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Normalität als Fiktion – und ich als ihre angenehm unbequeme Widerlegung

Ein Essay über Sichtbarkeit, Anspruch und die Freiheit, sich selbst treu zu bleiben

Artikel der aktuellen Zeitschrift "Hörgut" Erhältlich über den BayCIV

Es gibt Momente, in denen die Welt ihre irritierend schlichten Raster ausbreitet – hell, dunkel, normal, behindert –, als ließe sich menschliche Komplexität in zwei bis drei Spalten eines Formblatts pressen.

Diese Raster wirken wie administrativ geglättete Horizonte, steril und bequem, geschaffen für jene, die die Welt gern so aufgeräumt hätten, wie sie selbst nie waren.

Neulich etwa sagte mir jemand, er tue sich schwer, mich „als behinderte Frau zu sehen“. Ich wirke ja „so normal“.

Für einen flüchtigen Augenblick wollte mein inneres Wiesel – dieses spitzfindige, rhetorisch flamboyante Wesen mit feinem Gespür für gesellschaftliche Absurditäten – beharrlich flüstern:

„Danke, du auch. Überraschend sogar.“

Die Wasserbüffelin schnaubte milde, weil sie diplomatischer ist als das Wiesel.

Aber die Frage, die sich daraus ergab, war eine weit größere als die kleine Bemerkung, die sie auslöste:

Was soll normal sein?

Wer definiert die Koordinaten dieses Begriffs?

Wer versieht ihn mit normativer Autorität, als sei er eine Art ISO-Zertifizierung menschlicher Durchschnittlichkeit?

Die Wahrheit ist schlicht:

Ich bin normal.

Ich bin behindert.

Beides gleichzeitig, reziprok, unauflöslich miteinander verwoben.

Normalität jedoch – und hier beginnt die eigentliche Musik dieses Essays – ist kein Zustand, sondern ein Konstrukt.

Eine fragile Folie, ein gesellschaftlich tradiertes bouchoir, das mehr über die, die es anwenden, aussagt, als über diejenigen, die ihm unterworfen werden sollen.

Ich habe mich nie als Protagonistin dieser normativen Erzählung gesehen.

Eher als ihre charmant-störende Fußnote, vielleicht sogar als ihre veritable Widerlegung.

I. Ich war nie normal – und das ist meine konstitutionelle Stärke

Denn ginge es tatsächlich um dieses nebulöse Etikett „normal“, dann war ich es ohnehin nie.

Nicht im Ansatz.

Weder als Kind noch als Teenager entsprach ich jener erwartbaren Süßlichkeit des braven Mädchendaseins, das sich artig ins dramaturgische Bühnenbild der Gesellschaft einfügt.

Ich war wild.

Ungeschliffen, ungehobeltim besten Sinne.

Aufmerksam, nachdenklich, rebellisch, ungezähmt – ein funkelnder Seitenhieb auf die Erwartung, ein Mädchen müsse sanft, leise und gefällig sein.

Ich war eine lebendige Divergenz.

Eine, die soziale Normen eher als diskussionswürdige Vorschläge empfand denn als Verpflichtung.

Brav war ein Kostüm, das mir weder im Saum noch in der Seele passte.

Konformität war nie meine Biografie – und wäre es geworden, hätte ich sie getragen wie eine schlecht sitzende Perücke.

Diese früh eingeübte Resistenz gegen normativen Erwartungsdruck ist heute meine konstitutionelle Stärke.

Sie ist der Grund, warum es mich amüsiert und zugleich verwundert, wenn Menschen, die mich früher als zu laut, zu direkt, zu unkonventionell wahrnahmen, heute irritiert feststellen, dass ich als behinderte Frau „so normal“ wirke.

Als wäre Behinderung eine moralische Aufforderung zur Sanftheit.

Als wäre Anpassung Teil des medizinischen Pakets.

Als würde man bei der CI-Nachsorge nebenbei auch „soziale Bescheidenheit“ implantieren.

II. Laut, rebellisch, präsent – und damit für manche: zu viel

Wild, ungestüm, insistierend auf meinen Rechten – ja, genau so bin ich heute noch.

Aber nicht, weil ich im Zentrum stehen möchte, sondern weil ich gelernt habe, dass Sichtbarkeit nicht von allein entsteht.

Ich bin selbstbewusst bis in jene Zonen hinein, die manche für überbordend halten.

Doch für meine eigenen Koordinaten bin ich damit schlicht konstant:

strukturell integer, psychisch präsent, innerlich souverän.

Andere hingegen empfinden mich als laut.

Laut im übertragenen Sinne – denn akustisch betrachtet ringe ich oft genug mit dem diffusen Rauschen einer Welt, die nicht für mich gebaut ist.

Aber laut bedeutet in Wahrheit:

unangepasst.

Und unangepasst bedeutet:

selbstbestimmt.

Und selbstbestimmt bedeutet:

frei.

Das eigentliche Unbehagen vieler ist nicht meine Behinderung, sondern meine Verweigerung, sie unsichtbar zu machen.

Nicht meine Einschränkung, sondern meine Konsequenz.

Nicht meine Vulnerabilität, sondern meine Würde.

III. Das Unbehagen an Sichtbarkeit – oder: Warum manche wünschen, ich wäre dezenter

„Warum muss man das denn so zeigen? Es ginge doch auch dezenter“, höre ich gelegentlich.

Ein Satz, der klingt wie Watte, aber nach Zensur schmeckt.

Während die einen damit kämpfen, überhaupt das Wort Behinderung auszusprechen, ringen die anderen damit, dass ich mir nichts aus ihren Konventionen mache.

Dass ich frei lebe, frei spreche, frei auftrete.

Dass ich mich weigere, meine Implantate hinter Haar, Scham oder Schweigen zu verstecken.

Hörlibert und Hörmine verschwinden nicht.

Sie sind sichtbar, dekoriert, flamboyant, liebevoll gestaltet.

Sie sind Teil meiner Biografie und meines Körpers, nicht ein technischer Fehler im ästhetischen System der Außenwelt.

Nicht, weil ich ein Spektakel brauche.

Nicht, weil ich mich in den Mittelpunkt drängen müsste.

Sondern, weil ich existiere.

Und meine Existenz fordert Sichtbarkeit – nicht zur Provokation, sondern zur Wahrheit.

Sichtbarkeit ist kein Affront.

Unsichtbarkeit wäre eine Lüge.

Und das Wiesel kommentiert, mit einer kleinen kunstvollen Pirouette:

„Eine ziemlich unpraktische Lüge, wenn man täglich mit zwei Prozessoreinheiten durch die Gegend läuft.“

IV. Ich unterwerfe mich nicht euren Maßstäben

Und so sage ich – klar, ruhig, aber unerschütterlich:

Es interessiert mich nicht, welche Maßstäbe du in deinem Leben setzt.

Welche Ketten du dir anlegst.

Welche Geißeln du für Tugenden hältst.

Welche Normen du polierst, damit sie glänzen wie Prinzipien.

Das alles sind Konstruktionen.

Nicht die meinen.

Ich lebe frei.

Ich bin ich.

Ich bin genug.

Ich bin nicht promissorisch, nicht fragmentarisch, nicht halbfertig unter der Lupe fremder Erwartungen.

Ich lebe nicht in der Fußnote gesellschaftlicher Normen.

Ich bin meine eigene Definition – eine Konvergenz aus Erfahrung, Mut, Stil, Behinderung und unverhandelbarer Wildheit.

V. Schluss: Die Essenz meiner Sichtbarkeit

Laut, wenn es notwendig ist,

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