Knack eine Walnuss auf, und der Kern sieht aus wie ein kleines Gehirn. Das Blatt des LeberblĂŒmchens Ă€hnelt einer Leber. Jahrhundertelang lasen Heilkundige darin eine Botschaft: Was einem Organ gleicht, das heilt es auch. In diesem Artikel schauen wir, ob an dieser Idee je etwas dran war und warum sie manche Menschen am Ende teuer zu stehen kam. Los gehtâs!

Wenn im zeitigen FrĂŒhjahr unter den noch kahlen StrĂ€uchern die ersten blauen BlĂŒten des LeberblĂŒmchens aufgehen, schaut kaum jemand auf die BlĂ€tter, sondern man guckt ja lieber die schöne BlĂŒte an. Dabei sitzt dort der ganze Grund fĂŒr den seltsamen Namen. Das Blatt des LeberblĂŒmchens (Hepatica nobilis) ist in drei runde Lappen geteilt, und irgendwann vor langer Zeit fand jemand, dass diese drei Lappen aussehen wie die Lappen einer Leber. Daraus zogen Heilkundige einen Schluss, der ĂŒber Jahrhunderte Apotheken und Krankenbetten bestimmte: Was aussieht wie eine Leber, das hilft der Leber. So.

Diese Idee hat einen Namen, man nennt das die Signaturenlehre, und ĂŒber mehrere hundert Jahre war er eine der wichtigsten Methoden, um zu entscheiden, welche Pflanze gegen welches Leiden helfen sollte. Die Idee dahinter ist simpel: Gott oder ~die Natur~ habe jeder Pflanze ein sichtbares Zeichen mitgegeben, eine Art Gebrauchsanweisung in Form, Farbe, Standort, Geruch oder Verhalten. Man mĂŒsse nur richtig hinschauen, dann verrate die Pflanze von selbst, wozu sie gut sei. Das Wort "Signaturenlehre", auf lateinisch signatura rerum, kommt von signare = bezeichnen, kennzeichnen.
Die Walnuss, die wie ein Gehirn aussieht
Das schönste Beispiel fĂŒr diese Denkweise ist etwas, das mir schon als Kind aufgefallen ist. Knack mal eine Walnuss auf und schau dir den Kern an. Die beiden HĂ€lften, die gewundenen Furchen, die helle Haut darĂŒber: Das sieht aus wie ein Gehirn in Miniatur, mit seinen zwei HĂ€lften und seinen Windungen, ne? Der englische KrĂ€uterkundige William Coles (1626-1662) hat das 1657 in seinem Buch Adam in Eden genau so beschrieben. Die Walnuss trage "die vollkommene Signatur des Kopfes", schrieb er. Die grĂŒne AuĂenschale stehe fĂŒr die Kopfhaut, die harte Schale fĂŒr den SchĂ€del, das gelbe HĂ€utchen fĂŒr die HirnhĂ€ute und der Kern fĂŒr das Gehirn selbst. Also helfe die Walnuss gegen Kopfleiden, so einfach ist das.

Man suchte also einfach eine Ăhnlichkeit und las daraus eine Wirkung ab. Das gefleckte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) mit seinen weiĂ-grĂŒn marmorierten BlĂ€ttern sollte gegen Lungenkrankheiten helfen, weil die Flecken an krankes Lungengewebe erinnerten. Der Augentrost (Euphrasia officinalis) bekam seine Bestimmung von der Zeichnung seiner BlĂŒte, deren purpurne Linien und der gelbe Fleck im Schlund wie ein gereiztes Auge aussehen. Und die unterirdischen Knollen mancher Orchideen, zwei rundliche Knöllchen nebeneinander, wurden als Hodenpaar gelesen, weshalb man ihnen eine Wirkung auf ~Manneskraft~ und ZeugungsfĂ€higkeit/Fruchtbarkeit zuschrieb.


Den theoretischen Ăberbau lieferten groĂe Namen ihrer Zeit. Der Arzt und Alchemist Paracelsus (1493-1541) formte aus verstreuten antiken Beobachtungen (da war das nĂ€mlich auch schon im Trend) eine richtige Lehre und schrieb darĂŒber in seinem Werk De natura rerum. Der Neapolitaner Giambattista della Porta (1535-1615) legte 1588 mit der Phytognomonica einen ganzen bebilderten Katalog solcher Pflanzen-Körper/Organ-Ăhnlichkeiten vor. Und der Mystiker Jakob Böhme (1575-1624) gab der Idee 1622 mit seinem Buch Signatura Rerum den Namen, unter dem wir sie heute kennen. Die Vorstellung passte gut in eine Zeit, in der man die Natur als ein von Gott geschriebenes Buch verstand, in dem alles eine Bedeutung trug, wenn man sie nur entziffern konnte. Das war ja auch so die Zeit, wo Symbolik, Nummerologie und alle möglichen Zeichendeutungen etabliert war.
Hat das jemals funktioniert?
Vermutlich hast du dir die Frage lÀngst gestellt: Hat das eigentlich jemals funktioniert? Eine Pflanze, die aussieht wie ein Organ, hilft diesem Organ, das klingt nach reinem Aberglauben, doch gab es mal einen Zufallstreffer? Nun ⊠ja.
Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist so einer. Zerreibst du seine gelben BlĂŒten zwischen den Fingern, tritt ein blutrotes Ăl aus. Diese rote Farbe brachte man mit Blut und damit mit Wunden in Verbindung, also strich man das Ăl auf Verletzungen. Und tatsĂ€chlich gibt es Hinweise darauf, dass Johanniskraut-AuszĂŒge bei der Wundheilung etwas bringen können. Die Inhaltsstoffe wirken im Labor gegen Bakterien und regen Hautzellen zur Teilung an. Die Belege dafĂŒr stammen aber ĂŒberwiegend aus Zellversuchen und kleinen Studien, eine wirklich ĂŒberzeugende klinische BestĂ€tigung in der echten Welt fehlt bis heute, soweit ich weiĂ. Die gut untersuchte Wirkung des Johanniskrauts ist eine ganz andere, nĂ€mlich (hoch dosiert) die gegen leichte bis mittelschwere Depressionen, und daher kenne ich das eben auch.
Ein zweiter berĂŒhmter Kandidat ist die Weidenrinde, aus der spĂ€ter das Aspirin hervorging. Sie taucht in vielen ErzĂ€hlungen als groĂer Erfolg der Signaturenlehre auf. Der englische Pfarrer Edward Stone (1702-1768) berichtete 1763 der Royal Society, dass Weidenrinde Fieber senke. Sein Gedankengang hatte mit der Form der Pflanze nichts zu tun. Er folgte einer verwandten alten Regel, die auch zur Signaturenlehre gehört: Wo eine Krankheit entsteht, da wachse auch ihr Heilmittel. Weil man Fieber mit feuchten, sumpfigen Gegenden verband und die Weide gern im Nassen steht, schloss Stone, sie mĂŒsse gegen Fieber helfen. Seine BegrĂŒndung war falsch, Fieber kommt natĂŒrlich nicht aus dem Sumpf. Er hatte nur GlĂŒck, dass die Weidenrinde den Stoff Salicin enthĂ€lt, aus dem der Körper SalicylsĂ€ure macht, und die senkt Fieber wirklich und hilft auch gegen Schmerzen, wobei wir heutzutage die weniger magenreizende Version zu uns nehmen: AcetylsalicylsĂ€ure. Die Weidenrinde ist also kein Beispiel fĂŒr die Signaturenlehre, und selbst wenn man sie dazuzĂ€hlte, beruhte der Erfolg auf einem Zufall.
Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn
Der Ethnobotaniker Bradley C. Bennett hat die Signaturenlehre 2007 in der Fachzeitschrift Economic Botany grĂŒndlich untersucht und kam zu einem (fĂŒr dich sicher erwartbaren) Ergebnis: Es gibt keinen einzigen belegten Fall, in dem die Ăhnlichkeit einer Pflanze tatsĂ€chlich zur Entdeckung einer Heilwirkung gefĂŒhrt hĂ€tte. Die Reihenfolge war fast immer umgekehrt. Man kannte eine Pflanze bereits aus der Anwendung, und erst danach suchte und fand man eine passende Ăhnlichkeit, die zu ihrer Verwendung passte. So nach dem Motto: Hey, Mittel XY hilft gegen Kopfweh ⊠die Frucht ist recht rund, wie ein Kopf! Ha, da hĂ€ngt das bestimmt zusammen! Aber: Die Form einer Pflanze sagt dir nĂ€mlich ĂŒberhaupt nichts darĂŒber, welche chemischen Stoffe in ihr stecken und was die im Körper anrichten. Ein dreilappiges Blatt enthĂ€lt kein LebermolekĂŒl, nur weil es wie eine Leber geformt ist. Schlimmer noch: Oft hat diese âLogikâ richtig Schaden angerichtet.

Das Gelbsucht-Mittel, das die Leber angreift
Bleiben wir bei der Leber. Neben dem LeberblĂŒmchen gibt es noch eine zweite Pflanze, die nach der Signaturenlehre fĂŒr dieses Organ zustĂ€ndig war: das Schöllkraut (Chelidonium majus), ein hĂ€ufiges Wildkraut an Mauern und WegrĂ€ndern, das du wahrscheinlich aus deinem Garten kennst. Bei mir wĂ€chst das immer neben der GartenhĂŒtte. Brichst du einen StĂ€ngel ab, quillt ein gelb-orangener Milchsaft heraus. Diese Farbe brachte man mit der Galle und mit der Gelbsucht in Verbindung, jener Krankheit, die Haut und Augen gelb fĂ€rbt. Schöllkraut galt deshalb lange als Mittel gegen Gelbsucht und gegen Leber- und Gallenleiden.

Die Pflanze enthĂ€lt tatsĂ€chlich starke Wirkstoffe, die auf die Leber Einfluss haben, und zwar eine Gruppe von Alkaloiden. Nur wirken die anders, als die alten Heilkundigen dachten. Die EuropĂ€ische Arzneimittelagentur EMA hat 2011 die Meldungen zu Schöllkraut ausgewertet und mehrere verschiedene gemeldete SchĂ€den an Leber und Galle. Die Behörde stufte den Nutzen der innerlichen Anwendung als negativ ein, das Risiko ĂŒberwiegt also. In mehreren EU-LĂ€ndern wurden daraufhin Zulassungen entsprechender PrĂ€parate zurĂŒckgenommen. Die Leberdatenbank der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH listet Schöllkraut als belegte, wenn auch seltene Ursache fĂŒr LeberschĂ€den, die im Bild einer akuten Hepatitis daherkommen, mitsamt Gelbsucht. Meist bilden sie sich nach dem Absetzen wieder zurĂŒck, dokumentierte TodesfĂ€lle gibt es zum GlĂŒck nicht, in einem spanischen Register findet sich aber ein Fall, der bis zur Lebertransplantation fĂŒhrte. Soll heiĂen: Die Leute nahmen ein Mittel gegen Gelbsucht ein, das aber selber LeberschĂ€den und damit Gelbsucht verursachte. Das ist ⊠nicht ideal.
Die "Geburtshelferinâ, die Krebs verursacht
Der gefĂ€hrlichste Fall, der mir hier gerade dazu einfĂ€llt, trĂ€gt seine Signatur sogar im wissenschaftlichen Namen. Die Osterluzei (Aristolochia) hat eine eigentĂŒmlich gekrĂŒmmte, röhrenförmige BlĂŒte, die SEHR ENTFERNT (wie ich finde) an einen Geburtskanal oder eine GebĂ€rmutter erinnert. Genau so wurde sie frĂŒher jedenfalls gelesen. Der Gattungsname Aristolochia stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "die beste Geburt", und ĂŒber Jahrhunderte setzte man die Pflanze bei Geburten und âFrauenleidenâ ein. Im Deutschen heiĂt sie Osterluzei, im Englischen schlicht "birthwort", Geburtskraut. Die Gewöhnliche Osterluzei (Aristolochia clematitis) wĂ€chst auch bei uns in Mitteleuropa, besonders gern an Weinbergen und Hecken. Diese Pflanze enthĂ€lt AristolochiasĂ€ure, und die gehört zum GefĂ€hrlichsten, was du so im Pflanzenreich finden kannst. Dieses âHeilkrautâ zerstört deine Nieren und löst Krebs aus. Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC hat AristolochiasĂ€ure sogar in die höchste Kategorie eingeordnet, als fĂŒr den Menschen gesichert krebserregend.

Wie ĂŒbel der Stoff wirkt, zeigte sich Anfang der 1990er Jahre in Belgien. In einer BrĂŒsseler Abnehmklinik bekamen Menschen Pillen mit chinesischen KrĂ€utern verschrieben, ĂŒberwiegend waren die Patient:innen Frauen. In die Pillen gehörte eigentlich die harmlose Pflanze Stephania tetrandra, die in der chinesischen Medizin Han Fang Ji heiĂt. Der KrĂ€uterlieferant schickte aber versehentlich Aristolochia fangchi, auf Chinesisch Guang Fang Ji, weil beide Pflanzen denselben Namensteil Fang Ji tragen. So geriet die AristolochiasĂ€ure in die Pillen, ohne dass es jemandem auffiel. GeschĂ€tzt 1500 bis 2000 Menschen nahmen sie ĂŒber lĂ€ngere Zeit, und nicht wenige bekamen schweres Nierenversagen und andere Probleme. In einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchung lieĂen sich beispielweise 39 betroffene Patientinnen vorsorglich operieren, und bei 18 von ihnen, also fast der HĂ€lfte (!), fand man Krebs in den Harnwegen. Auch Jahre spĂ€ter kĂ€mpften die Patient:innen noch mit den Nachwirkungen. Dass der Stoff so gefĂ€hrlich ist, war zu diesem Zeitpunkt lĂ€ngst bekannt: In der Bundesrepublik hatte das Bundesgesundheitsamt schon 1981 allen Arzneimitteln mit Osterluzei (also Aristolochia) die Zulassung entzogen, ein Jahrzehnt vor den belgischen FĂ€llen ⊠nur die Homöopathika durften diesen Stoff noch âbeinhaltenâ, du kannst jetzt mal raten, wieso, hĂŒstel.
Was vom Aberglauben im Garten geblieben ist
Die Signaturenlehre ist als Heilmethode lange erledigt. Schon zu ihrer BlĂŒtezeit gab es Spötter, der flĂ€mische Arzt Rembert Dodoens (1517-1585) nannte diese Lehre schon 1583 so beliebig und unsicher, dass sie keine Anerkennung verdiene. Trotzdem begegnet sie dir bis heute jedes Mal, wenn du bestimmte Pflanzennamen aussprichst. Ich finde hier besonders geil, wie keiner damals auf die Idee kam, dass das Aussehen einer Pflanze vielleicht nicht immer was mit uns zu tun hat? NatĂŒrlich schwierig in einer Zeit, in der der Mensch die Krone der Schöpfung war, was eben alle geglaubt habe. Aber zum Beispiel die weiĂen Flecken auf den BlĂ€ttern des Lungenkrauts, die frĂŒher als Zeichen fĂŒr eine kranke Lunge galten, sind in Wahrheit kleine Lufttaschen dicht unter der BlattoberflĂ€che, die vermutlich der KĂŒhlung der Pflanze dienen. Das LeberblĂŒmchen, das die Leber heilen sollte, enthĂ€lt wie viele seiner Verwandten den leicht giftigen Stoff Protoanemonin und reizt eher Haut und SchleimhĂ€ute als FraĂabwehr.
Hinter dieser Lehre steckt ein bekanntes Muster. Unser Gehirn sucht ĂŒberall nach Ăhnlichkeiten und freut sich, wenn es eine findet. Eine geteilte Nuss erinnert an ein Gehirn, ein gelapptes Blatt an eine Leber, und schon glauben wir, einen Zusammenhang zu sehen, der nie existiert hat. So einfach ist das in Wirklichkeit.

Diese Pflanzen aus deinem Garten haben tatsÀchlich eine Wirkung
Wir halten also fest: Die Form einer Pflanze verrĂ€t uns nix ĂŒber ihre Heilkraft. Ihre Chemie hingegen schon. Die folgenden Pflanzen sehen keinem Organ Ă€hnlich, und trotzdem helfen sie bei kleinen Beschwerden, weil sie Stoffe enthalten, deren Wirkung sich messen lĂ€sst. FĂŒr jede gibt es Studien, die ihren Nutzen geprĂŒft haben, statt ihn aus einem Blatt abzulesen. Und alle wachsen bei dir im Beet, im Topf oder ganz von allein im Rasen. Schauen wir uns das mal an, und immer im Hinterkopf behalten: Ich bin keine Ărztin und das ist deshalb kein medizinischer Rat, klaro?
Pfefferminze gegen Reizdarm und Kopfschmerz
Pfefferminze (Mentha Ă piperita) ist eine Kreuzung, die keine keimfĂ€higen Samen bildet. Wusstest du das? Sie vermehrt sich ĂŒber ihre AuslĂ€ufer ⊠und das sehr, nun, sagen wir: nachdrĂŒcklich, und genau das macht sie so ein bisschen zum WĂŒterich im Beet. Setz sie deshalb in einen (hohen! Am besten auf Beton stehenden!!) KĂŒbel, sonst hast du sie nĂ€chstes Jahr ĂŒberall. Sie mag feuchten Boden und kommt mit Halbschatten gut zurecht.
Frische BlĂ€tter als Tee helfen bei VöllegefĂŒhl und BlĂ€hungen, bei mir auch gern mal gegen Ăbelkeit. Die stĂ€rkste Wirkung hat aber das Pfefferminzöl: Magensaftresistente Kapseln aus der Apotheke können die Beschwerden beim Reizdarmsyndrom lindern, das belegen mehrere Meta-Analysen ĂŒber mehrere Studien. Ein zweiter Trick hat es sogar in eine Kopfschmerzstudie geschafft: Eine zehnprozentige Lösung von Pfefferminzöl in Alkohol, auf Stirn und SchlĂ€fen gerieben, senkte bei Spannungskopfschmerz die Schmerzen nach fĂŒnfzehn Minuten so deutlich wie 1000 Milligramm Paracetamol. Halte das Ăl von den Augen fern und reib es kleinen Kindern nicht ins Gesicht, das Menthol kann ihnen die Atmung reizen. Auch ich als Asthmatikerin krieg Probleme, wenn man mir das Zeug auf die Brust schmiert, wie man es frĂŒher bei Kindern gemacht hat.
Thymian gegen festsitzenden Husten
Thymian (Thymus vulgaris) stammt aus dem Mittelmeerraum und will, was er von dort kennt: volle Sonne und einen mageren, durchlĂ€ssigen Boden. Als Halbstrauch verholzt er mit den Jahren von unten und treibt aus altem Holz schlecht nach, also schneide ihn regelmĂ€Ăig ins noch grĂŒne Holz zurĂŒck, dann bleibt er schön dicht.

Bei festsitzendem Husten und akuter Bronchitis ist Thymian eine der am besten geprĂŒften Hustenpflanzen. In einer placebokontrollierten Studie mit 361 Erkrankten erreichten die Teilnehmenden mit einem Thymian-Efeu-Auszug die Halbierung ihrer HustenanfĂ€lle zwei Tage frĂŒher als mit Placebo. Du kannst die BlĂ€tter als Tee aufgieĂen oder daraus einen Sirup ansetzen, so mache ich das immer. Aber du weiĂt ja, gesunder Menschenverstand und so: Wenn die Bronchitis ordentlich rein haut, nicht denken: Na ja, der Thymian wirdâs schon richten! Wenn es arg ist, ist ein Arztbesuch angesagt.
Salbei gegen Halsschmerzen
Salbei (Salvia officinalis) braucht dieselben Bedingungen wie der Thymian, viel Sonne und durchlĂ€ssige Erde, und auch er verholzt und freut sich ĂŒber einen RĂŒckschnitt. Eine einzelne Pflanze liefert dir mehr BlĂ€tter, als du je verbrauchst.
Bei Halsschmerzen hilft ein krĂ€ftiger Salbeitee zum Gurgeln, und oh mein Gott, finde ich Salbeitee ekelhaft, aber er hilft mir halt wirklich. Das ist auch durch Studien gedeckt: Ein Salbei-Spray senkte in einem Versuch bei 286 Menschen mit akuter RachenentzĂŒndung die Halsschmerzen schon in den ersten zwei Stunden messbar stĂ€rker als ein ScheinprĂ€parat. Trink Salbei nicht literweise ĂŒber Wochen, in groĂen Mengen reichert sich der Inhaltsstoff Thujon an, und das ist nicht gut fĂŒr dich. Zum Gurgeln und als gelegentlicher Tee ist er unbedenklich.
Kamille fĂŒr Magen und gereizte Haut
Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) ist einjĂ€hrig und sĂ€t sich von allein wieder aus, wenn du ein paar BlĂŒten stehen lĂ€sst. Sie mag es sonnig und kommt mit magerem Boden zurecht, auf dem andere verhungern wĂŒrden.
Der Tee beruhigt einen verstimmten Magen, und abgekĂŒhlt eignet er sich als Auflage oder SpĂŒlung bei leicht gereizter Haut, weil die Inhaltsstoffe EntzĂŒndungen dĂ€mpfen und leicht antibakteriell wirken. Aber Achtung: Kamille kann zB beim Inhalieren die SchleimhĂ€ute auch austrocknen, da muss man ein bisschen von Fall zu Fall entscheiden, wann eine Anwendung Sinn macht. Es gibt sogar eine Studie zur Psyche: Ein Kamillenextrakt verringerte in einem Versuch bei Menschen mit einer generalisierten Angststörung die Angstwerte stĂ€rker als Placebo, wenn auch in mĂ€Ăigem (!) Umfang.

Ringelblume fĂŒr kleine Wunden
Die Ringelblume (Calendula officinalis) ist auch easy going im Garten oder auf dem Balkon. Du streust die Samen im FrĂŒhjahr aus, und sie blĂŒht bis in den Herbst und kommt im nĂ€chsten Jahr von selbst wieder, weil sie sich stark versamt. Sonne reicht ihr, um Knospen ooooohne Ende zu schieben.
Aus den BlĂŒten kannst du in Ăl einen Auszug ziehen, der die Grundlage fĂŒr eine Salbe gegen kleine Wunden und rissige Haut bildet. Die Studienlage geht hier aber auseinander: Eine Untersuchung an 254 Brustkrebspatientinnen fand weniger HautschĂ€den unter Bestrahlung bei denen, die Ringelblumensalbe benutzten, eine neuere Studie sah dagegen keinen Unterschied zur Standardpflege. FĂŒr die alltĂ€gliche Hautpflege spricht die Erfahrung, ist ja ganz angenehm in der Anwendung, fĂŒr die groĂen Versprechen vieler Naturkosmetikhersteller reichen die Daten aber nicht.
Spitzwegerich gegen Reizhusten und Juckreiz
Den Spitzwegerich (Plantago lanceolata) musst du nicht einmal anbauen, er wĂ€chst in fast jedem Rasen und auf jeder Wiese, mehrjĂ€hrig und praktisch geschenkt. An den schmalen, lĂ€ngs gerippten BlĂ€ttern erkennst du ihn recht leicht. Ich hab den ĂŒberall im Garten, weil ich Tee aus ihm mache.

Seine BlĂ€tter stecken voller Schleimstoffe, die sich wie ein Film auf gereizte SchleimhĂ€ute legen. Als Tee oder Sirup beruhigt das einen trockenen Reizhusten, und die EuropĂ€ische Arzneimittelagentur fĂŒhrt genau diese Anwendung in ihrer Monografie dazu als Empfehlung. Der zweite Nutzen ist ebenfalls sehr alt: Zerreibst du ein frisches Blatt zwischen den Fingern und legst den Brei auf einen MĂŒckenstich oder eine Brennnessel-Quaddel, lindert das den Juckreiz. Also angeblich. Bei mir hat das noch nie geholfen, vielleicht ist es bei dir anders.
Wo die Selbsthilfe aufhört
Diese Pflanzen helfen bei den kleinen Wehwehchen des Alltags. Bei hohem Fieber oder Atemnot, oder wenn Beschwerden einfach nicht weggehen und einfach doller als normal sind, gehörst du zur Ărztin und nicht in den Garten. Bist du schwanger oder willst du etwas bei kleinen Kindern anwenden, frag vorher unbedingt (!) in der Apotheke nach, manche Mengen und Zubereitungen sind dann nicht geeignet.
Bis zum nÀchsten Mal
Jasmin
Wenn du Lust auf Goodies wie eBooks oder Post hast und mich dabei unterstĂŒtzen möchtest, das hier auszubauen: SchlieĂ gern ein Abo ab! Dadurch ermöglichst du mir, Saatgut, Experiment-Beete und weiteres Zubehör anzuschaffen, um verschiedene Methoden auszuprobieren und die Ergebnisse direkt mit dir zu teilen. Ich freue mich, wenn du dabei bist und wir zusammen noch viel mehr ĂŒber Pflanzen, Biologie und nachhaltiges GĂ€rtnern lernen! â€ïž

Falls es dich interessiert: In meinem neuen Buch schreibe ich ausfĂŒhrlich ĂŒber naturnahes GĂ€rtnern, das kommt im September raus und kann hier vorbestellt werden:
đż Du willst noch tiefer in die Natur einsteigen? Hier kannst du meine Biologie-/Naturkolumne Schreibers Naturarium kostenlos abonnieren (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
đïž Höre meinen Biologie-Podcast beim Podcastanbieter deiner Wahl (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
Ich wĂŒrde mich auch freuen, wenn du mir auf Social Media folgst:
đ©đ»âđŸ Garten-Updates: Mein Garten-Account auf Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
đ Mein normaler Instagram-Account als Autorin» (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)
đ€ïž Mein Account auf Bluesky (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
𩣠Mein Account auf Mastodon (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)»
Du magst keine Abos, möchtest aber dennoch zeigen, dass dir guter Content etwas wert ist? Dann schick mir fĂŒr den Artikel ĂŒber Ko-Fi ein Trinkgeld. Danke! <3 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre)
Amsterdam, Jay D., Yimei Li, Irene Soeller, Kenneth Rockwell, Jun James Mao, und Justine Shults. âA Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial of Oral Matricaria recutita (Chamomile) Extract Therapy of Generalized Anxiety Disorder.â Journal of Clinical Psychopharmacology 29, Nr. 4 (2009): 378â382. https://doi.org/10.1097/JCP.0b013e3181ac935c (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
Bennett, Bradley C. âDoctrine of Signatures: An Explanation of Medicinal Plant Discovery or Dissemination of Knowledge?â Economic Botany 61, Nr. 3 (2007): 246â255. https://doi.org/10.1663/0013-0001(2007)61[246:DOSAEO]2.0.CO;2 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte. Abwehr von Gefahren durch Arzneimittel, Stufe II: Arzneimittel, die unter Verwendung von Pflanzen der Familie der Aristolochiaceae mit der Gattung Asarum hergestellt werden. Bescheid. Bonn, 22. Juli 2010. GeschĂ€ftszeichen 75-3822-V12617-3232.
European Medicines Agency. âPlantaginis lanceolatae folium: Herbal Medicinal Product.â 31. Dezember 2009. https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/plantaginis-lanceolatae-folium (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
European Medicines Agency. Committee on Herbal Medicinal Products. Public Statement on Chelidonium majus L., Herba. EMA/HMPC/743927/2010. London: European Medicines Agency, 13. September 2011.
Göbel, H., J. Fresenius, A. Heinze, M. Dworschak, und D. Soyka. â[Effectiveness of Oleum menthae piperitae and Paracetamol in Therapy of Headache of the Tension Type].â Der Nervenarzt 67, Nr. 8 (1996): 672â681. https://doi.org/10.1007/s001150050040 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
Hubbert, Michael, H. Sievers, R. Lehnfeld, und W. Kehrl. âEfficacy and Tolerability of a Spray with Salvia officinalis in the Treatment of Acute Pharyngitis: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled Study with Adaptive Design and Interim Analysis.â European Journal of Medical Research 11, Nr. 1 (2006): 20â26.
Ingrosso, Maria Rosa, Gianluca Ianiro, Judy Nee, u. a. âSystematic Review and Meta-Analysis: Efficacy of Peppermint Oil in Irritable Bowel Syndrome.â Alimentary Pharmacology & Therapeutics 56, Nr. 6 (2022): 932â941. https://doi.org/10.1111/apt.17179 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
Kemmerich, Bernd, Reinhild Eberhardt, und Holger Stammer. âEfficacy and Tolerability of a Fluid Extract Combination of Thyme Herb and Ivy Leaves and Matched Placebo in Adults Suffering from Acute Bronchitis with Productive Cough: A Prospective, Double-Blind, Placebo-Controlled Clinical Trial.â Arzneimittel-Forschung 56, Nr. 9 (2006): 652â660. https://doi.org/10.1055/s-0031-1296767 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases. âGreater Celandine.â In LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. Bethesda, MD: National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, 2012. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK548684/ (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
National Toxicology Program. âAristolochic Acids.â In 15th Report on Carcinogens. Research Triangle Park, NC: National Toxicology Program, 2021. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK590841/ (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).
Siddiquee, Shihab, Margaret A. McGee, Andrew D. Vincent, u. a. âEfficacy of Topical Calendula officinalis on Prevalence of Radiation-Induced Dermatitis: A Randomised Controlled Trial.â The Australasian Journal of Dermatology 62, Nr. 1 (2021): e35âe40. https://doi.org/10.1111/ajd.13434 (S'ouvre dans une nouvelle fenĂȘtre).