Liebe Leser:innen,
Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben. Aber dann sind an einem Abend gleichzeitig wieder zwei Frauenmorde in Österreich bekannt geworden. Einer in der Steiermark, einer in Niederösterreich. Beide Frauen wurden von Männern, zu denen sie ein Naheverhältnis hatten, mutmaßlich erschossen.
Es sind nur die aktuellsten Fälle in einer unendlich langen Reihe. Frauen werden in erschreckend hoher Zahl getötet. Dieser “Spitze des Eisbergs” geht jeweils noch viel mehr Gewalt in anderer Form voraus und sie ist derart “normal”, dass jede dritte Frau davon betroffen ist. Hinzu kommt, dass überhaupt nur ein Bruchteil der Taten (im einstelligen Prozentbereich) zur Anzeige gebracht wird - weil Frauen häufig so unter Druck stehen, abhängig sind oder sich gar keine Hilfe durch Behörden erwarten.
Dokumentierte Morde
Im Schnitt werden in Österreich pro Monat zwei bis drei Frauen ermordet, in Deutschland kommt es etwa jeden zweiten Tag zu einem Tötungsdelikt an Frauen und Mädchen. Die meiste Gewalt geht dabei von Partnern, Ex-Partnern oder dem familiären Umfeld aus. Das Geschlechterverhältnis auf Täter:innen-Seite spricht eine eindeutige Sprache: Die Gewalt ist männlich. Zwar kommt es vereinzelt vor, dass auch Frauen Morde begehen, statistisch ist die Zahl jedoch verschwindend gering.
An all diesen Informationen ist nichts neu. Dennoch ändert sich die Situation nicht. Im Gegenteil: Gewalt an Frauen nahm zuletzt sogar wieder zu (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - oft auch befeuert durch Frauenhass im Internet. Medienberichte über Männer, die Frauen verprügeln, vergewaltigen, stalken oder bedrohen sind alltäglich. Das ist keine Übertreibung.
Lippenbekenntnisse
Nach jedem Femizid ist dann die Betroffenheit bei Politiker:innen groß, ja, da müsse man schon etwas tun. Doch offensichtlich wurde bisher nicht genug oder nicht das Richtige getan. Vor allem dem Präventionsbereich müsste zum Beispiel eine viel größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wenn Gewalt bereits passiert ist, sind Maßnahmen oft schon zu spät. Auch das Personal bei Polizei und Justiz ist häufig nicht entsprechend sensibilisiert oder es fehlt an Ressourcen.
Und auch in der öffentlichen Debatte scheint Gewalt an Frauen einfach “dazu zu gehören”. Anders kann man sich kaum erklären, dass es meist nur eine Handvoll immer gleicher Leute sind, die sich zur Thematik überhaupt äußern, Forderungen stellen und sich mit Lösungsansätzen befassen. Für den Rest gilt wohl der Grundsatz “Nicht mein Problem”.
Da hilft es auch nichts, wenn einmal im Jahr zum Frauentag reihenweise Promimänner aufmarschieren und mit Hundeblick beteuern, dass sie “eh dagegen” (diese Gewalt) sind. Ja, danke vielmals. Und was tun diese Männer im restlichen Jahr? Sind sie auch zur Stelle, wenn im persönlichen Umfeld sexistische Witze gerissen werden, wenn Frauenverachtung normalisiert wird, wenn ein Kumpel im Verdacht steht, einen Übergriff begangen zu haben? Manche werden das guten Gewissens mit Ja beantworten können - glücklicherweise gibt es diese Verbündeten beim männlichen Geschlecht. Doch die breite Mehrheit kümmert sich einfach nicht darum, so ehrlich können wir alle sein.
Schuldverlagerung
Wer sich (wie ich) der mentalen Herausforderung des Foren-Lesens stellt, wird außerdem schnell feststellen, wie erklärungswillig viele sind, wenn es um Täter geht. Juristisch sind Mordmotive selbstverständlich zu eruieren. Aber wie weit manche gehen, um eine geradezu verständnisvolle Erklärung rund um die männliche Gewalttat zu basteln, ist haarsträubend. Schuld wird auf das Opfer verlagert, Fehlverhalten bei der betroffenen Frau gesucht.
Während ich diesen Newsletter schreibe, wird in einem Zeitungsbericht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) das “Motiv” eines der beiden Täter der eingangs erwähnten Fälle bekannt. Wenn die Informationen zutreffen, musste eine Frau sterben, weil sie sich kritisch zum Geschlechtsverkehr mit dem mutmaßlichen Täter geäußert hatte. Sein Anwalt spricht von “tiefer Kränkung”. Wie kann man da noch ruhig bleiben?
In besonders mit dem Täter mitfühlender Weise wird von vielen diskutiert, wenn ältere Männer Frauen “aufgrund von Krankheit” töten. Überhaupt werden überdurchschnittlich viele Frauen jenseits der 60 ermordet, was in der öffentlichen Debatte aber kaum Beachtung findet. In solchen Altersgruppen kommt es oft zu erweiterten Suiziden. Doch, um es klar zu sagen, weil es manche offenbar hören müssen: Krankheit - weder die eigene noch die der Partnerin - rechtfertigt keinen Mord. Nichts rechtfertigt einen Mord. Und wer es trotzdem nicht begreifen will, kann die Situation ganz einfach auf den Kopf stellen und sich fragen: Wie oft bringen Frauen Männer “aufgrund von Überforderung” um? Genau.
Es muss aufhören
Viele der genannten Zahlen und Fakten wurden in den hier vorangegangenen Kolumnen bereits genannt, viele davon werden in kommenden wieder genannt werden. Die aktuellen Femizide in Österreich werden, das ist gesichert, nicht die letzten in diesem Jahr gewesen sein. Auch morgen werden wir wieder in Zeitungen lesen, dass ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat.
Daher muss ich diesmal mit einem direkten Appell schließen:
Aber lasst uns doch bitte noch lauter sein, lasst uns doch bitte mehr werden, die das nicht mehr hinnehmen, lasst uns lästig sein, bis sich die Gewaltspirale endlich nicht mehr weiterdreht. Und lasst uns ein für alle Mal klarstellen: Gewalt an Frauen ist ein Männerproblem.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir fühlen mit den Opfern und ihren Angehörigen!