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Gewöhn dich dran (Juni-Logbuch)

An einem abartig warmen Sonntagnachmittag sitze ich im kalten Keller. Kopfhörer drauf, heute habe ich sogar an die Socken gedacht. Das Powernap von vorhin ist endlich angekommen, oder vielleicht liegt’s auch an der Raumtemperatur, dass ich nach fünf (sechs?) Tagen wieder genug aktive Gehirnzellen habe, um dieses Logbuch zu schreiben. Oder überhaupt etwas zu machen, außer apathisch herumzuliegen und alle paar Minuten die Wetter-App zu checken. Jep, immer noch 39 Grad. Super.

“Gewöhn dich dran”, sagte gestern jemand zu mir, und genau das fuckt mich ab. Schönen Dank auch, ich weiß doch längst, dass wir alle am Arsch sind. Aber so ist das eben, man reißt sich zusammen, the show must go on, das BIP muss wachsen, und irgendwie tut es mir dann doch ganz gut, wie wenig ich gerade zur Wirtschaft beitrage.

In Norwegen soll's schön sein, fürs Erste tut's auch der Keller ...

Fünf Monate arbeitslos,

sage ich gern selbstironisch, dabei habe ich in den letzten Monaten wahrscheinlich mehr gearbeitet als vorher, denn wenn ich all die angefangenen Manuskripte zusammenzähle, komme ich locker auf den Wordcount eines ganzen Romans, dazu 24 Wochen nonstop Social-Media-Präsenz, drei Exposé-Begleitungen, ein Lektorat, sechs Schreibimpulse auf Steady, eine Lesung und viel mehr Ängste, als mir lieb sind.

Weil Produktivität eben nicht reicht, um mit einem kreativen Beruf erfolgreich zu sein. Es braucht vor allem Glück, gutes Timing und einen verdammt langen Atem. Und das zu akzeptieren, daran arbeite ich noch. Denn das ist leider mein Muster, so viel wie möglich schaffen, Pausen sind Gift, und am Ende wundere ich mich nur wieder, warum ich immer so müde bin …

“Gewöhn dich dran”,

das erinnert mich an einen Moment von vor zwei Jahren, als man mir einreden wollte, ich sei mit meinen kreativen Flausen zu naiv, um auf dem Buchmarkt zu bestehen. Vielleicht stimmt das. Vielleicht war es pures Glück, dass ich mit einer dieser Flausen Erfolg hatte. (Und dann wieder nur Absagen kassierte.)

Und ach, was habe ich um Verkaufszahlen gekämpft. Drei Monate gebangt und gehofft und der Realität ins Auge geblickt (ich bin keine Influencerin, und womöglich war dieses Wunder zu groß für meinen DIY-Baukasten) - und am Ende brauchte es lediglich eine richtig gute Idee, um binnen weniger Stunden ein Angebot im Postfach zu haben. Das ist, was ich aus dem Juni mitnehme, was ich mir einrahme für die zweite Jahreshälfte, als Erinnerung, wenn ich es das nächste Mal vergesse: Echte Begeisterung zählt eben doch. Und Loslassen bringt einen manchmal weiter.

Wie ich an meinem langen Atem arbeite aka stupid workouts for my stupid mental health

Während ich dieses Logbuch schreibe, wächst eine neue Geschichte, und es ist mir lange nicht so leicht gefallen, einen Anfang zu tippen. Das Thermometer kletterte über die fünfunddreißig Grad und ich binnen kürzester Zeit über die Fünftausend-Wort-Grenze, weil Nichtstun unmöglich wird, wenn das Kopfkino einmal läuft. Ich liebe solche Projekte. Und ich bin froh, dass ich zu viel Spaß daran habe, um über die riesigen Erwartungen nachzudenken, die hier dranhängen.

Denn wenn das nicht klappt, tja. Dann verbringe ich den nächsten Sommer vielleicht wieder im Büro statt im kalten Keller. Meine letzte Bewerbung verlief im Sande, und das war gut, weil ich dadurch merkte, dass ich mir diese Chance wirklich geben will. Und um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass mit diesem Projekt der große Durchbruch auf mich wartet. Vielleicht muss er das auch gar nicht. Vielleicht kratze ich einfach weiter Mauselöcher in die Wand.

Was soll das heißen, so langsam wird es Zeit, erwachsen zu werden?

Macht nichts (aber alles)

Die Sommerferien stehen vor der Tür und statt der Lesung zu meinem Buch, die ich bereits in trockenen Tüchern glaubte, trage ich mir nun für den 26. Juli eine Lichtungslese (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in den Kalender, zu der mich die Lesebühnen-Kollegin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) einludt. Man könne mir leider kein Honorar zahlen, ich sagte “macht nichts”, dabei machte es alles mit mir. Die Einladung, nicht das fehlende Honorar. Kreative Flausen und so.

Denn es stimmt, ich bin naiv, auch wenn ich mittlerweile weiß, wie es auf dem Buchmarkt läuft. Aber ich will mich aber eben nicht daran gewöhnen. Ich will nach Absagen, Rückschlägen und Erwartungen, die keine Seite so richtig halten konnte, endlos jammern und dann trotzdem genauso vorfreudig in neue Geschichten springen, sie abwechselnd für die Idee und das schlechteste Buch der Welt halten, ich will vollkommen delulu sein, wenn das dazu beiträgt, dass ich weiterschreibe, ob nun für den Markt oder für mich selbst.

Keine Ahnung, was das wird

Im Juni stürzte ich mich in die (sehr intensive) Überarbeitung meines Debütromans, den ich Stand heute zumindest nicht mehr vollkommen schrecklich finde, aber auch noch nicht gut genug, um zu 100% überzeugt von meiner Entscheidung zu sein, ihn ein zweites Mal zu veröffentlichen. Ist egal, ich mache es trotzdem. Und natürlich steht dann auch Band 2 im Raum, den ich in liebevollem Chaos in ein rosa Notizbuch kritzle. Keine Ahnung, was das wird, womit ich das finanziere, aber wer sagt eigentlich, dass jedes Buch mit dem größtmöglichen Perfektionismus entstehen muss?

Denn am Ende ist es dieser Perfektionismus, mit dem wir uns Mauern statt Wunder bauen. Wer Kunst machen will, muss atmen können, und wie soll das gehen, wenn ich vor lauter Erwartungen ständig die Luft anhalte?

Zum Buchgeburtstag schenkte ich mir einen August, der zum Jahreshighlight wurde

Die Hitzewelle ist vorbei, die Fenster stehen offen. Ich bin nach vielen unruhigen Nächten zu müde, um heute richtig produktiv zu sein, und doch sitze ich am Laptop. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will. Was für ein schöner und über alle Maßen aufwühlender Beruf das doch ist. Da könnte ich mich glatt dran gewöhnen.

Vielleicht war es Glück.

Vielleicht ist es ein unfassbares Privileg, dass ich trotz allem jetzt noch wenigstens bis zum Jahresende so weitermachen kann. Was danach passiert? Wir werden sehen.

Übrigens: naiv stammt vom lateinischen nativus ab und beschreibt im Grunde nichts als eine natürliche Offenheit dafür, eigene Erfahrungen zu sammeln.

Und damit endet dieses Logbuch, in dem ich doch eigentlich von meinem Buchgeburtstag erzählen wollte. Deshalb noch schnell: “Rebel of the Light (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” ist jetzt ein Jahr alt, wohooo! Wenn du das Buch noch nicht kennst und lesen möchtest, wäre jetzt noch die Chance, dir ein Printexemplar mit Farbschnitt zu sichern. Eine zweite Auflage wird es nicht geben.

Danke für deine Zeit!

Deine Karla 🤍

P.S.: Apropos Flausen, nach diesem schrecklich langen Wochenende habe ich mir überlegt, den aktuellen Schreibimpuls kostenlos freizugeben. Falls du also mal reinschnuppern möchtest, was dich bei einer Mitgliedschaft erwartet, dann lade ich dich hiermit ein zum längsten Satz des Jahres (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)! Viel Spaß damit. 🐌

Sujet Schreiblebenliebe

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