karikatur. Aus Menschlichkeit Karikaturenhaftigkeit.

Auch ich selbst finde mich in allerlei Schubladen wieder. Für den einen bin ich die „kluge Denkerin“. Für den anderen die „Elegante“, bloß weil er mich ein einziges Mal in der Oper erblickte. Wieder andere sehen mich an der Wursttheke, in Jogginghose, mit Haaransatz und müden Augen, und erschaffen aus diesem Moment ein Idealbild der „natürlichen Frau“.

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