
Der Skandal um Christian Ulmen ist in der deutschen Medienlandschaft eingeschlagen wie ein Meteorit. Was als Spiegel-Recherche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu Missbrauchsvorwürfen zwischen zwei Eheleuten begann, wuchs schnell an zu einer bundesweiten Debatte über Digitale Gewalt, die tausende Menschen zu Demonstrationen auf die Straße trieb, die Bundespolitik beschäftigte und die Kommentarspalten überlaufen ließ. Während es zu früh ist, die Causa Ulmen abschließend zu resümieren und den langfristigen Deep Impact dieses medialen Meteoriteneinschlages einzuschätzen, lassen sich schon jetzt, knapp einen Monat später, zentrale Erkenntnisse aus der Debatte ziehen.
Ich möchte besprechen, was wir aus der Ulmen-Debatte lernen. Was wir mitnehmen. Und wie wir gestärkt, gerüstet und besser vorbereitet in ähnlich gelagerte Gesellschaftskonflikte gehen, die uns ohne Zweifel zukünftig erwarten.
Vielleicht eher, als man denkt: Anfang April wurde öffentlich, dass sexualisierte Deepfake-Inhalte einer CDU-Kollegin ohne deren Wissen in einer CDU-Chatgruppe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) kursierten, ein Mitarbeiter wurde entlassen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Die berufliche Whatsapp-Gruppe hieß angeblich – aufgepasst, Premium-Humor – „MitGLIEDER (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ und hatte einen erigierten Elefantenpenis als Profilbild.
Weil es immer wieder ähnliche Fälle gibt, arbeitet man bundesweit sowie lokal an Möglichkeiten des besseren Umgangs; erst diese Woche hat die schwarz-grüne Regierung in Schleswig-Holstein ein Maßnahmenpaket gegen sexualisierte Gewalt, Deepfakes und Cyberstalking auf den Weg gebracht:
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/sexualisierte-gewalt-so-will-schleswig-holstein-frauen-schuetzen,massnahmenpaket-100.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Starke Frauen haben es besonders schwer im Patriarchat
Bei der Analyse der Ulmen-Kontroverse sind da zunächst die zwei offensichtlichen Protagonisten: Collien Fernandes und Christian Ulmen. Da wenig bekannt ist über die Sichtweise von Christian Ulmen und er lediglich über Anwälte kommuniziert, bleibt vor allem Collien Fernandes selbst. Nach monatelanger Zusammenarbeit mit dem Spiegel trat sie an die Öffentlichkeit, um selbstbestimmt ihre Seite der Geschichte zu erzählen. Es geht um Vorwürfe des Identitätsdiebstahl, um angeblich in ihrem Namen missbräuchlich versendete Pornografie, physische sowie digitale Gewalt, Demütigung und Vertrauensbrüche; aber auch um Gesetzeslücken und die Frage nach rechtlicher sowie moralischer Verantwortung (und Strafe).
Schnell fiel auf: Die Reaktionen auf diese Enthüllungen waren unterschiedlich, meist nach Geschlecht.
Während insbesondere viele Frauen – und auch einige Männer – auf Fernandes‘ Enthüllungen mit Verständnis und Anteilnahme reagierten, war auch das Gegenteil der Fall. Ein meist männlicher Teil der medialen Öffentlichkeit reagierte mit Skepsis, „Unschuldsvermutung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“, Einzelfall, Stirnrunzeln. Comedian Oliver Pocher (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sorgte sich um Christian Ulmens Karriere, Kabarettistin Monika Gruber verspottete (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Collien Fernandes; und viele männliche Kollegen? Schwiegen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ebenso gab es Morddrohungen, Einschüchterungen und Versuche, Collien Fernandes mitsamt ihren Anschuldigungen ebenfalls zum Schweigen zu bringen.
Was wir aus der Ulmen-Debatte lernen (1):
Starke Frauen haben es besonders schwer im Patriarchat.
In einer Welt, in der die Anliegen von Männern immer noch schwerwiegen und sie oft die treibende normative Kraft sind bei der Gestaltung der Gesellschaft, in der Männer die Spielregeln machen und aufrechterhalten, ist Gegenwind in Geschlechterfragen vorprogrammiert, sollten Frauen es wagen, zu laut Veränderung und Gerechtigkeit einzufordern. Dies gilt für alle Frauen, doch gilt es auch und insbesondere für jene Frauen, die wir als stark erleben. Wer es wagt, sich gegen patriarchale Strukturen aufzulehnen, muss mit Versuchen rechnen, niedergedrückt zu werden.
Das ist keineswegs neu.
Schon Natascha Kampusch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat damals große Teile der Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht. Nach ihrer Flucht von ihrem Peiniger Wolfgang Přiklopil, vor fast genau 20 Jahren, sah sich die damals 18-Jährige einer teils feindseligen Öffentlichkeit ausgesetzt. Nicht, weil sie irgendetwas falsch gemacht hätte, im Gegenteil. Ihr Vergehen: Sie verhielt sich nicht so, wie man es von einem Opfer gemeinhin erwartet. Sie war nicht leise, nicht fragil; nicht sichtlich traumatisiert und den Tränen nahe. Kampusch war: Eloquent, firm, stark und trotz Entführung und jahrelanger Isolation imstande, sich selbstbewusst den Fragen von Medien und Öffentlichkeit zu stellen.
Nun ist es nicht einfach, einen Fall wie den von Collien Fernandes mit dem Fall Kampusch zu vergleichen. Kampusch wurde physisch entführt und über Jahre hinweg körperlich missbraucht; Fernandes lebte, zumindest dem Vernehmen nach, freiwillig in einer problematischen Ehe. Ebenso ist das Auftreten einer 18-Jährigen ohne Medienerfahrung ein anderes als das einer 44-Jährigen mit einem Vierteljahrhundert Erfahrung als Medienprofi. Trotzdem zeigen sich Parallelen: Beide Frauen wurden als stark wahrgenommen und stießen deswegen auf eine teilweise überkritische Öffentlichkeit. Beiden Frauen schlugen in Folge ihrer medialen Auftritte massive Wellen von Aggressionen entgegen, meist von Männern. In beiden Fällen ging es der Öffentlichkeit darum, den Frauen ihre Erfahrungen abzusprechen, sie in ihrer Glaubwürdigkeit zu delegitimieren und sie nicht nur als Mensch und in ihrer Sprecherposition, sondern ganz spezifisch als Frau, zu kritisieren.
Die Message ist klar: Wenn eine Frau ihre Rolle als fügsame, gefällige, leicht händelbare Gefährtin verlässt und zu vehement auftritt, öffentlich unbequem wird, Männer anprangert und ungeachtet patriarchaler Rollenvorstellungen für sich und andere Gerechtigkeit einfordert, dann muss sie mit Kritik, Delegitimierung, und öffentlicher Sanktion einer Teilöffentlichkeit rechnen. Diese Kritikmechanismen und Delegitimierungsstrategien sind jedoch keineswegs ein Einzelverhalten oder spontan. Vielmehr: Sie sind systemisch eingeübt, abrufbar und kollektiv gesteuert – zum Beispiel in Form antifeministischer Kampagnen.
Rechte Influencer tun alles, um Debatten zu kapern (und Opfer zu instrumentalisieren)
Debatten und Kontroversen finden nicht in einem luftleeren Raum statt, auch die Debatte über Digitale Gewalt nicht. Im Gegenteil: Die Vorwürfe, die Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann erhebt, sind nicht bloß persönlicher, sondern politischer Natur. Insofern sehen wir im Ulmen-Skandal und der Debatte um Digitale Gewalt und Opferschutz auch eine Debatte, die viel zu tun hat mit einem Rechts-Links-Kulturkampf, wie wir ihn momentan in anderen Aspekten der Gesellschaft wiederfinden – zum Beispiel in der Wolfram-Weimer-Debatte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dem Kulturstaatsminister unter Friedrich Merz, welcher mit dem Verfassungsschutz gegen linke Buchhandlungen agierte und eine Kontroverse produzierte nach der Absage für den Deutschen Buchhandlungspreis an drei Buchhandlungen wegen angeblicher „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“. Statt Aufklärung wird gemauert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Ebenso ist Bundeskanzler Friedrich Merz selbst zu nennen, der als zentraler Akteur an der Kulturkampffront agiert und von der Stadtbild-Debatte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Ende 2025 bis hin zur neulichen Diskussion darüber, ob er 80% der Syrer „loswerden“ möchte (oder das doch Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa gesagt habe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder vielleicht niemand), kaum eine Gelegenheit auslässt, um sich am identitätspolitischen Kulturkampf zu beteiligen. Was wir die letzten Jahre hierzulande wahrnehmen, besonders in den Sozialen Medien, sind polarisierende Kampagnen und rechtspopulistische Versuche, mit Desinformationen die Deutungshoheit zu gewinnen – ganz nach MAGA-Vorbild aus den USA. Das Motto: Flood the zone with shit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Das kannte man so ähnlich schon in der Antike: Semper aliquid haeret (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Es bleibt immer etwas hängen. Wer mit Dreck wirft, darf sich sicher sein, dass ein Teil davon trifft.
So verwundert es nicht, dass auch Collien Fernandes persönlich und die Ulmen-Debatte allgemein schnell den Angriffen von rechten Influencern ausgesetzt war. Viele dieser „Polarisierungsunternehmer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“, wie der Soziologe Steffen Mau sie nennt, nutzten die Ulmen-Kontroverse schnell als Vehikel für ihre eigenen, meist reaktionären, antifeministischen oder rechtsradikalen Inhalte.
Manches driftete gleich ins Verschwörungstheoretische ab:
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das muss man sich mal vorstellen: Eine Frau wehrt sich gegen jahrelangen Identitätsdiebstahl, schildert minutiös und in wesentlichen Aspekten überprüfbar glaubwürdig alle möglichen Übergriffe, Grenzüberschreitungen und Demütigungen, und andere Männer vermuten dahinter einen „Masterplan“; ein hyperfeministisches Komplott, das nicht bloß vom unschuldigen Kaffeeflirt abhalten soll (das natürlich auch), aber nein, mehr noch, dahinter verberge sich womöglich eine anti-westliche Verschwörung der Muslime, um sich im Windschatten westlich-fraglier Verunsicherung ungestört fortpflanzen zu können.
Das Opfer im Fall Ulmen, aus maskulinistischer Sicht? Nicht Collien Fernandes, sondern alle Männer.
Diese Inszenierung als Opfer ist zwar absurd und entbehrt jeder Logik (von der ethischen Kategorie des Anstands ganz zu schweigen), passt aber perfekt in das Selbstviktimisierungsritual, das die Neue Rechte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) tapfer eingeübt hat. Die Neue Rechte untersucht routinemäßig und grundsätzlich alles, was in der Gesellschaft vor sich geht, auf die Möglichkeit, wie man(n) es für den eigenen Opfermythos (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verwursten kann.
In diesen Opfer-Erzählungen steckt dann, wie Wurstbrät es nun mal an sich hat, eine wilde Mischung: Verschwörung, Antifeminismus, Rassismus. Dass Collien Fernandes‘ Schicksal in dieser Weltanschauung allein dafür dient, sich selbst genüsslich den Aluhut aufzusetzen und sich gefühlig als Opfer zu inszenieren – das ist nicht nur kein Problem, sondern bewusster Teil des Programms. Genau so geht die rechtskonspirative Instrumentalisierung, welche die eigenen regressiven Männlichkeitsbilder um jeden Preis schützen will vor fremdem Empowerment und feministischem Engagement. Im eigenen Drehbuch ist man stets der sterbende Schwan.
Und wer denkt, ich hätte an dieser Stelle absichtlich einen besonders pikanten Kommentar (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) herausgesucht, um meine These zu untermauern: Meinetwegen. Dieser wirre Gedanke – und das nebenbei: Wirre Gedanken werden nicht weniger wirr, indem man sie mit „Ich hatte gerade einen wirren Gedanken…“ einleitet – ist allerdings nur einer von vielen, von ganz, ganz vielen.
Die Kommentarspalten waren in den ersten Wochen nach dem Spiegel-Artikel, der die Debatte lostrat, voll von Männern, welche ihren antifeministischen Impulsen freien Lauf ließen. Voll von Männern, die – ganz ohne Angriff, wohlgemerkt – exakt jene Selbstverteidigung für sich beanspruchen, welche sie anderen nicht zugestehen.
Einen größeren Einfluss als anonyme Einzelstimmen haben reaktionäre Szenegrößen wie Julian „Scheidungsurkunde“ Reichelt oder Jan Fleischhauer. Letzterer spottete über „feministische Rechtspflege (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ der Bundesjustizministerin, während Julian Reichelt ein paar Evergreens über „linke Journalisten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ und „Klimaaktivisten“ anstimmte (als würde Theresia Crones Klimaaktivismus nicht unmittelbar damit zusammenhängen, dass sie als öffentlich auftretende Frau sexualisiert und persönlich angegriffen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wird).
Dann sind da noch die als alternative Medien verkleideten Propagandaschleudern wie NIUS & Co. NIUS schreibt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):
„Die Geschichte über den Fall Ulmen/Fernandes hat alles, was eine linke Groteske braucht: eine Correctiv-Journalistin, eine Steuergeld-NGO, eine Zero-Covid-Aktivistin, eine raunende Spiegel-Titelstory und eine Ministerin, die die Meinungsfreiheit einschränken will.“
Ich möchte dagegenhalten:
https://bsky.app/profile/janskudlarek.bsky.social/post/3mk7xdau5v22z (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Geschichte über den Fall Ulmen-Fernandes hat alles, was man als rechte Drecksschleuder für seine Propaganda braucht: „Lügenpresse“-Verschwörungstheorien; empowerte Frauen, die man toxisch-maskulin hassen kann; einen „echten“ Mann, der sich ohne Rücksicht auf „Wokeness“ einfach nimmt, was er will (und sei es ein gefälschte LinkedIn-Profile); die Möglichkeit, reaktionäre Ressentiments über Menschen auszukübeln, die sich für andere Geschlechterverhältnisse einsetzen; und der bodenlose, konspirativ und identitätspolitisch motivierte Hass auf demokratisch gewählte Repräsentanten sowie Nichtregierungsorganisationen, welche sich für Opferschutz, Frauenrechte, ein würdevolles Miteinander und ein Mindestmaß an Respekt engagieren.
Das sind unter anderem die Gründe, warum der Fall Ulmen-Fernandes die rechte Szene so triggert. Er ist ein kunterbuntes Wünschdirwas rechter Talkingpoints und Triggerpunkte, das ganz nach dem Motto des US-Zirkuspioniers P.T. Barnum (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „a little something for everybody“ all jene einlädt, die sich eingeladen fühlen wollen. Es ist für jeden etwas dabei.
Was wir aus der Ulmen-Debatte lernen (2):
Rechte Influencer tun alles, um Debatten zu kapern (und Opfer zu instrumentalisieren).
[…]
Dies war Teil 1 von „Was wir aus der Ulmen-Debatte lernen“. Hier geht es weiter mit Lehren aus der Ulmen-Debatte und der Frage, was wir daraus für die Zukunft mitnehmen:
https://steady.page/de/janskudlarek/posts/85e8b20e-0420-4d45-b6fc-7cd3d4e57b75 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Falls ihr möchtet und weil es mich interessiert: Ihr könnt ihr mir sehr gern folgende Fragen beantworten (im Kommentarbereich oder per E-Mail):
1. Was nimmst du mit aus der bisherigen Debatte über Digitale Gewalt? Was sind deine persönlichen Erkenntnisse, Schlüsse, Eindrücke? Was hat dich überrascht, was nicht?
2. Allgemein: Wie können wir über gesellschaftliche Reizthemen konstruktiv besprechen? Was müssen wir vermeiden, was hingegen schaffen? Siehst du eine Möglichkeit, zukünftig konstruktiv und lösungsorientiert mit ges. Reizthemen umzugehen? Und falls ja, wie?
Schreibt mir gern ein paar Sätze!
PS: Über Themen der Intimität, Sexualität und der mal mehr, mal weniger fragilen Männlichkeit habe ich mit der Sozialpsychologin Lisa Hoffmann und der Autorin und Sexualpädagogik Madita Oeming in meinem Podcast gesprochen:
https://steady.page/de/janskudlarek/posts/0dd24de5-b25a-4926-a81a-b2dd9e84faed (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Auch die Ulmen-Debatte kam explizit vor:
https://www.instagram.com/p/DXoWIJUjCc2/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Sofern dir meine Arbeit gefällt, bin ich dankbar, wenn du sie unterstützt, in welcher Form auch immer – zum Beispiel, indem du diesen Artikel teilst oder verschickst.