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Ein Mann im Haus

Über Liebe, Trauer und ein neues Leben mit einem jüngeren Mann.

Das Katzi und ich sind nicht mehr allein. Ein Mann lebt seit heute wieder bei uns, genauer: ein Männchen. Oder noch genauer: ein Jüngelchen. Drei Monate ist das kleine Wesen alt.

Doch von Anfang. Vor zweieinhalb Jahren starb mein Kater Bärli an “hochgradigem rechtsseitigen Herzversagen”, wie es im Diagnosebericht hieß, und mein Herz brach. Bärli war meine Seelenkatze, wir waren uns charakterlich so unglaublich ähnlich, dass sein Tod sich für mich anfühlte, als hätte jemand meinen Siamesischen Zwilling von mir abgerissen.

Lange, sehr lange war ich danach nicht dazu in der Lage, mir seine alten Fotos noch einmal anzusehen. Von seinem verlinkten Nachruf (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ganz zu schweigen. Die Lücke, die er hinterließ, spüre ich bis heute. Ich habe mich zwar schon kurz nach seinem Tod beim Tierheim Berlin um einen Nachfolger bemüht, aber weil man es dort für richtig hält, die Adoptionshürden höher zu machen als bei einem Menschenkind, fand sich niemand. Und weil ich wusste, dass der Teil meines Herzens, in dem mein Bärli gewohnt hat, ohnehin bis auf weiteres unfruchtbar war, hat es mir nicht wirklich etwas ausgemacht.

Als ein sehr lieber und besonderer meiner früheren Twitter-, später auch Instagram-Homies Toschcrs (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) postete, dass seine umtriebige Katze schwanger von einem Ausflug zurückgekehrt war, sah ich zum ersten Mal seit Bärlis Tod eine echte Gelegenheit. Ich sprach ohne zu zögern und lange vor der Geburt die Worte: Ich möchte das Kleinste im Wurf, the runt of the litter, Geschlecht und Aussehen egal, und nenne es Skinny. Ich las gerade im Zuge meiner Zeitreise durch mein Bücherregal mal wieder meine “The Goon”-Comics von Eric Powell, in denen es eine tolle Figur dieses Namens gibt, ein zartes Bürschchen, das sich später in den unheimlichen Mr. Wicker verwandelt, um sich an einer erbarmungslosen Gesellschaft zu rächen.

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Der Tag der Geburt kam und es stellte sich heraus, dass der Wurm des Wurfs - Skinny - schwarz war. Jetzt muss man wissen, dass ich seit schon immer und unabhängig davon, dass auch mein Bärli am ganzen Körper tief schokobraun war, ein Herz für einfarbig dunkle Katzen habe. Mit Anfang dreißig, lange bevor Bärli in mein Leben trat, hätte ich schon einmal beinahe eine schwarze Katze adoptiert, habe mich damals aber doch dagegen entschieden. Dem Tierheim hatte ich gesagt, dass ich jede Farbe nehme, aber insgeheim gehofft, sie würden mir jemanden anbieten, dessen Aussehen besonders mit mir klickt.

Dass das Würmchen des Wurfs schwarz war, war emotional für mich mehr als ein Zufall. Etwas sollte da passen, so fühlte es sich an. Mein Skinny in spe allerdings verlor nach der Geburt erst einmal Gewicht, ich versuchte, das alles noch nicht als fix zu sehen, weil ich bei Instagram genug Katzenpflegestellen folge, um zu wissen, dass bei einem litter runt der Tod ebenso nahe ist wie das Leben. Aber Skinny boxte sich durch, fraß sich ein seinem Alter angemessenes Gewicht an und ich erlaubte mir zu hoffen.

Schneller Vorlauf auf heute (Sonntag, 7. Dezember 2025) Vormittag, als ich Skinny zum ersten Mal persönlich kennenlernen durfte. Als ich ihn von Toschcrs übernahm, zitterte er wie Espenlaub, und ich merkte, wenn es irgendein Gefäß gibt, in das meine Liebe, Geduld und Zärtlichkeit gehören, dann ist es dieser kleine Wurm.

Im letzten Monat habe ich mich zwei Wochen lang um die traumatisierte Katze meiner entzückenden Nachbarin gekümmert, die in dieser Zeit unglaubliche Fortschritte in Sachen Vertrauen gemacht hat. Die Katze, nicht die Nachbarin. Seitdem halte ich mich für die Katzentherapeutin der Herzen, weshalb es gefühlt auch nur eine halbe Stunde dauerte, bis Skinny zum ersten Mal auf meinem Schoß einschlief.

Mein Katzi machte mir die wenigsten Sorgen. Sie ist eine robuste Natur, wenig ängstlich vor Mann und Maus. Eifersüchtig zwar, schon damals, als der Bärli noch lebte, aber nicht leicht zu stressen. Die ersten Augenblicke verliefen denn auch eher in einem frostigen “Was soll das denn jetzt?!” als in greller Aufregung.

Man belauerte sich, man schnupperte rum, man schaute mich an wie “Seriously, mother?”, einmal hat die Maus ein Geräusch von sich gegeben, als bräuchte sie dringend einen Exorzisten, aber es gab keine körperliche Gewalt. Nach dem ersten Eindruck hat sich Skinny in die Höhle des Kratzbaums und Katzi unter das Bett verzogen.

Dass Skinny bei der Erstbegegnung sofort meine Nähe gesucht hat und zwischendurch vor Aufregung wieder in meinem Schoß eingeschlafen ist, rührte mein Herz auf eine nie gekannte Art. Und zum ersten Mal, seitdem mein Bärli mich verlassen hat, kann ich seinen Nachruf noch einmal lesen. Erlaube mir, von ganz tief innen zu weinen, die Reste des Verlustschmerzes wegzuweinen. Ich weine wegen allem, das ich verloren und in diesem Augenblick gewonnen habe. In der Gewissheit, dass die verbrannte Erde in meinem Herzen wieder fruchtbar werden wird, weil ein sehr kleiner Junge und eine ältere Maus meine Liebe brauchen.

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Innerhalb einer halben Stunde fallen alle meine Fingernägel diesem Übermaß an Empfindung zum Opfer. Aber es ist egal. Diesen kleinen Mann muss ich nicht mit perfekt manikürten Nägeln beeindrucken, sondern nur mit meiner Fähigkeit, auf ihn einzugehen. Fingernägel sind egal, Liebe nicht.

Bis auf meine leise Lieblingsmusik ist es still in der Wohnung. Mann und Maus erholen sich vom Schock, ungefragt eine fremde Katze vorgesetzt bekommen zu haben. Die Tränen in mir sind versiegt, nachdem ich sie hemmungslos herausgelassen habe. Ich weiß: kein Bärli ist sauer, weil ich mir erlaube, neu zu lieben. Kein Skinny ist sauer, weil es in die Fußstapfen einer Seelenkatze treten soll. Gut, die Maus ist sauer, weil sie mich fortan wieder mit jemandem teilen muss, aber die ist auch sauer, wenn ich für ein paar Stunden Besuch habe oder versehentlich doch mal ein Mann über Nacht bleibt.

In diesen Minuten tut mir mein Herz ebenso weh wie meine blutigen Nagelbette und doch spüre ich, dass alles richtig ist: die Liebe, die Trauer, die emotionale Überlastung, die abben Fingernägel.

Willkommen, kleiner Skinny. Ich verspreche, dass ich alles tun werde, damit es dir und der Maus bei mir gutgehen wird.

Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder Bluesky (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) folgen.

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