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Lesung im Café Wanda

Gestern hatten wir wieder eine sehr unterhaltsame Lesung mit einem neugierigen und begeisterten Publikum. Im Oktober kommen wir wieder!

Die heutige Geschichte stammt aus der Feder von René. Sie trägt den schlichten aber vielsagenden Titel:

Heiraten

 Rauchend steht der junge Vikar im Kapellenhof, direkt neben dem Ghettoblaster: Aus den Boxen dröhnt: „All you need is love!“ Ich erkundige mich: „Ist das Ihre erste Hochzeit?“ Der Vikar nickt: „Wieso, sieht man das?“ Dabei sortiert er ein weiteres Mal mit zitternden Fingern seine Moderationskärtchen – seine verschwitzten Fingerspitzen sind von der Tinte schon ganz blau. Die Mutter der Braut flitzt mit einem Klemmbrett vorbei, zuppelt an den Plastiktischdecken, kommandiert die Kellner herum, spuckt in ein Taschentuch und putzt dem Bräutigam die Brille.

Punkt zwölf läuten die Glocken. Der junge Vikar atmet durch und nimmt die Steinstufen zur Kapelle in Angriff. Die Brautmutter tippt ihm von hinten mit ihrem Klemmbrett auf die Schulter. Sie deutet auf die glimmende Zigarette zwischen seinen Lippen: „Die muss weg!“ Tröstend flüstert die Braut ihm ins Ohr: „Sie brauchen doch nicht so nervös zu sein.“ Aber sie hat gut reden, das ist ja nicht ihre erste Hochzeit.

In der Predigt heißt es: „Die Ehe ist ein gewaltiges Felsmassiv, aus dem man die Liebe unnachgiebig und mit aller Kraft herausmeißeln muss!“ Mir gefällt die brachiale Metaphorik, bloß zuckt die Braut ständig zusammen, weil der Vikar so brüllt. Als er seine Predigt geschafft hat, verkündet er, sichtbar erleichtert, aber leider viel zu früh: „Jetzt müssen Sie sich küssen!“

Nachher stehen wir alle im Kapellenhof zusammen. In der Sonne ist die Milch sauer geworden, aber der Streuselkuchen schmeckt passabel. Ich denke an all die Hochzeiten, die ich im Laufe der Jahre schon besucht habe und zähle nach, wie viele dieser Paare noch verheiratet sind. Sind schon ein paar. Aber mindestens genauso viele sind geschieden, andere ertragen sich, in Schweigen erstarrt. „Hochzeiten können durchaus auch tragische Züge haben“, sage ich zum Vikar, der langsam wieder Farbe bekommt. Er nickt: „Dafür sind Trauerfeiern oft richtig lustig!“