Wieso es voll okay ist, dass dein Garten noch ein bisschen giddelig aussieht, wie meine GĂ€rten gerade aussehen und welche durch Studien nachgewiesenen positiven Effekte Gartenarbeit auf unseren Körper und die Psyche hat â sofern wir uns von Instagram nicht komplett in den Wahnsinn treiben lassen.

Du sitzt auf deinem Sofa, scrollst durch Instagram und fĂŒhlst dich plötzlich unter Druck gesetzt. Aktuell sieht man dort ĂŒberall gemachte Beete, die Erde ist beikrautfrei und perfekt geharkt, alle haben circa 200 Pflanzen in der Anzucht, die natĂŒrlich alle komplett geil aussehen, gesund sind und das alles wird neben Alltag und Job spielend mit einem Kaffee in der Hand erledigt. Was, du hast deine Stauden noch nicht beschnitten?! Meine GĂŒte, das kann dieses Jahr nichts mehr werden, komm, lass es am besten gleich sein! Du fragst dich: Bin ich zu spĂ€t dran? Habe ich den Startschuss fĂŒr das Gartenjahr etwa schon verpennt? Wieso ist mein Garten/mein Balkon noch so âhĂ€sslichâ und die anderen GĂ€rten alle so schön?
Diese Gedanken kenne ich gut. Vor zwölf Jahren, als ich meinen ersten eigenen Balkon bepflanzte und mich nicht lĂ€nger nur im Schrebergarten meiner Familie ausprobieren konnte, sprang ich begeistert auf genau diesen Zug auf. Social Media verleitete mich immer wieder dazu, viel zu frĂŒh loszulegen. Ich sĂ€te GemĂŒse aus, stellte KĂŒbelpflanzen bei den ersten Sonnenstrahlen nach drauĂen und begann mit AufrĂ€umarbeiten â meist Wochen bevor es wirklich sinnvoll war. Was ich damals als Vorsprung wahrnahm, fĂŒhrte letztlich nur zu Stress und Frust, auĂerdem kostete es nicht wenig Geld, alles nochmal zu kaufen, also Samen und/oder Jungpflanzen. Heute frage ich mich, welchem Ideal ich damit eigentlich hinterherlief.
Schon jetzt sehe ich im Gartencenter Leute mit Jungpflanzen rausrennen, fĂŒr die es noch viel zu kalt ist. Im April kommen sie wieder und kaufen sie noch einmal.
Das Problem ist: Social Media erzeugt einen Sog, der uns immer frĂŒher in den Garten treibt. Ăhnlich wie in âDes Kaisers neue Kleiderâ machen viele mit, weil es alle machen, und kaum jemand stellt es in Frage â und Influencer:innen pushen sich gegenseitig dadurch unbewusst, immer frĂŒher loszulegen â irgendwie muss man ja der:die Erste sein. Der Druck, frĂŒhzeitig alles perfekt zu haben, fĂŒhrt dazu, dass wir verlernen, auf die eigentlichen Zeichen der Natur zu achten (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre). Pflanzen landen zu frĂŒh im Freien und Staudenbeete werden vorzeitig aufgerĂ€umt, obwohl dort Insekten und ihre Eier noch geschĂŒtzt ĂŒberwintern. Das schadet nicht nur der Natur, sondern erzeugt zusĂ€tzlichen Druck â der vermeintliche âVorsprungâ gleicht sich doch sowieso wieder aus, sobald es drauĂen wĂ€rmer wird. Schon jetzt sehe ich im Gartencenter Leute mit Jungpflanzen rausrennen, fĂŒr die es noch viel zu kalt ist. Im April kommen sie wieder und kaufen sie noch einmal. Gartencenter sagt: Ka-ching!
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Ich habe 3 GĂ€rten, und ich zeige euch mal, wie der Waldgarten aktuell aussieht. Hier kommen ein paar âšGlamour-Shotsâš als Reality-Check:






Der Garten besteht aktuell mehr aus Laub, Beikraut, MaulwurfshĂŒgeln als sonstwas, und mit den Bildern aus dem letzten Jahr hat der wenig zu tun:



Es ist genau derselbe Garten, nur: Er ist einfach noch nicht so weit. Es ist normal, dass ein Garten gerade ân bĂŒschân wie ne Schippe WĂŒrmer aussieht und nicht wie aus einer BroschĂŒre der Royal Horticultural Society.
Das Ding ist dabei auch: GĂ€rtnern soll SpaĂ machen. Und bestimmt hast du auch schon einmal von den gesundheitlichen Vorteilen des GĂ€rtnerns gelesen, abgesehen vom gesunden Essen, das ein Nutzgarten produziert. Schauen wir die uns mal kurz an:
Warum GĂ€rtnern gut fĂŒr Körper und Psyche ist
Dass Gartenarbeit gesund ist, klingt fĂŒr viele Menschen intuitiv logisch. Mittlerweile gibt es aber auch eine Vielzahl wissenschaftlicher Belege, die diesen positiven Effekt sehr konkret nachweisen. Gartenarbeit ist dabei keineswegs nur körperlich gesund â sie hat einen messbaren Einfluss auf unser seelisches Wohlbefinden, reduziert Stress und trĂ€gt erheblich zur PrĂ€vention verschiedener Krankheiten bei. Ich meine ich merk es auch: Sobald ich etwas im Garten mache, geht es mir psychisch besser. Gerade als jemand, die mit Depression lebt, ist das echt ein wichtiger Aspekt. Ich bin sehr froh ĂŒber alles, was mir ein wenig den dunklen Schleier vom Gesicht reiĂt.
Dass dieses persönliche Erleben auch wissenschaftlich nachweisbar ist, zeigt etwa eine umfassende Meta-Analyse eines Forschungsteams der UniversitĂ€t Tokio aus 2017, in der 22 Studien ausgewertet wurden. Die Forschenden stellten fest, dass Gartenarbeit nachweislich Depressionen, AngstzustĂ€nde und körperliche Beschwerden reduziert und gleichzeitig die Zufriedenheit, die allgemeine LebensqualitĂ€t sowie das GemeinschaftsgefĂŒhl deutlich steigert. GĂ€rtnern, so schlussfolgert das Team, ist damit nicht nur ein persönlicher Stimmungsaufheller, sondern regelrechte PrĂ€ventivmedizin, die auf breiter gesellschaftlicher Ebene eingesetzt werden könnte â Gartenarbeit auf Rezept, warum eigentlich nicht?
Gartenarbeit ist dabei keineswegs nur körperlich gesund â sie hat einen messbaren Einfluss auf unser seelisches Wohlbefinden, reduziert Stress und trĂ€gt erheblich zur PrĂ€vention verschiedener Krankheiten bei.
Interessant ist dabei, dass es keineswegs stundenlanger Maloche im Garten braucht, um positive Effekte zu erzielen. Bereits moderate ZeitrĂ€ume reichen vollkommen aus, wie aktuelle Untersuchungen zeigen: Forschende der Swinburne University in Australien konnten 2023 zeigen, dass schon rund 150 Minuten Gartenarbeit pro Woche ausreichen, um das psychische Wohlbefinden und die Zufriedenheit messbar zu erhöhen. Das deckt sich mit einer Ă€hnlichen Studie der britischen University of Exeter aus dem Jahr 2019, laut der bereits 120 Minuten wöchentlicher Kontakt mit Natur â egal ob am StĂŒck oder verteilt auf mehrere Tage â deutlich positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die subjektiv empfundene Gesundheit hat. Gute Nachrichten ĂŒbrigens auch fĂŒr Menschen ohne eigenen Garten oder Balkon, denn offenbar liegt der SchlĂŒssel vor allem darin, regelmĂ€Ăig drauĂen Zeit zu verbringen.
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Wie bedeutsam und skalierbar Gartenarbeit als gesundheitsfördernde Strategie sein kann, wurde besonders in Krisenzeiten sichtbar. So untersuchten Forschende der TU MĂŒnchen wĂ€hrend der COVID-19-Pandemie die Rolle von Gartenarbeit zur StressbewĂ€ltigung und emotionalen Stabilisierung. Ihre 2022 veröffentlichte Studie zeigte klar: Menschen, die wĂ€hrend der Pandemie regelmĂ€Ăig gĂ€rtnerisch tĂ€tig waren, erlebten weniger Stress, fĂŒhlten sich emotional und psychisch widerstandsfĂ€higer und konnten ihre Verbindung zur Natur stĂ€rken. Gartenarbeit erweist sich damit nicht nur individuell als gesundheitsfördernd, sondern besitzt auch gesellschaftlich ein hohes Potenzial fĂŒr die KrisenbewĂ€ltigung.
Doch was genau macht Gartenarbeit eigentlich zu einem so wirkungsvollen Heilmittel â was genau steckt dahinter? Laut einer 2018 erschienenen Studie des Royal College of Physicians in London wirken bei der Gartenarbeit verschiedene Faktoren zusammen. Die Forschenden beschreiben, dass GĂ€rtnern körperliche AktivitĂ€t mit sozialer Interaktion, unmittelbarer Naturerfahrung und Sonnenlichtexposition kombiniert. Diese ineinander greifenden Mechanismen fĂŒhren unter anderem zu besserer körperlicher Fitness, reduziertem Blutdruck und erhöhtem Vitamin-D-Spiegel â Depressionen hassen diesen Trick. DarĂŒber hinaus profitieren laut dieser und Ă€hnlicher Studien ganz besonders Menschen mittleren und höheren Lebensalters von den gesundheitsfördernden Effekten der Gartenarbeit, da sie langfristig wirksam zur PrĂ€vention und Rehabilitation zahlreicher Erkrankungen beitrĂ€gt. Passt dazu, dass ich, je Ă€lter ich werde, umso lieber gĂ€rtnere. Well, well.
Gartenarbeit soll SpaĂ machen
Oben habe ich ja schon gesagt, dass GĂ€rtnern vor allem eins fĂŒr mich bieten soll: Es soll mir SpaĂ machen, es soll mir Freude bereiten. Das heiĂt nicht, dass mich jede GartentĂ€tigkeit in komplette Extase versetzt. Ja, ich hatte schon mal mehr SpaĂ, als im Staudenbeet WurzelbeikrĂ€uter auszugraben, klar. Und das nervige Aufbauen metallener Hochbeete versetzt mich jetzt auch nicht in kreischende EntzĂŒckung. Ich meine das deshalb eher grundsĂ€tzlich: Arbeite ich mit der Natur â und fĂŒr mich und fĂŒr sie â, oder arbeite ich gegen die Natur im Wettrennen um ⊠ja, worum eigentlich? Als erste ein Beet zu haben, das aussieht, als sei ich da mit dem Kamm drĂŒber gegangen? Sicher nicht.

Diese Haltung, die Natur durch eine frĂŒhe und intensive Gartenarbeit gewissermaĂen âĂŒberholenâ zu wollen, steht fĂŒr mich irgendwie fĂŒr ein grundsĂ€tzliches MissverstĂ€ndnis unseres Umgangs mit der Umwelt: Es geht nicht darum, die Natur unter Kontrolle zu bringen oder schneller zu sein als natĂŒrliche Prozesse. Vielmehr liegt der SchlĂŒssel in einer echten Partnerschaft â in einem VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass wir Menschen Teil eines ökologischen Netzwerks sind, dessen Gleichgewicht wir respektieren sollten.
Doch wie widersteht man der nagenden Stimme, die einem einflĂŒstert, dass man vielleicht zu spĂ€t dran sein könnte, dass man vielleicht abgehĂ€ngt wird, zu lange wartet und dann geht alles den Bach runter? Die Lösung liegt darin, deinen Garten nicht als Projekt mit einem perfekten Endergebnis zu sehen, sondern als einen Ort, der sich gemeinsam mit dir entwickelt und verĂ€ndert â quasi wie ein lebender Organismus, der ganz verschiedene Stadien durchlĂ€uft. Ich sag mal so: Ich bin auch nicht 24/7 in meiner Prime, im Gegenteil. Oft sehe auch ich eher wie eine Schippe WĂŒrmer aus, und das ist okay. Statt dich von unrealistischen Vorstellungen stressen zu lassen, kannst du lernen, die kleinen Momente zu genieĂen, in denen dein Garten wieder zum Leben erwacht â langsam, stetig und genau zur richtigen Zeit. Statt loszurennen und den Rechen zu holen, mach dir nen Tee und guck die Krokusse an, die ihre Köpfe durch das Laub schieben.
Arbeite ich mit der Natur â und fĂŒr mich und fĂŒr sie â, oder arbeite ich gegen die Natur im Wettrennen um ⊠ja, worum eigentlich? Als erste ein Beet zu haben, das aussieht, als sei ich da mit dem Kamm drĂŒber gegangen? Sicher nicht.

Frage dich dann bewusst: Wann sind die richtigen Bedingungen gegeben, um zu pflanzen, zu schneiden oder abzurĂ€umen? Welche natĂŒrlichen Hinweise geben dir die Jahreszeiten, die Temperaturen und die Pflanzen selbst? Diese angegebenen ZeitrĂ€ume, wann man was schneiden oder pflanzen soll, sind ja keine Stichtage (auch wenn es gern so behandelt wird), sondern ganze Zeitspannen von mehreren Wochen und Monaten. Und dann kommt es ja auch darauf an, wo du deinen Garten oder Balkon hast: Dein Lieblingsgarteninfluencer aus dem Flachland in NRW sagt, dass es jetzt aber wirklich Zeit wird, die Stauden zu schneiden? Schön fĂŒr ihn, denkst du dir, wĂ€hrend du die Schneeschaufel holst, weil du auf 1500 Metern Höhe gĂ€rtnerst und hier gerade noch ganz andere Sachen ablaufen. Genau das ist der Kern eines authentischen, naturnahen Gartens: Du arbeitest nicht gegen die Natur, sondern mit ihr zusammen. Wenn du im Einklang mit natĂŒrlichen Rhythmen handelst, entstehen gesĂŒndere Pflanzen, weniger Arbeit, geringerer Ressourcenverbrauch, insgesamt ein nachhaltigeres Ergebnis â und viel, viel mehr SpaĂ. Oh Mann, wirklich so viel mehr SpaĂ! Und nur dann greifen diese positiven Aspekte des GĂ€rtnerns. Nur dann profitierst du davon. Wenn du das hingegen zu einem weiteren Stressfaktor im Alltag machst, wenn du damit einfach nur weitere bedrohliche und unerfĂŒllende To-Do-Listen neben Kind, Job und sonstigem generierst ⊠ja nun. Warum solltest du das tun? Ernsthaft: Wieso?
FĂŒr die Natur ist es auch Quatsch, wie schon gesagt. Man kann natĂŒrlich als Erste:r ein âsauberesâ und perfekt geharktes Staudenbeet haben, aber dann bitte auch nicht betroffen in die Kamera jammern, dass es heutzutage ja gar keine Schmetterlinge mehr gebe. Ja Mensch, woran könnte das liegen? Ist ja komisch.
Der wichtigste Schritt liegt in der bewussten Entscheidung, dich von Erwartungen und vom Vergleichsdruck zu lösen. Dein Garten ist keine Kulisse, die anderen gefallen muss. Es ist ein lebendiger, atmender Raum, der vor allem dir Freude bereiten soll. Nutze ihn genau dafĂŒr â nicht fĂŒr Instagram, nicht fĂŒr die piefige Nachbarschaft, sondern in erster Linie fĂŒr dich. Mach dich glĂŒcklich und akzeptiere die aktuelle âHĂ€sslichkeitâ deines Gartens oder deines Balkons â das darf so, muss sogar so, und wirklich hĂ€sslich ist es auch nicht. Dein Garten schlĂ€ft noch: Wecke ihn sanft auf, statt ihn hektisch wach zu brĂŒllen und zu rĂŒtteln. Wenn du jetzt schon aus Begeisterung voll loslegen willst, go for it. Wenn du das nur machst, weil andere es machen, aber eigentlich willst du es nicht: Lass es. Kommt Zeit, kommt BlĂŒmchen.
Viel Spaà beim Buddeln und bis zum nÀchsten Mal!
Jasmin :)
Hier hatte ich auf Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre) auch einen Beitrag zum Thema gemacht:
(S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)Du magst keine Abos, möchtest aber dennoch zeigen, dass dir guter Content etwas wert ist? Dann schick mir fĂŒr den Artikel ĂŒber Ko-Fi ein Trinkgeld. Danke! <3 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)
đż Du willst noch tiefer in die Natur einsteigen? Hier kannst du meine Biologie-/Naturkolumne Schreibers Naturarium kostenlos abonnieren (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
đïž Höre meinen Biologie-Podcast beim Podcastanbieter deiner Wahl (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
Ich wĂŒrde mich auch freuen, wenn du mir auf Social Media folgst:
đ©đ»âđŸ Garten-Updates: Mein Garten-Account auf Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
đ Mein normaler Instagram-Account als Autorin» (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)
đ€ïž Mein Account auf Bluesky (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
𩣠Mein Account auf Mastodon (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
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