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Das Leuchten der Notizen

Papierfetzen in verschiedenen Blautönen und gelb sind quer über das Blatt geklebt.
Collage Ausschnitt Mai 2026 © Kristina Klecko

Hitze. Hamburg. Ich schreibe an einem quadratischen Tisch in einer Seemannsmission. Seemann lässt mich an alte Hamburger Zeit denken, als Seemänner bärtig waren, gestreifte Shirts trugen und Rum tranken. So zumindest will es die Überlieferung. Von meinem Platz am Tisch aus kann ich durchs Fenster schauen, ich sehe eine Kirche, eine Turmuhr, es ist Viertel vor zwei und die Glocken haben einmal geschlagen. Wird es zur vollen Stunde mit einem Konzert losgehen?

Es ist so heiß.

Der Rezeptionist sagte, er sei es als Hamburger nicht gewohnt. Hätte ich ihn in ein Gespräch verwickeln müssen, nachfragen, ob er gebürtig aus Hamburg ist? Es wurmte mich, dass ich es nicht getan habe. In mein Notizbuch schrieb ich:

„Müssen sich Schriftsteller*innen neugierig und wissbegierig in das Leben der anderen mischen? Oder reicht es zu beobachten, aufzuschnappen, auszuschmücken? Wie leben Hamburger*innen? War er als Kind oft im Urlaub? War es Italien oder die Ostsee? Was für ein Mensch wird man, wenn man am Meer aufwächst?“

Notizbuch, 9. Juni 2019

Schon in der Beischrift meines allerersten Newsletterbeitrags erwähnte ich Autorin Summer Brennan. Immer wieder kehre ich zu ihrer Methode des Five-Things-Essay zurück. Inspiriert von ihrer neuen Newsletter-Kategorie Going Through Old Notebooks (dt. etwa Durch alte Notizbücher blättern) schaute ich in meine Notizen. Darin fand ich Wörter, die als Bewusstseinsstrom begonnen haben – oder als Versuch einer Beobachtung, Erinnerungen oder Erinnerungswünsche.

Die „Kirche“ in Hamburg stellte sich später als eines der Wahrzeichen der Stadt heraus – der Michel. Hamburg und ich müssten uns mögen, die Stadt hat alles, was mich erfreuen sollte, nordisches Wetter, Anbindung ans Meer, angenommene Reserviertheit seiner Bewohner*innen ... Aber wenn ich da bin, nehmen Hamburg und ich uns an guten Tagen zu Kenntnis – an schlechten enttäuschen wir uns, wenn auch nie gründlich genug für eine vollständige Trennung. Ein wenig Sehnsucht bleibt bis zum nächsten Mal.

In jenem Hamburger Eintrag aus dem Jahr 2019 zog mich der Bewusstseinsstrom zu einer Erinnerung an einen Urlaub im bretonischen Saint-Malo, das ich durchgängig als Saint-Mélo falsch buchstabierte. Ich bezeichnete die Reise als „schön“, aber in Wahrheit war es ein Reinfall. Es war das erste und das letzte Mal, das ich mit einem Auto in den Urlaub gefahren bin, voll bepackt mit Kram, den ich am Urlaubsort kaum brauchte, „wie früher“, über verstopfte Autobahnen und mit Halt an ranzigen Raststätten. In Saint-Malo kam es mir nicht so französisch vor, wie ich es mir ausgemalt hatte. Mein Begleiter und ich schlichen um den Ortskern herum, aßen französischen Käse zu enttäuschend trockenem Baguette, waren erschöpft vom Hin und Her durch Regen und Sonne, stritten viel und langweilten uns gleichzeitig sehr.

Als „schön“ setzte sich dieser Urlaub in meinem Kopf fest, weil ich dabei an einen einzigen Nachmittag am Strand von Saint-Malo dachte. Das Wetter war einigermaßen stabil, der Sand warm und rieselnd, das Meer im Hintergrund pastellblau. Ich las, beobachtete die anderen Strandgäste, nickte zwischendurch weg. Ein Nachmittag wie ein Postkartenmotiv.

„Von Zeit zu Zeit beobachtete ich die Menschen. Erwachsene, aber vor allem Kinder und Jugendliche. Ein junges Paar saß am Strand und las ebenfalls. Es muss toll sein, immer ans Meer gehen zu können. (...) Und wenn du als Kind und Jugendlicher dann von Wellen und von Wind geformt wurdest – wie fühlst du dich, wenn du woanders bist?“

Notizbuch, 9. Juni 2019

Tage weiter, Notizen später. Ich schreibe, wie ich als Kind Sterne betrachtet habe und dass sie mich wehmütig machen, seit ich erfahren habe, dass manche von ihnen, wenn ihr Licht die Erde erreicht, bereits verglüht sind. Die Notiz scheint mir zu meiner Erinnerung an Saint-Malo zu passen und ich verbringe Tage damit, die beiden Texte zu verknüpfen. Ich will schreiben, dass Erinnerungen wie das Leuchten der Sterne sind, ein Nachweis der Existenz von Ereignissen, die längst vergangen sind. Aber ich erwarte zu viel von diesem Gedanken, er lässt sich nicht hinbiegen, wie ich ihn brauche. Überhaupt erwartet man oft zu viel vom Schreiben – und vom Lesen.

Es sind Texte.

Aber hätte ich die Erinnerung nicht notiert, hätte ich sie nicht sieben Jahre später lesen können. Würden Sterne verglühen, ohne zu leuchten, könnten wir, wenn auch mit Verspätung, ihre Existenz nicht bezeugen.

Vielleicht sind ja Notizen das Leuchten der Sterne?

Danke, dass du mitliest! Bis in zwei Wochen.

Viele Grüße

Kristina

PS: In wenigen Tagen geht die nächste Romansuche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) raus, falls du diese ebenfalls bekommen möchtest, gibt es hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mehr Infos.

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Sujet Lesen & Schreiben

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