Vollmond. Totale Finsternis. Ein Naturereignis, das ich nicht zu sehen bekomme, weil der Mond in den entscheidenden Stunden hinter den gegenüberliegenden Häusern verschwindet. Die Freuden des Stadtlebens. Oder möchte die Natur allein bleiben?

Ameland, August 2009 © Kristina Klecko
Am folgenden Morgen ist der Himmel orange, pink-flammend. Ich bin enttäuscht, dass ich nicht male. Wie soll ich diese Überwältigung in Worte fassen? Ich ziehe meinen Morgenspaziergang vor, später soll es regnen. Ich will den Himmel fotografieren. Für später. Vielleicht fange ich irgendwann doch an zu malen? Bis ich so weit bin und auf der Straße stehe, ist das pink-flammende Orange verblasst. Wieder Enttäuschung. Ich mache trotzdem Fotos, laufe ziellos umher.
Das Viertel ist nach den stillen Sommertagen wieder belebter. Die Schule hat begonnen, Kinder und Eltern sind gleichermaßen aufgeregt, aus unterschiedlichen Gründen. Letztes Jahr schrieb ich, dass ich den Sommer nicht mag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Das stimmt weiterhin. Doch den Sommer nicht zu mögen, schützt nicht vor Sommermelancholie.
“Auch die nostalgische Erinnerung schmerzt ja noch, wenn wir schon lange nicht mehr an die Dinge denken, die wir verloren haben und an denen uns vielleicht nie etwas lag.” André Aciman, Call me by your name, übers. v. Renate Orth-Guttmann
Der erinnerte Sommer ist nicht der unmittelbar erlebte, auslaufende Sommer, es ist eine Collage aller schönen Momente aller Sommer, die jemals erlebt wurden.
Die Sommermelancholie ist der Abschied vom ersten und vom letzten Ferientag. Wie halten Lehrer*innen Jahr für Jahr die Melancholie der letzten Ferientage aus? Es ist der Abschied von unzähligen Runden auf der geschwungenen Wasserrutsche im städtischen Freibad, vom Geruch nach Sonnenmilch und Grillkohle, von Kleidungsstücken und Songs, die im Herbst geradezu absurd wirken. Was wollte ich mit diesem Strohhut?
Der Himmel verdunkelt sich. Die Regenwolke rückt näher. Ich muss wieder an den Schreibtisch.
Ich beschließe, ein Schokocroissant zu kaufen. Zu den Freuden des Stadtlebens gehört die Tatsache, dass man an jeder Ecke annehmbare Backwaren bekommt. Während ich warte, beobachte ich ein Paar – Tourist*innen, die sich Deutschland um diese Jahreszeit eindeutig zu kalt vorgestellt haben. Sie kaufen Milchkaffee und etwas, das nach Rosinenschnecken aussieht. Sie tragen ihre Bestellung nach draußen, stellen sie auf die kleinen runden Tischchen vor der Bäckerei, arrangieren die Tassen, das Gebäck und sich für Fotos.
Ich stelle mir vor, wie sie diese Fotos zuhause betrachten. Der flammende Morgenhimmel hat sich mit einem dunklen Regenblau zu einem Licht vermischt, das ich eigentlich nur von Postkarten schottischer Märchenstädte kenne. Damit sich das Paar später nicht fragen muss, wer die starrende Frau in der Schaufensterscheibe ist, drehe ich mich weg … und fange den Blick und das Lächeln der Verkäuferin auf, die die Szene ebenfalls beobachtet hat.
Und auf einmal ist das berühmte Jetzt da.
Ich sehe Menschen, die es sich schön machen, rieche Frischgebackenes, Kaffee … habe Zeit, es wahrzunehmen und aufzuschreiben …
Auf Bluesky fragt jemand am 31. August, ob man Rilke schon “kann”. (Zitate von Rilkes Gedicht Herbsttag fluten jährlich mit dem ersten kühlen Tag des Spätsommers die Sozialen Netzwerke.) Ich antworte, “Ab morgen.”
Zuerst die Sommermelancholie.
Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen!
Kristina
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.