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Überbewertet

Wie die Einordnung von Studien missbräuchliche Väter bevorzugt.

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN

Seit Jahrzehnten hält sich ein Familien-Mythos hartnäckig. Besser ein schlechter Vater, als kein Vater. Besser ein aggressiver Vater, als kein männlicher Einfluss. Die positive Grundannahme für Väter lautet: Hauptsache Vater, denn sonst scheitert die Entwicklung für ein Kind.

Doch stimmt das auch? Wie kann es sein, dass selbst vernachlässigende und (emotional) missbräuchliche Väter im Leben eines Kindes als positiver eingestuft werden, als Abwesende? Im Umkehrschluss lautet die Aussage nämlich auch: Selbst beste Mütter könnten nicht leisten, was miese Väter einbringen. Dieser Rückschluss ist falsch.

Was seit mehr als zehn Jahren immer wieder als „in Studien" belegt gilt, geht in Wahrheit auf eine bewusste Auslassung in der Auswertung zurück. Studien, wie etwa eine Erhebung der Uni Leipzig aus 2004, zeigten übereinstimmend, dass vaterlos aufwachsende Kinder unter psychischen Belastungen und schlechten schulischen Leistungen litten, was beides oft mit langfristigen Folgen für ihren Lebensweg einhergehe. Dieser
Effekt wurde maßgeblich dem Fehlen des Vaters zugeschrieben.

Ein fehlender Vater bedeutet meist fehlendes Geld. Ein abwesender Vater steht oft für Täterschaft. Das Trauma rührt nicht aus der Abwesenheit des männlichen Parts, sondern aus der Vorgeschichte und den Folgen.

Was in diesen Ein-Elternteil aus Mutter und Kind jedoch ebenfalls fehlte, war nicht der Vater, sondern das Geld. Die Studienauswertungen zeigten übereinstimmend auf, dass Armut ein Faktor war, der alle Alleinerziehenden und ihre Kinder schwer belastete. Abwesender Vater hieß in den allermeisten Fällen auch nicht vorhandenes Geld. Alleinsorge, kein oder nur ein geringes Einkommen, kein oder nur unzureichender Unterhalt. Keine Entlastung, eine enorme finanzielle Mehrbelastung, die oft in einer schwierigeren Versorgung und Begleitung des Kindes mündete, verglichen mit Normfamilien.

Und doch wurde dieser Bezug nie in den Vordergrund gestellt. Die Einordnungen lauteten stets: Väter seien wichtig für die emotionale Stabilität des Kindes, für den schulischen Erfolg, für soziale Entwicklung und akademische Laufbahn. Die falsche Grundannahme erfolgt weltweit bis heute geschlechterbezogen: Ein Vater, egal welcher Art, leiste, was Frauen so nicht können. Die männliche Prägung wurde als unverzichtbar eingestuft, während es in Wahrheit das Geld war, ohne das Mütter und Kinder enorme Herausforderungen zu meistern hatten. Ein Vielfaches mehr als Familien mit Vätern im Familienverbund oder den wenigen bereitwillig zahlenden, involvierten Papas.

Die Zahlen zeigen, wie selten Männer zahlen. Online-Foren und Kommentarspalten sind voll mit Vätern und Jurist:innen (!), die Vätern Tipps geben, wie der unliebsamen Ex der Unterhalt streitig gemacht werden könne. „Ihr bloß nicht zuviel bezahlen", so der Wunsch. Dazu werden Einkünfte frisiert, Jobs auf Schwarzarbeit umgestellt, Vermögenswerte auf Mutter und neue Partnerin verschoben oder schlicht falsche Angaben gemacht. Männer tricksen beim Kindesunterhalt, das scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein und eine Tatsache, die selbst Gerichte so schulterzuckend billigen. Dabei handelt es sich bei der Verletzung der Unterhaltspflicht um einen Straftatbestand, auf den – wenigstens in der Theorie – satte Strafen folgen, denn: Unterhaltsbetrug ist strafbar und kann als Verletzung der Unterhaltspflicht (§ 170 StGB) mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren (in schweren Fällen bis zu 5) oder Geldstrafe geahndet werden, wenn der Lebensbedarf des Berechtigten gefährdet ist. Falsche Angaben zu Einkommen/Vermögen können zudem als Betrug (§ 263 StGB) oder falsche eidesstattliche Versicherung (§ 156 StGB) verfolgt werden.

In der Realität sind es knapp 50 Prozent der getrennt lebenden Väter in Deutschland, die keinerlei Unterhalt bezahlen. Obwohl sie könnten. Weitere 25 Prozent zahlen (weit) weniger, als sie müssten und nur 25 Prozent der getrennten Väter kommt einer Unterhaltspflicht ordentlich nach. (BMBFSFJ)

Zahlt ein Elternteil nicht, springt der Staat ein und überweist den Unterhaltsvorschuss. Einen Betrag, der unter dem Mindestunterhalt liegt und von dem ein volles Kindergeld abgezogen wird. Im Jahr 2024 kompensierte der Staat die Zahlungsunwilligkeit von Elternteilen mit rund 3,2 Milliarden Euro. Nur etwa 17 Prozent der Kosten (ca. 500 Millionen Euro) konnte sich der Staat von den Unterhaltspflichtigen zurückholen. Den Rest bezahlt jährlich der Steuerzahler.

Die säumigen Zahlungsverweigerer sind fast immer Männer. Väterrechtsverbände bemängeln immer wieder, dass Väter zu viel zahlen müssten und die Beträge viel zu hoch seien. Zudem sei es unzumutbar, wenn Väter zahlen müssten, obwohl sie ihre Kinder nicht sehen dürfen. Die Logik lautet: Unterhalt (in der zugesatndenen Höhe) ist eine milde Gabe und der Deal dafür beinhaltet zwingend den Zugang zum Kind. Was Kinder kosten, wird seit Jahren nicht ausreichend neu erfasst und mitgedacht. Auch existiert für alleinerziehende Mütter kein Selbstbehalt, wie ihn unterhaltspflichtige Väter für sich beanspruchen dürfen. Im Ergebnis leben Alleinerziehende, die zumeist Frauen sind, mit ihren Kindern häufig unter dem Existenzminimum.

Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung sind Alleinerziehende
die am stärksten von Armut bedrohte Gruppe in Deutschland
(43 Prozent). Trotz Erwerbstätigkeit führe dies oft zu Bürgergeldbezug, wobei ausfallender Unterhalt und hohe Lebenshaltungskosten zentrale Ursachen seien. Unterm Strich heißt das für Frauen: Wenn sie sich trennen oder von Tätern fliehen, ist das der Schritt in die Armut. Und Armut hat Folgen. Mehr als 50 Prozent Bürgergeld beziehender Elternteile gaben an, selbst auf Mahlzeiten zu verzichten, um die ausreichende Ernährung ihrer Kinder sicherzustellen.

Armut hat Folgen. Nicht Vaterlosigkeit.

Die Folgen von Armut lesen sich dann wie die Folgen, die in Studien jahrelang mit dem Verlust des Vaters gleichgesetzt wurden:
Schlechtere gesundheitliche Versorgung, bedrohte Wohnsituation, soziale Ausgrenzung und finanzielle Unsicherheit. Und infolgedessen starke psychische Belastungen. Ein Bericht des Kinderhilfswerks UNICEF zur Lage der Kinder in Deutschland (2025) offenbart: mehr als eine Million Kinder in Deutschland leben in Armut. Ein großer Teil davon, weil ihre Väter finanzielle Gewalt (an den Müttern) ausüben.

Einkommensarmut, so heißt es im UNICEF-Bericht, führt oft zu erheblichen materiellen und sozialen Entbehrungen (Deprivation). Deprivation erfasst die konkreten Auswirkungen von Armut auf die konkreten Lebensbedingungen. Zu den Indikatoren zählen unter anderem neue Kleidung, ausgewogene Ernährung, Spielaktivitäten, Schulausflüge oder auf den Haushalt bezogen das Leben in einem warmen, adäquaten Haus oder der Besitz eines Autos.

Von Armut gefährdete und betroffene Kinder und Jugendliche können von Schuld und Scham geplagt sein, fühlen sich möglicherweise nicht ernst- oder wahrgenommen und hilflos, ihre Situation zu verbessern. Kinder haben keine Möglichkeit, sich selbst aus Armut zu befreien –
sie können ihre finanzielle Situation nicht selbstständig ändern. Als Konsequenz von Armut können Kinder unter einer ungleichen Verteilung von Chancen zur Entwicklung ihrer individuellen Fähigkeiten leiden, haben unter Umständen ein erhöhtes Krankheitsrisiko und sind zum Teil von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. (UNICEF, 2025)

Gewalt hat Folgen. Nicht Vaterlosigkeit.

Doch damit nicht genug. Unterhaltsdelikte sind Gewalt. Gewalt an erziehender Mutter und gleichermaßen am Kind. So sind Kinder doppelt betroffen. Auf der einen Seite belasten sie die Folgen von Armut, auf der anderen Seite zeigen sie kurzfristige und Langzeitauswirkungen von Gewalterleben. Diese Folgen und Traumata sind fast deckungsgleich mit den Folgen von Armut und doch gravierender. Darunter Notennachteile in der Schule, Einbußen bei Konzentration und Merkfähigkeit, Depressionen, Neigung zu Suchtverhalten und Suizid, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, später im Leben Täter oder Opfer zu werden. Eine ausführliche Dokumentation der Studienlage zu den Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt auf Kinder und Jugendliche haben die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages als Datensammlung zusammengetragen1.

In Studien um den Einfluss von Vaterlosigkeit finden sich eben diese Folgen. In den allermeisten der Erhebungen fehlt grob fahrlässig die Korrelation zwischen der auferlegten Armut der alleinerziehenden Mütter und dem Leben ohne Vater.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Armut und Gewalt machen Kindern krank. Belastete Erziehungspersonen und starke finanzielle Einschränkungen hinterlassen Spuren in Kinderleben und beeinflussen schulischen Erfolg, Gesundheit, psychische Entwicklung, soziale Beziehungen und Chancen im Leben.

Nicht der Zwangskontakt zu einem missbräuchlichen Vater löst dieses Problem, sondern die Zwangsdurchsetzung der Unterhaltspflicht.

Die positive Auswirkung auf das Leben eines Kindes aus dem Mehrwert eines zugewandten, emotional sicheren und mitfinanzierenden Vaters in einer funktionierenden Beziehung mit der Mutter abzuleiten, bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass negativen Folgen bestehen, weil der männliche Elternteil fehlt.
Das ist Maskulisten-Schlussfolgerung. Die Folgen bestehen nach Gewalt, Coercive Control und Missbrauch. Was alleinerziehenden Frauen fehlt, ist die Care-Leistung durch einen zweiten Erwachsenen, was fehlt, ist ausreichender Unterhalt. Was fehlt, sind Schutz vor Gewalt und Nachtrennungsgewalt.

Wenn zu kurz gegriffene Schlussfolgerungen aus Erhebungen dazu führen, dass selbst Täter im Leben eines Kindes als Gewinn umgedeutet werden, dann besteht Handlungsbedarf. Diese Folgerungen müssen nachjustiert werden, um Gewalt und finanziellen Missbrauch mit zu berücksichtigen. Das betrifft sowohl den Kindeswohlbegriff, als auch eine grundsätzliche Positiverwartung an den Vaterkontakt in Jugendämtern, Therapien und bei Gericht.

Positive Geschlechtervorbilder für Kinder bieten sich über Sportvereine, Lehrkäfte, Freundeskreise der Mutter und neue Partner. Kein Kind profitiert um jeden Preis von einem missbräuchlichen, verantwortungslosen Vater. In Zeiten des angezählten Patriarchats gilt es zudem grundsätzlich zu überdenken, ob wir den Mehrwert von Personen gegenüber Kindern an ihrem Geschlecht festmachen müssen. Es wird Zeit, diese Narrative zu hinterfragen.

Ein Vater um jeden Preis? Wahrscheinlich nicht. Gewaltschutz und Schutz vor finanzieller Ausbeutung muss für alleinerziehende Mütter gewährleistet werden. Dann sind sie es, die den versagenden Vater ausgleichen.

  1. Gewalt in Paarbeziehungen und die Folgen für Kinder und Jugendliche Aktuelle Studienlage Aktenzeichen: Abschluss der Arbeit: Fachbereich: WD 8 - 3000 - 033/24 24.06.2024 WD 8: Gesundheit, Familie, Bildung und Forschung, Lebenswissenschaften

Sujet Stimme gegen Gewalt

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