Manchmal lohnt es sich, am Rande einer Kleinstadt zu wohnen. Vor allem, wenn nahe der Kaffeetafel ein majestätischer Greifvogel vorbeifliegt.
Ende Juli startete meine erste Umfrage in der Tierisch-Vielfältig-Community. Über ein Drittel der TeilnehmerInnen wählten den Rotmilan auf das Siegertreppchen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Das freut mich sehr, schließlich trägt Deutschland eine besondere Verantwortung für diese Art. Ein Artikel über tierische Reiseziele, gekochte Nudeln, alte Lappen und Wohlfühloasen.

Es ist September. Elegant kreist die Jägerin in 50 Metern Höhe am Stadtrand, die letzten Häuser und ein kleiner Wald sind nur wenige Flugminuten entfernt. Ruhig ist ihr Flügelschlag, majestätisch ihr Anblick vom Boden aus. Ihre beeindruckend langen Flügel haben eine Spannweite von über eineinhalb Metern, der tief gegabelte Schwanz dient der Steuerung, ist von Weitem gut zu sehen.
Den Blick fest auf die frisch gemähten Ackerflächen und Wiesen gerichtet, hält das Rotmilan-Weibchen Ausschau nach tierischer Nahrung. Sie ist nur etwas kleiner, als ihr Partner, der Hunger ist jedoch ebenso groß.
Heute ist ein guter Tag zum Jagen: Potenzielle Beutetiere sind zwischen den kurzen Getreidehalmen gut zu sehen. Auf dem Speiseplan der Jäger und Sammler stehen zum Beispiel (Quellen: 1, 2):
Mäuse und Ratten
Maulwürfe
Feldhamster (wo vorhanden)
Junghasen
Amphibien und Fische
Kleine Vögel, aber auch Drosseln
Tierische Verkehrsopfer
Aas oder Fleischabfälle (z.B. Speckschwarten, Hühnerfüße, Essensreste auf Mülldeponien)
Gekochte Nudeln (das Beweisvideo gibt´s auf Youtube (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))
Manchmal darf es auch ein Regenwurm oder eine Heuschrecke sein. In der Nähe von Gewässern jagen Rotmilane sogar Fische. Das haben sie mit dem nahe verwandten Schwarzmilan gemein (Quelle: 3).
Rotmilan im Winterurlaub
Unser Weibchen erspäht eine verletzte Maus auf dem Boden. Die Beute fest im Blick, schraubt sie sich vom Himmel herunter, geht dann vom Gleit- in den Sturzflug über. Ein guter Fang ist wichtige Kraftnahrung, jetzt, so kurz vor dem Abflug. Dem Weibchen steht eine kräftezehrende Reise bevor – der Vogelzug. Zwischen Oktober und November wird sie mit anderen Rotmilanen in den Südwesten fliegen. Den Winter verbringen einige Tiere in Süddeutschland, Tschechien oder der Schweiz. Andere zieht es in wärmere Gefilde, zum Beispiel nach Spanien, Italien, Frankreich oder Portugal. Dort leben sie etwa fünf Monate, bis sie im Vorfrühling wieder gen Norden fliegen.
Kinderstube in alten Bäumen
Wenn alles gut geht, trifft unser Weibchen spätestens im März ihren Partner aus dem Vorjahr wieder, denn Rotmilane sind treu. War die Brut im letzten Jahr erfolgreich, wird das Paar sein altes Nest am Waldrand erneut nutzen – außer es wurde inzwischen durch Menschen oder auf natürliche Weise zerstört. Oder eine Nilgans hat es sich dort gemütlich gemacht (Quelle: 4).
Der sogenannte Horst wird stabil auf einem starken Ast gebaut (etwa in der Baumkrone einer lichten Kiefer oder einer Pappel) und befindet sich mindestens zehn Meter über dem Boden. Dies soll Waschbären und Baummarder aus dem Nest fernhalten. In Schutzgebieten wird von menschlichen Helfern jedoch häufig zur Sicherheit noch eine Plastikmanschette um den mächtigen Baumstamm gelegt. So können die aus Menschensicht knuffigen, aber für Rotmilane lästigen Allesfresser nicht hochklettern und die Jungtiere erbeuten.
Bei der Wahl des Polstermaterials ist das Paar nicht unbedingt wählerisch, die Greifvögel kleiden den Horst mit Fellresten, Papier, alten Lappen oder Plastiktüten aus. Auch das ein oder andere Wäschestück wurde in der Vergangenheit schon stibitzt. Hauptsache, der Nachwuchs hat es warm und das Nest liegt in Flugnähe ihres bevorzugten Jagdgebietes, dem abwechslungsreichen Offenland mit Äckern, krautigen Wiesen, kleinen Wäldern oder Baumreihen, Hecken und Blühstreifen.
Kleine Kinder, kleine Sorgen …
Die Brutzeit beginnt spätestens im April. Das Weibchen wärmt durchschnittlich zwei bis drei rotbraun gesprenkelte Eier, das Männchen geht auf die Jagd. Nach rund 30 Tagen schlüpft der Nachwuchs und wird danach weitere 60–70 Tage von den Eltern umsorgt. Im September sind die Jungtiere seit wenigen Monaten flügge; Mutter und Vater Rotmilan haben ihnen wohl alles Nötige beigebracht.
Es ist beeindruckend, wenn zwei oder drei Tiere gleichzeitig zu sehen sind, kommunizieren und manchmal sogar kleine Flugmanöver durchführen, gemeinsam am Himmel trudeln, kreisen oder schnell die Richtung wechseln.
Wir sind Rotmilan!
So anmutig die mächtigen Vögel am Himmel auch aussehen, ihr Leben ist durchaus nicht ohne Risiken. Zu ihren natürlichen Feinden gehören Rabenkrähen (selbst beobachtet), Uhu oder Habicht. Tagelanger Dauerregen gefährdet die Brut. Dazu machen wir Menschen ihnen das Leben ebenfalls schwer. Immer wieder sterben Tiere durch Giftköder, illegale Abschüsse, Hochspannungsleitungen, Baumfällarbeiten, Windkraftanlagen oder nach Kollisionen auf der Autobahn (Quelle: 5). Doch wie hoch die Verluste auch sein mögen:
Jeder überlebende Rotmilan ist ein Gewinn.
Die Tierart kommt fast ausschließlich in Europa vor. Vor einigen Jahren wurden 30 bis 35 Tausend Brutpaare gezählt, etwa die Hälfte davon hierzulande (Quelle: 6). Damit gehört Deutschland zu den Hauptverbreitungsgebieten des eleganten Greifvogels.
Von Wohlfühloasen und Fotosessions
Besonders wohl scheint er sich in Hessen und den östlichen Bundesländern zu fühlen, dort vor allem in Sachsen-Anhalt. Auch bei mir in Baden-Württemberg lässt sich Milvus milvus immer wieder sehen – und von Balkonien aus manchmal sogar beobachten. Der typische Ruf klingt wie ein hohes „Fiiuuu-Fiu-Fiu-fiu“ (Audio folgt).
Wenn ich Glück habe, kündigen sich die Tiere damit rechtzeitig an und es ist noch ausreichend Zeit, die Kamera zu holen. Meistens fliegen sie in Höhen, die mit einem normalen Objektiv kaum ein detailliertes Bild erlauben – immer auf der Suche nach Nahrung. Trotzdem gelingt mir manchmal ein Bild, auf dem die hellen Flecken am Ende der beeindruckenden Schwingen und der rostrote Körper zu sehen sind.
Ein wirklich toller Moment, der mir stets ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Und der mir einmal mehr klarmacht, warum Rotmilane die Gewinner der Tierisch-Vielfältig-Umfrage waren.
Viel Spaß beim Entdecken!
Lesefutter! Quellen und Referenzen
Deutsche Wildtierstiftung, Broschüre Rotmilan: Land zum Leben, Der Schutz von Deutschlands heimlichem Wappenvogel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), September 2019
Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), Themenheft Rotmilan (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), aus “Die Vogelwelt, Beiträge zur Vogelkunde”, 139. Jahrgang 2019, Heft 2
Avi-Fauna, Lexikon der Vögel in Deutschland, Schwarzmilan (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Deutscher Verband für Landschaftspflege (Dvl), Broschüre Land zum Leben für den Rotmilan, Nr. 27 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der DVL-Schriftenreihe „Landschaft als Lebensraum“, Empfehlungen zur Verbesserung der Nahrungssituation und zum Schutz seines Bruthabitats, 2020
Webseite Rotmilanzentrum Halberstadt am Museum Heineanum, Gefährdung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
International Union for Conservation of Nature’s Red List (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (IUCN), Stand 17. August 2020
Alle Webseiten wurden am 1. Oktober 2025 abgerufen.
Ausblick
Auch in der nächsten Ausgabe wird es um den Rotmilan gehen, genauer gesagt um seinen Schutz und die Frage, warum RotmilanforscherInnen gute Schuhe brauchen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Damit beginnt die Reihe TiVi! Aktiv – Menschen, die sich engagieren. Interviewpartner wird Martin Kolbe sein, der Leiter des Rotmilanzentrums am Museum Heineanum.
Nach Halloween dreht sich in der Reihe Tierisch viel los auf Balkonien! alles um Spinnen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Teil 3).
Tierisch-Vielfältig-Community
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