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Vor der Wut

Collage mit Fliesen und Frauenkörpern.
Collage Ausschnitt Mai 2026 © Kristina Klecko

Ein Zirkumflex, ein „e“ mit Akzent, ein unverkennbar französisches Wort. Salpêtrière. Es könnte ein salziges Blätterteiggebäck sein, das zu Wein gereicht wird, oder eine spezielle Form, in der die kleinen Salpêtrières gebacken werden – oder der Wein selbst, ein Weißwein, non? Ein Wort ist eine Folge von Zeichen, eine Aneinanderreihung von Morphemen – so habe ich das als angehende Sprachwissenschaftlerin im ersten Semester des Studiums gelernt. Wie ich auch gelernt habe, dass die Bedeutung den Zeichen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, willkürlich zugeordnet ist. Wir sagen “Tisch”, weil wir uns als eine Sprachgemeinschaft darauf geeinigt haben, “Tisch” zu sagen.

Ich erinnere mich noch an weitere Schlagworte dieses ersten Semesters. Saussure, Onomatopoetika, indogermanische Sprachfamilie. Ich erinnere mich nicht mehr, ob irgendetwas davon auch für Namen galt. Salpêtrière ist ein Name.

Hôpital de la Salpêtrière, ein Krankenhaus in Paris, eine Psychiatrie.

Wenn es wirklich wahr ist, dass wir stets um wenige Themen kreisen, muss es wahr sein, dass wir immer die gleichen Einfälle haben und uns mit immer den gleichen Geschichten beschäftigen. Wenn es wirklich so ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ich hätte von der Salpêtrière erstmals im Roman Was ich liebte von Siri Hustvedt gelesen. Das Wort könnte mir auch schon vor der Lektüre begegnet sein, ohne Nachwirkung zu hinterlassen.

Also kein Salzgebäck, sondern eine Psychiatrie im Paris der vergangenen Jahrhunderte – und ein Bild der Verstörung in meiner Vorstellung: Lange dunkle Steinflure, feuchte Kälte, die aus klammen Matratzen in die Körper kriecht, dünne lauwarme Suppe zu Mittag, irgendwo schreien Menschen, Zwangsjacken oder Fixiergurte werden angelegt, farblose Flüssigkeiten in braunen Gläsern aufbewahrt.

In Was ich liebte erzählt Violet, eine der Romanfiguren, dem Ich-Erzähler von ihren Forschungen rund um die Salpêtrière, konkret von ihrer Dissertation über Hysterie-Patientinnen.

„Ohnmachten, Um-sich-Schlagen und Schaum vor dem Mund waren im neunzehnten Jahrhundert viel verbreiteter. Heutzutage kommt so was kaum noch vor. Findest du das nicht sonderbar? Ich meine, die einzige Erklärung ist, dass Hysterie wirklich ein verbreitetes kulturelles Phänomen war – ein zulässiger Ausweg.“

Siri Hustvedt, Was ich liebte, übers. v. Uli Aumüller, Erica Fischer, Grete Osterwald

Etwa der Ausweg eines Dienstmädchens aus einem Haus, in dem sie vom Hausherren sexuell belästigt wurde, oder der Ausweg einer Frau aus einer gewalttätigen Partnerschaft, zu einer Zeit als solche Probleme weder als Probleme anerkannt noch öffentlich diskutiert wurden.

Nach allem, was ich über die Behandlung „hysterischer Frauen“ im Allgemeinen und über die Salpêtrière im Besonderen recherchiert habe, scheint es nicht für alle ein guter Ausweg gewesen zu sein. Im Terra X Podcast heißt es beispielsweise, allein im Jahr 1852 seien 254 Frauen in der Einrichtung „an Wahnsinn“ gestorben. Schaut man auf die Behandlungsmethoden, drängt sich die Frage auf, ob nicht zumindest Teile davon zum Tod der Patientinnen – oder zum Wahnsinn überhaupt – beigetragen haben.

Was die Hysterie zu einem kulturellen Massenphänomen erhoben hatte, waren nicht zuletzt öffentliche Vorführungen oder “Vorstellungen” hypnotisierter Patientinnen. Jeden Freitag etwa lud der Salpêtrière-Arzt Jean-Martin Charcot ein Fachpublikum zu wissenschaftlichem Austausch ein, aber:

„Ähnliche Vorführungen fanden überall in Paris in Konzerthallen statt und wurden als Hypnose „à la Charcot“ beworben. In diesen Shows traten auch ehemalige Patientinnen der Salpêtrière auf (…).“

Allan H. Ropper and Brian Burrell, In Search of Hysteria: The Man Who Thought He Could Define Madness (Quelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Schon damals wurde die Frage gestellt, ob die Frauen bloß simuliert haben, um Aufmerksamkeit zu erregen, ob sie ihren Ruf als „Stars der Hysterie“, wie die Tänzerin Jane Avril, zeitweise selbst Patientin der Salpêtrière, die Frauen in ihren Memoiren genannt haben soll, zu sehr genossen haben.

In den Texten, die ich dazu gelesen habe, äußern sich die Autor*innen mit einem entschiedenen „wer weiß“. Einerseits sind Fälle belegt, in denen die typischen Symptome der Hysterie bei Patientinnen erst nach einer Weile ihres Aufenthalts in der Psychiatrie eingesetzt hätten, nachdem sie also erfahren haben könnten, was von ihnen erwartet wurde. Andererseits waren viele von ihnen tatsächlich neurologisch krank.

Aber sobald Frauen etwas tun oder nicht tun, wird es verdächtig.

Wie diese Grundannahme die Medizin von Anbeginn begleitet hat, und es bis heute tut, ist unter anderem im Buch Die kranke Frau von Elinor Cleghorn nachzulesen. Selten lagen bei einer Lektüre Unterhaltung, Entsetzen und Wut so nah beieinander:

„Heute kommt uns das lächerlich vor, aber Ärzte haben tatsächlich einmal geglaubt, die Nerven einer Frau seien zu angespannt, als dass sie eine Ausbildung durchhalten könnte, und die Eierstöcke würden sich entzünden, wenn sie zu viel las.“

Elinor Cleghorn, Die kranke Frau, übers. v. Anne Emmert und Judith Elze

Darauf möchte ich doch gleich noch ein paar Seiten mehr lesen:

„Im 14. Jahrhundert wurde in ganz Europa Ärztinnen das Praktizieren untersagt. Die Medizin fiel vollständig in die Hände christlich geprägter Männer, die den Glauben verbreiteten, der weibliche Körper sei ein Gefäß der Sünde. (…) Bewaffnet mit der religiösen Rechtfertigung, dass Frauen Schmutz und Verderben brächten, nahmen Faszination und Furcht der Mediziner angesichts der Geheimnisse der weiblichen Biologie eine unheilvolle Wendung. Das hatte für allzu viele Frauen entsetzliche Folgen.“

Elinor Cleghorn, Die kranke Frau, übers. v. Anne Emmert und Judith Elze

Gut ist, dass das Buch zwischendurch auch zeigt, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die alles anders gesehen haben. Sie wurden bloß nicht gehört und später in ein gemeingesellschaftliches „damals hat man das so betrachtet“ eingemeindet. Diese Geschichte soll jedoch Thema eines anderen Textes sein.

Danke, dass du mitliest! Bis in zwei Wochen.

Viele Grüße

Kristina

PS: Freitag ist zwar schon ein paar Tage her, aber heute ist auch ein guter Tag! Ab sofort kann die Literaturzeitschrift KARUSSELL zum Thema „Wut“ im Online-Shop (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bestellt werden – mit u.a. meiner Kurzgeschichte Eine Vorstellung, die von der Salpêtrière inspiriert ist.

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Sujet Gender etc.

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