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Heute machen wir blau!

Von Hasnain Kazim - Journalismus oder Aktivismus / Gute Täter, schlechte Täter / London und Iran / Echte Probleme / Tinte

Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Woche hat mit das Thema Voreingenommenheit beschäftigt. Immer häufiger lese ich zum Beispiel in Kurzbiografien, dass Leute sich Journalist und Aktivist zugleich nennen. Ich finde, ein Journalist, eine Journalistin kann nur Aktivist, Aktivistin sein in Sachen Presse-, Meinungs-, Redefreiheit. Ansonsten, finde ich, geht das nicht. Privat kann jeder natürlich machen, was er will. Aber in dem Moment, wo sich das Themenfeld mit dem beruflichen überschneidet, wird’s schwierig.

Natürlich brauchen Journalisten einen Kompass, einen Wertemaßstab, eine Haltung, selbstverständlich dürfen sie in ihrer Kommentierung für etwas einstehen, ihre Texte dürfen grundsätzlich schon Position beziehen, aber sie müssen gut und transparent durchargumentiert sein und Raum für andere Positionen lassen. Grundvoraussetzung für Journalismus sind Neugier und Unvoreingenommenheit. Bei Aktivismus ist zumindest Letzteres nicht gegeben, ist auch nicht notwendig, wird auch nicht erwartet.

Aber wenn man nun zum Beispiel “Aktivistin für Iran” ist, kann man, finde ich, nicht zugleich einen nachrichtlichen Bericht oder eine Reportage in einem Nachrichtenmagazin über Iran verfassen. Überhaupt kann man dann nicht als Journalist, als Journalistin über Iran berichten. Höchstens in der Zeitschrift eines Verbandes, der entsprechenden Aktivismus betreibt. Alles andere empfinde ich als unseriös.

Gute Täter, schlechte Täter

Menschen brauchen Erzählungen. Geschichten brauchen Helden und Bösewichte, Freunde und Feinde, die Guten und die Bösen. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Ich arbeite gerade an einer fiktiven Figur, die eigentlich unsympathisch ist, aber doch nett sein soll.

Aber natürlich muss man sich dieser Zuschreibungen, dieser Schubladisierungen bewusst sein. In meiner Kindheit waren in Hollywoodfilmen die Russen immer die Bösen - und am Ende auch die Verlierer. Im realen Leben waren sie es dann irgendwann auch, die Sowjetunion jedenfalls implodierte.

Dass in der (deutschen) Berichterstattung der 37-jährige Alex Pretti, der am Samstag, 24. Januar 2026 von einem Uniformierten erschossen wurde, als hingebungsvoller, freundlicher Krankenpfleger, der Menschen half und auch kurz vor seiner Tötung einer Frau helfen wollte, dargestellt wird, ist nachvollziehbar. Ebenso, dass die am 7. Januar von einem ICE-Typen erschossene Renée Good als liebevolle Mutter und Poetin porträtiert wird. Hinter dem Opfer soll der Mensch erkennbar werden, das Individuum, das Gesicht. Das veranschaulicht die Tragik, den Abgrund, den Zivilisationsbruch, den so ein Akt der Erschießung darstellt.

Ich kann die redaktionellen Entscheidungen, ausführliche Porträts der Opfer zu schreiben, nachvollziehen. Wäre ich in redaktioneller Verantwortung, würde ich auch so entscheiden. Gleichzeitig frage ich mich: Wäre es weniger schlimm gewesen, wenn es sich bei dem Opfer um einen, sagen wir: 65-jährigen Manager eines Rüstungsunternehmens gehandelt hätte? Oder um einen 81-jährigen Unternehmer? Oder um einen 27-jährigen Arbeitslosen, der womöglich gar nicht die Absicht hatte zu arbeiten? Sind Menschen zumindest im Angesicht des Todes etwa nicht gleich? Wir sollten die Tat an der Tat messen und nicht daran, ob die Opfer sympathisch oder unsympathisch sind, oder?

Dann tauchten ein paar Tage später Aufnahmen auf, die zeigen, wie Pretti bei einer Demonstration einige Tage zuvor Polizisten bepöbelt und angeschrien und auf ein Auto der ICE-Leute eingetreten hat. Diese Bilder sollen zeigen: Irgendwie sei das kein guter Typ gewesen und deshalb schon auch selbst schuld an seinem Schicksal. Und, wiesen manche Kommentatoren darauf hin, die diese Bilder verbreiteten, hatte er nicht eine Waffe und scharfe Munition bei sich, als er auf der Demo war?

Letzteres wiederum verteidigten ausgerechnet Leute, die sonst - zurecht - den Waffenfanatismus in den USA kritisieren. Sie sagten allen Ernstes, es sei sein Recht gewesen, eine Waffe dabei zu haben. Wohlgemerkt: Das sagten die, die sonst nie müde werden, die hochgerüstete Gesellschaft in den USA zu kritisieren.

Über den Charakter des erschossenen Alex Pretti vermag ich nicht zu urteilen. Aber noch einmal: Ist es nicht egal, wie er sich bei einer früheren Demonstration benommen hat? Sollten die Polizisten gezielt auf Pretti geschossen haben, weil sie ihn deswegen im Visier hatten, wäre das inakzeptabel. Dass ein am Boden liegender Mann von einem Polizisten erschossen wurde, mit mehreren Schüssen, in den Rücken, halte ich für empörend und kritikwürdig, es ist ein Skandal.

Natürlich besteht die Möglichkeit, dass der Schütze sich bedroht sah und in Notwehr reagierte und deshalb möglicherweise freigesprochen wird. Dazu müsste aber ein Prozess stattfinden. Ob das der Fall sein wird, ist in den USA des Jahres 2026 zweifelhaft. Denn alles in allem zeigt dieses Land unter Trump stark autoritäre Züge. Polizeitruppen laufen die Allgemeinheit einschüchternd herum, sie nehmen zum Teil Kinder fest, mehrere Menschen sind innerhalb kürzester Zeit zu Tode gekommen. Ich lese und höre, dass diese ICE-Leute oft unfähig, unkontrolliert, ohne Selbstbeherrschung sind und eine schlechte Ausbildung haben. All das ist einer Demokratie, wie die USA es sein sollten, unwürdig.

Diese Woche hat übrigens eine Bundesrichterin in New York entschieden, dass Luigi M., jener 27-Jährige, der im Dezember 2024 den reichen Vorstandschef eines Krankenversicherers in New York erschossen hat, keine Todesstrafe bekommen wird. Das halte ich für gut, weil ich prinzipiell gegen die Todesstrafe bin. Aber mir fällt ein, dass dieser Täter vor einem guten Jahr gefeiert und bejubelt wurde, weil er “ein Kapitalistenschwein”, “einen milliardenschweren Verbrecher”, “einen Typen, der Menschenleben auf dem Gewissen hat”, getötet hatte.

Auch jetzt, bei Bekanntwerden der Nachricht, dass er von der Hinrichtung verschont bleiben soll, schreiben Leute im Netz: “Ein Held!”, “Superheld!!!” oder “Freiheit für Luigi M.”. Mich macht das fassungslos. Manche Leute feiern also einen Mörder? Weil der den vermeintlich Richtigen umgebracht hat?

Ähnlich erschreckend finde ich den Einsatz einiger Leute für Simeon T. beziehungsweise Maja T., dem vorgeworfen wird, zusammen mit anderen Linksextremisten im Februar 2023 in Budapest Gewalt gegen Personen ausgeübt zu haben, die er als Rechtsextremisten identifiziert hatte. Simeon T. wurde in Deutschland festgenommen und, gegen eine richterliche Entscheidung, nach Ungarn ausgeliefert. Kurz vorher hatte er sich zur “nonbinären Person” erklärt und sich “Maja” genannt.

Die Haftbedingungen in Ungarn mögen nun schlimmer sein als in Deutschland, die Auslieferung mag einer Entscheidung eines deutschen Gerichts widersprechen, und dagegen zu protestierten, kann ich nachvollziehen. Dass in der ganzen Sache nun aber der Täter zum Opfer gemacht wird - und dass der den ersten Prozesstag in Budapest, anstatt sich zur vorgeworfenen Tat zu äußern, diesen dazu nutzte, über Diskriminierung von nonbinären Personen in Ungarn zu reden, finde ich kritikwürdig. Über die Tat, die, wenn man sich das Video aus einer Überwachungskamera anschaut, ziemlich brutal war und möglicherweise mit Tötungsabsicht geschah - kein Wort.

Dass es Diskriminierung gegen LGBTQ-Menschen in Ungarn gibt, bezweifle ich nicht. Darüber kann/soll/muss man reden. Aber das sollte man klar davon trennen, dass es jetzt und hier um einen Prozess wegen einer Gewalttat geht. Aber auch hier, scheint mir, liegen die Sympathien eher beim mutmaßlichen Täter, weil das Opfer vermutlich ein Rechtsextremist war. Und leider klingen diese Sympathien in mancher Berichterstattung durch. Ich halte das für falsch. Es gab Demos, auf denen sogar Prominente “Free Maja!”-Plakate hochhielten. Im Ernst?

Die Mullahs und ihre Freunde

In London gab es mehrere Demonstrationen, auf denen sich die Menschen mit den Protestierenden in Iran solidarisiert haben.

Es gab aber auch “pro-palästinensische” Typen in der britischen Hauptstadt, Hamas-Freunde inklusive, also Islamisten und ihre weißen linken Freunde, die für das iranische Mullah-Regime demonstriert haben. Und zwar in einer Zeit, in der so viele Menschen in Iran abgeschlachtet und ermordet werden wie lange nicht mehr. Tausende. Von eben diesem Regime.

In London sind manche für dieses Regime. Öffentlich. Und gleichzeitig rufen sie “Free Palestine”. Es ist nicht zu fassen.

Und ausgerechnet Nigel Farage, Brexit-Mann, Rechtspopulist und Nationalist, steht in London vor der iranischen Botschaft und fordert die britische Regierung schon seit Tagen auf, jene Menschen in Iran, die dort unter Lebensgefahr auf die Straßen gehen und gegen das Mullah-Regime protestieren, zu unterstützen.

Voreingenommenheit hin oder her - er sagt das Richtige.

Echte Probleme…

Annegret L. schreibt mir, sie lese die “Erbaulichen Unterredungen” gerne und nehme zur Kenntnis, dass ich über “Probleme der Welt” schreibe. “Was aber, lieber Herr Kazim, sind die Probleme, die Sie ganz persönlich beschäftigen? Im Alltag? Darüber wüsste ich zu gerne mehr.”

Nun ja, ich finde, Privates sollte privat bleiben. Aber eine Sache, die mich seit langem umtreibt und die mich auch diese Woche beschäftigt hat, verrate ich dann doch.

Ich habe ein großes Problem damit, in Bücher hineinzuschreiben. Das ist insofern ein Problem, als ich mir als Autor natürlich Notizen machen, mir Dinge merken, einiges zitieren muss. Aber ich schreibe nicht in Bücher hinein, unterstreiche nichts, markiere nichts. Weil man das nicht tut. Ich empfinde körperlichen Schmerz, wenn ich in Bücher schreibe. Und wenn ich mal ein Buch aus einer Bibliothek ausleihe und darin Notizen finde, und zwar keine hineingelegten Zettel, sondern direkt ins Buch geschrieben, oder, furchtbar! furchtbar!, neonfarbene Markierungen mit Textmarker, ist das für mich ähnlich schlimm wie in einen Hundehaufen zu treten.

Ich hatte mal eine Lehrerin am Gymnasium, Frau Anders, die unterrichtete Musik. Sie war schon etwas älter, kurz vor der Pensionierung. Sie war etwas schrullig, aber lieb. Und sehr engagiert. Einmal brachte sie mit vielen Schülerinnen und Schülern und gemeinsam mit dem Schulorchester eine große Oper auf die Bühne der Stadthalle. Es war ein großes Ereignis.

In religiöser Hinsicht war sie eine Exotin, weil sie nämlich im evangelischen Norden katholisch war. Deshalb unterrichtete sie auch katholische Religion für das kleine Grüppchen katholischer Schüler.

Aber ich bin vom Thema abgekommen… Jedenfalls begegnete ich Frau Anders einmal am Kopierer, und sie kopierte Seiten aus einem Buch. “Aber das ist doch unser Schulbuch”, sagte ich. “Warum kopieren Sie die Seiten? Jeder von uns hat doch das Buch.” Sie antwortete: “Ich möchte, dass ihr hier etwas hineinschreibt. Aber man schreibt nicht in Bücher, daher bekommt ihr die Seiten als Kopien.” Sie erzählte mir, wie kostbar Bücher für sie seien, wie pfleglich sie Bücher behandele und wie schrecklich sie Eselsohren und Flecken finde. Und sie wolle, dass wir lernten, Bücher ebenfalls sorgfältig zu behandeln. Ich konnte das nachempfinden.

Diese Einstellung bin ich nie losgeworden, obwohl ich diese Woche wieder dringend Anmerkungen machen und mir Zitate notieren musste. Ich verwende daher Zettel aller Art, die ich in die Bücher lege. Manchmal denke ich: Egal, jetzt schreibst du einfach rein! Nimm einen Bleistift, das ist ja nicht so schlimm! Aber ich bringe es nicht über mich.

Solche Probleme beschäftigen mich privat.

P. S.: Ich kann Textmarker nicht ausstehen. Und Leute, die nahezu einen kompletten Text damit anmalen, kann ich nicht ernst nehmen.

Farbe im Leben!

Wie andere Leute sich vielleicht morgens vor den Kleiderschrank stellen und sich fragen: ‘Was ziehe ich heute an?’, stelle ich mich jeden Morgen vor mein Tintenregal und frage mich: Welche Farbe soll’s heute sein? Ich habe eine ganze Sammlung an Tinten, viel zu viele eigentlich, aber: Kann man zu viele Tinten haben? Eben.

Was ich so gut wie nie nutze, obwohl es seine qualitativ sehr gute Tinte ist, ist Pelikan 4001 Königsblau. Auch Lamy Blau verwende ich kaum, obwohl auch das eine sehr gute Tinte ist. Nur sind das die beiden Sorten, die ich während meiner Schulzeit und im Studium genutzt habe, als ich noch nicht wusste, welche Welt es hier noch zu entdecken gibt. So wie wahrscheinlich die meisten Schüler und Studenten.

Blau als Schreibfarbe ist immer noch mein Standard, aber es gibt so viele unterschiedliche blaue Tinten! Derzeit mag ich von Pilot aus der Reihe Iroshizuku die Farbe tsuki-yo, was “Mondnacht” bedeutet. Es ist ein leicht ins Grünliche gehende Blau. Vom britischen Hersteller Diamine mag ich diverse Blautöne, die oft sehr hübsche Namen haben. Zum Beispiel “Bloody Brexit”, eine blaute Tinte mit rotem Sheen (Sheen bedeutet einen Farbschimmer, der sich auf dem Papier zeigt, wenn die Tinte getrocknet ist). Von Diamine mag ich auch sehr: Heilbronner Käthchen Tinte, die es nur in Heilbronn in der Schreibwarenhandlung Seel gibt, sowie Elbwasserblau, was man nur in Hamburg-Eppendorf bei Otto F. K. Koch kaufen kann. Diamine-Tinten sind, allgemein gesprochen, ziemlich pigmentstark, verkleben bisweilen den Füller und schmieren auch auf dem Papier manchmal ein wenig, weil sie lange brauchen zum Trocknen. Aber die Farben sind fantastisch. Und Diamine ist ein reiner Tintenhersteller, den es seit 1864 gibt. Was mir auch gefällt und, wie die Tinte von Pilot, ebenfalls japanisch ist: die Farbe Yonaga von Sailor aus der Reihe Shikiori. Wenn Sie eine blaue Tinte aus Deutschland haben möchten, empfehle ich von Graf von Faber Castell das Cobalt Blue. Und wenn schon Königsblau, dann von diesem Hersteller das Royal Blue.

Ich könnte noch sehr viel mehr über blaue Tinten erzählen. Und noch viel mehr über andere Farben, grün, violett, schwarz, braun, orange, rot. Aber heute soll’s mal bei Blau bleiben.

Großen Spaß macht es übrigens, Tinte selbst herzustellen. Die würde ich aber, wegen der großen Pigmente und der Partikel, die sonst noch drin sind, nicht in einem Füller verwenden, sondern mit einem Dip-Pen oder einem Pinsel. Anleitungen, wie man sie macht, und Rezepte gibt es im Buch “Make Ink. Ein Leitfaden zur Herstellung natürlicher Tinte” von Jason Logan.

Das Buch ist eine anregende Lektüre, die Farbe ins Leben bringt, auch wenn man nicht vorhat, Tinte selbst zu machen.

Frau Dr. Bohne freut sich, dass es allmählich wieder wärmer wird. Im Sommer war ihr zu heiß, jetzt im Winter zu kalt, nun kommt die Zeit, in der es ideal ist. Und nach wie vor lehrt Böhnchen ihrer Familie, sich über alles Mögliche zu freuen und alles zu feiern. Für sie gibt es immer einen Grund, Party zu machen: Fressens-Vorfreude-Party, Gleich-geht-es-nach-draußen-Party, Oh-ja-lass-es-uns-auf-dem-Sofa-gemütlich-machen-Fest, Jetzt-ist-Zeit-zum-Spielen-Party, Einfach-nur-so-Party, Hurra-es-ist-Schlafenszeit-Feier. Böhnchen freut sich fast immer. Wir können viel von ihr lernen.

Wir wünschen Ihnen einen schönen Sonntag, einen guten Start in den Februar (den manche in Österreich tatsächlich “Feber” nennen; “Jänner” sage ich seit ein paar Jahren auch, aber an “Feber” kann ich mich nicht gewöhnen…) und eine angenehme Woche!

Herzliche Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim (mit Frau Dr. Bohne)

P. S.: Ich kann die “Erbaulichen Unterredungen” nur schreiben, weil einige Menschen eine “Mitgliedschaft” wählen und mich auf diese Weise unterstützen, die Zeit von anderer Arbeit freizuhalten. All denen, die das tun: herzlichen Dank, ich weiß das zu schätzen! Ich freue mich, wenn Sie sich, sollten Sie das noch nicht tun, auch dazu entschlössen. Das geht hier:

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