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Die Bildungsillusion

Verteilen Hochschulen nur noch Abschlüsse und immer seltener Bildung?

Was ich als Professor sehe – und warum ich trotzdem an das Studium glaube

Seit über zwanzig Jahren stehe ich im Hörsaal einer großen staatlichen Hochschule. Jedes Semester neue Gesichter, jedes Semester dieselbe stille Frage in meinem Kopf: Was kann ich diesen Menschen wirklich mitgeben – in einem System, das dafür immer weniger Raum lässt?

Denn das System, in dem ich arbeite, ist auf Quantität gebaut. Mehr Studiengänge, mehr Einschreibungen, mehr Abschlüsse. Über 22.000 Studiengänge gibt es inzwischen in Deutschland, 2,88 Millionen Studierende. Die Kennzahl, nach der Hochschulen gesteuert werden, ist die Kopfzahl. Was zwischen Einschreibung und Zeugnis mit einem Menschen passiert, misst niemand.

Gleichzeitig verändert sich, wer im Hörsaal sitzt. Ich erlebe junge Menschen, die schneller, pragmatischer und technisch versierter sind als jede Generation vor ihnen. Und ich erlebe, dass vielen etwas anderes fehlt: einen langen Text durchdringen. Einen Gedanken über drei Seiten tragen. Eine Woche an einem Problem bleiben, das sich nicht in zwanzig Minuten löst.

Das ist keine Schuldzuweisung an die Studierenden. Sie haben sich an eine Welt angepasst, die ihnen ständige Verfügbarkeit von allem beigebracht hat. Die Hochschule hat sich an gar nichts angepasst. Sie prüft weiter, als gäbe es keine KI. Sie lehrt weiter, als wäre Wissen knapp. Und sie wächst weiter, als wäre Wachstum der Auftrag.

Die Frage, die mich umtreibt

Wie sieht die Hochschule in fünf, in zehn Jahren aus – ganz unabhängig davon, was Politik will oder verschleppt?

Meine Einschätzung: Sie wird sich spalten. Auf der einen Seite entstehen Lernorte mit kleinen Gruppen, echten Mentoren, Gesprächen und Projekten – dort, wo Menschen Menschen entwickeln. Auf der anderen Seite wächst eine Selbstbedienungsbildung aus Videos, KI-Tutoren und automatisierten Zertifikaten. Beides wird „Studium” heißen. Es wird nicht dasselbe sein.

Und hier muss ich etwas klarstellen, weil es mir wichtig ist: Ich plädiere für keine Elite. Das Gegenteil treibt mich an. Ich will, dass jeder Mensch, der studiert, über sich hinauswächst. Fachlich, ja. Aber vor allem persönlich: Chancen suchen. Chancen erkennen. Chancen nutzen. Das ist für mich der Kern von Bildung – die wachsende Fähigkeit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Ein Studium, das nur Stoff durchreicht und Klausuren verwaltet, hat diesen Namen nicht verdient.

Deshalb frage ich mich jeden Tag: Wie gehe ich mit meinen Studierenden um, heute und morgen, in einem starren System? Meine bisherige Antwort ist unspektakulär und anstrengend zugleich – mehr Gespräch, mehr Projekt, mehr Zumutung im besten Sinn. Ich verlange etwas, und ich begleite dabei. Beides zusammen ist das, was keine Maschine ersetzen kann.

Aus dieser Erfahrung entsteht gerade ein neues Buch. Bevor das Konzept final wird, möchte ich von Ihnen lernen. Vier Fragen, je nachdem, aus welcher Perspektive Sie lesen:

Als Mutter oder Vater: Was erhoffen Sie sich vom Studium Ihres Kindes – und woran würden Sie erkennen, dass es dort wirklich wächst?

Als Personalverantwortlicher: Woran erkennen Sie im Gespräch, ob jemand über sich hinausgewachsen ist – jenseits der Abschlussnote?

Als Kollegin oder Kollege an einer Hochschule: Wo gelingt es Ihnen trotz des Systems, echte Entwicklung zu ermöglichen? Und wo scheitern Sie an den Strukturen?

Als Studierende oder Studierender: Was müsste Ihre Hochschule ändern, damit Sie sagen: Hier werde ich als Person ernst genommen?

Schreiben Sie mir Ihre Sicht direkt als Antwort. Die stärksten Gedanken fließen – auf Wunsch mit Namensnennung – in das Buch ein.

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