Jahrzehntelang wurde Atommüll einfach im Meer „verklappt“
Zwischen 1946 und 1982 versenkten zahlreiche Staaten Atommüll einfach im Meer – nun haben Wissenschaftler:innen mehr als 3300 Atommüllfässer im Atlantischen Ozean am Meeresboden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)entdeckt. Alleine im Nordostatlantik vermutet man mindestens 200.000 weitere Atommüllfässer. Dass es diesen Atommüll auf dem Meeresgrund gibt, ist seit langem bekannt. Allerdings ist unklar, wo genau sich die Fässer heute befinden und wie ihr Zustand ist.
Das internationale Forschungsprojekt NODSSUM (Nuclear Ocean Dump Site Survey Monitoring) untersucht, welchen Einfluss diese radioaktiven Altlasten auf die maritimen Ökosysteme haben. Geleitet wird das Projekt von der französischen Forschungsorganisation Centre national de la recherche scientifique (CNRS). Auch Pedro Nogueira (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)vom Thünen-Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven war mit an Bord des Forschungsschiffes L’Atalante.

Die USA versenkten in den 40er, 50er und 60er Jahren große Mengen Atommüll an den Ost- und Westküsten der USA. Die Sowjetunion hat das im Nordmeer vor seiner Küste und im Pazifik genauso gemacht. Überwiegend handelte es sich um schwach- oder mittelradioaktive Abfälle. Aber es liegen auch komplette Atomreaktoren auf dem Meeresgrund: Bei der Insel Nowaja Semlja versenkte Russland laut der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEO) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) 17 U-Boot- oder Schiffsreaktoren. Sieben von ihnen enthielten noch Brennstäbe. Drei russische und zwei amerikanische Atom-U-Boote, die bei Manövern sanken, sind in dem Bericht der IAEO nicht erwähnt.

1967 versenkte auch Deutschland 180 Tonnen Atommüll vor Madeira im Atlantik. Der radioaktive Müll stammte aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe. Der Atommüll auf dem Meeresgrund war in der Öffentlichkeit lange weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Campact-Buch Abschalten! (vergriffen) schrieb ich bereits 2011 ein Kapitel über das “Atommülllager Weltmeere”. Ein paar Monate nach dem Erscheinen meines Buches im Juni 2011 berichtete im November 2011 auch das ARD-Magazin Report Mainz über den Atommüll vor Europas Küsten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Erst nach der Ausstrahlung des Beitrags von Report Mainz reagierte der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Die Bundesregierung werde sich für einen geeigneten internationalen Überwachungsprozess einsetzen, erklärte er (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ein Jahr später erklärte die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zum „Endlager Meeresgrund“: „Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) führt im Rahmen der Radioaktivitätsüberwachung in der Nordsee regelmäßig Monitoringfahrten durch, bis in den Ärmelkanal führten diese zuletzt im August 2009."
https://youtu.be/qUbvn6lIaZo (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Atommüll im Ärmelkanal
2013 entdeckte ein Filmteam der ARD Atommüllfässer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in 124 Meter Tiefe vor der britischen Insel Alderney im Ärmelkanal. Die Fundstelle liegt mitten in einem Fischfanggebiet, nur wenige Kilometer von der französischen Küste entfernt. Laut der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) waren rund 28.500 Fässer mit insgesamt 17.244 Tonnen schwachradioaktiven Materials von 1950 bis 1963 von Großbritannien und Belgien in den Unterwassergraben Hurd Deep nordöstlich der britischen Kanalinsel Alderney versenkt worden.
Die IAEA war davon ausgegangen, dass die Atommüllfässer längst durchgerostet seien und sie sich im Meer zu einer unschädlichen Konzentration verdünnt hätten. Die ARD-Aufnahmen zeigten 2013 aber Fässer, die zum Teil noch unversehrt aussahen. Die Grünen forderten die Rückholung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der Fässer. Arte sendete am 23. April 2013 einen Themenabend zur Atommüllentsorgung im Meer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Versenkt und vergessen.
https://youtu.be/jb1fL-0PRw4 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Erfolg der Anti-Atom-Bewegung
Die London Dumping Convention (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von 1972 schränkte die Verklappung von Atommüll im Atlantik ein. Sie trat 1975 in Kraft, die Versenkung von hochradioaktiven Abfällen im Meer war dort nun verboten. Die Entsorgung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle im Meer war aber weiter möglich. Bis 1978 „verklappten“ nur noch Großbritannien, die Niederlande, Belgien und die Schweiz Atommüll. Ende der 1970er erwogen Deutschland, Frankreich, Italien und andere Länder wieder Atommüll im Atlantik zu versenken.
Dagegen kam es zu Protesten, etwa in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Westdeutschland und Japan. Greenpeace-Aktivist:innen versuchten ab 1978 mit mutigen Schlauchbooteinsätzen die Verklappung des Atommülls zu verhindern. Die Besatzung eines Atommüllfrachters warf daraufhin Atommüllfässer auf die Schlauchboote von Greenpeace, ein Aktivist wäre dabei beinahe ertrunken. Das verstärkte die öffentliche Empörung noch. Greenpeace bekam Unterstützung von Bürgermeistern, Kommunalpolitiker:innen, Fischern und Zivilisten, die sich mit Fischerbooten, Fischtrawlern und Segelbooten auf den Weg in das Versenkungsgebiet machten, Rathäuser wurden besetzt und oder aus Protest geschlossen.1
Durch die Proteste wurde der Druck der Öffentlichkeit auf die Politik immer größer. Im Februar 1983 einigten sich die Vertragsstaaten der Londoner Konvention auf ein zehnjähriges Moratorium für die Versenkung von Atommüll, das 1993 in ein Verbot mündete. Die Länder des Südpazifiks unterzeichneten den Vertrag von Rarotonga, der die Verklappung im Südpazifik verbietet. Seit 1995 ist es damit die Verklappung von Atommüll weltweit verboten. Es war einer der größten Erfolge der internationalen Anti-Atom-Bewegung. Wieder einmal zeigte sich: Protest wirkt!
Bis heute nicht verboten sind aber sogenannte Ableitungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Vor allem die atomaren Wiederaufbereitungsanlagen verseuchen die Meere weiterhin mit ihren radioaktiven Abwässern. Die britische Atomanlage Sellafield leitet große Mengen radioaktiver Abwässer in die Irische See. Und aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague gelangen jedes Jahr 230 Millionen Liter radioaktiven Abwassers in den Ärmelkanal und von dort in die Nordsee.
Der größte Teil des Mülls strahlt „nur“ 300 bis 400 Jahre
Rund 98 Prozent der Stoffe im Meer seien Beta- und Gamma-Emitter wie Tritium, Cäsium-137 und Strontium-90, deren Radioaktivität nach etwa 300 bis 400 Jahren quasi verschwunden sein dürfte, sagt Patrick Chardon, der die Expedition der L’Atalante leitete. Etwas mehr als zwei Prozent seien Alpha-Strahler wie Plutonium-Isotope, deren Halbwertszeit teils 24.000 Jahre beträgt. Die Fässer seien damals zwar so konzipiert worden, dass sie dem Druck der Tiefe standhalten, nicht aber so, dass sie die Radioaktivität wirklich einschließen. Schon seit längerem könnte Radioaktivität aus den Behältern entweichen, vermutet der Radioökologe.2
„Alpha-Strahler verbreiten sich aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften im Wasser nicht so leicht wie Beta- und Gamma-Strahler. Sie bleiben oft an ihrem Eintrittsort im Meer und lagern sich meist im Sediment ab“, sagte Chardon dem SPIEGEL. „Gefährlich werden Alpha-Strahler, wenn sie in eine bioverfügbare Form übergehen und Tiere sie aufnehmen. Im Körper richten sie großen Schaden an, da die Strahlung das Gewebe direkt angreift.“3
Rund vier Wochen war das Forschungsschiff L’Atalante im Westeuropäischen Becken des Atlantiks unterwegs, wo etwa die Hälfte des Atommülls vermutet wird. Mit dabei war der autonome Unterwasserroboter Ulyx, der bis zu 6000 Meter tief tauchen kann. Die Forschenden kartierten rund 163 Quadratkilometer Meeresboden und entdeckten mehr als 3300 Fässer, deren Zustand sehr unterschiedlich ist - teilweise intakt, teils deformiert oder beschädigt. Das Forschungsteam sammelte insgesamt 5000 Liter Wasserproben, 345 Sedimentkerne und 19 biologische und zahlreiche weitere kleinere Proben.
Besonders wichtig für die Radioaktivitätsanalyse sind Tiefsee-Grenadierfische und Flohkrebse. „Fische und Flohkrebse können Radionuklide im Organismus anreichern – so lässt sich nachvollziehen, ob und wie radioaktive Stoffe in die Nahrungskette gelangen“, sagt Pedro Nogueira. Die Proben sollen nun in verschiedenen europäischen Laboren untersucht werden, ein Teil auch in Bremerhaven. Im Herbst sollen erste Ergebnisse vorliegen. Die vollständigen Analysen, speziell für langlebige Alpha-Emitter wie Plutonium, könnten aber bis zu zwei Jahre dauern, so Forschungsleiter Chardon.
Dieter Kaufmann: Verklappung von Atommüll in die Weltmeere und der weltweit erfolgreiche Kampf von vielen Anti-Atom-Gruppen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Contratom.de, 10.2.2013, abgerufen am 7.7.2025 ↩
Tagesschau: Mehr als 1000 Atommüllfässer im Atlantik gefunden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), 27.6.2025 ↩
Der Spiegel: Tausende Fässer Atommüll auf dem Meeresgrund (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), 15.7.2025 ↩