Der Hass und die Gewalt gegenüber Menschen, die mit ihrer Identität oder ihrer Sexualität aus heteronormativen Mustern ausbrechen, wird immer größer. Gern wird dies mit einem Verweis auf “das Natürliche” begründet. Doch mal abgesehen davon, dass wir in unserer Gesellschaft in anderen Bereichen auch nicht viel Wert auf Natur legen, wäre es im Fall von Queerness sogar anders herum ein Argument: Bereits bei 1500 Tierarten wurde homosexuelles Verhalten beobachtet, bei einem Drittel von ihnen gibt es sogar wissenschaftliche Dokumentation. Und einige davon leben im Meer, weshalb wir ihnen am heutigen Meer-Montag eine kleine Bühne bieten.

Eins der bekanntesten Beispiele sind vermutlich die Humboldt-Pinguine. Während sie in der Natur an der Pazifikküste von Peru und Nordchile zu finden sind, machten einige Tiere in verschiedenen Zoos immer wieder Schlagzeilen. Dort wurde beobachtet, wie sich zwei männliche Pinguine als Paar zusammen fanden, balzten und versuchten, Steine auszubrüten. Der Zoo in Bremen schob dieses Verhalten darauf, dass die Gruppe der Pinguine zu einem überwiegenden Teil aus Männchen bestand und holte sich deshalb weibliche Tiere von einem anderen Zoo. Doch auch dann blieben sich die schwulen Pinguine treu. Mehrfach wurde berichtet, dass sie sogar von heterosexuellen Paaren verstoßene Eier ausbrüteten und erfolgreich Jungen aufzogen. Dabei haben sich beide Partner gemeinsam um das Küken gekümmert. In diesem Zusammenhang wird häufig geschrieben, dass einer von fünf Pinguinen homosexuell sei. Dafür konnte ich keine Belege finden und dass hier nicht nach Art differenziert wird, ist ein Indiz dafür, dass das nicht auf Studien, sondern eher einzelnen Beobachtungen basiert. Eine dieser einzelnen Beobachtungen wurde von Forschenden bei Königspinguinen gemacht: hier zeigten etwa 28% der Pinguine Balzverhalten mit Tieren des gleichen Geschlechts.

Ein weiteres Beispiel sind Große Tümmler, bei denen sowohl Männchen als auch Weibchen Begegnungen mit Artgenossen des gleichen Geschlechts haben. Ein Team des Mandurah Dolphin Research Project in Westaustralien stellte fest, dass die Männchen nach der Paarungszeit begannen, verstärkt Zeit miteinander zu verbringen. Es wird vermutet, dass das Balzverhalten und sexuelle Kontakte zwischen männlichen Delfinen offenbar eine Rolle bei der Entwicklung sozialer Bindungen spielt und ihnen hilft, Dominanz und Allianzen zu etablieren. Bei der untersuchten Gruppe zeigten sich sozial-sexuelle Interaktionen zwischen Männchen häufiger als zwischen Weibchen oder zwischen den Geschlechtern.
Eins meiner Lieblingstiere unter dem Regenbogen ist der Laysan-Albatros auf Hawaii. Hier lebt nur nicht ein Weibchen, dass mit über 70 Jahren immer noch erfolgreich Eier ausbrütet. Laysanalbatros-Paare bilden in der Regel lebenslange monogame Bindungen und kehren jedes Jahr zum selben Brutplatz zurück, wobei sie ihre Partnerschaft pflegen, die oft über Jahrzehnte andauert. Auf Oahu, einer Insel im Bundestatt Hawaii gibt es in der Kolonie der Vögel deutliche mehr Weibchen als Männchen: etwas 30 Prozent der Brutpaare bestehen aus zwei Weibchen, die nicht miteinander verwandt sind. Während die Männchen zwar an der Befruchtung beteiligt sind, erfüllen sie bei diesen gleichgeschlechtlichen Paaren während der Brut und der Aufzucht keinerlei Aufgaben. Forschende der Organisation Pacific Rim Conservation hatten Tiere auf Oahu markiert, ihr Geschlecht bestimmt und über zehn Jahre sowohl die Paarbildung beobachtet als auch den Bruterfolg dokumentiert. Dabei stellten sie fest, dass Paare aus zwei Weibchen im Durchschnitt etwa 80 % weniger flügge Küken im Vergleich zu heterosexuellen Paaren verzeichnen konnten. [1] Und auch die Überlebenschance der brütenden Weibchen sinkt in solch einer Konstellation. In heterosexuellen Paaren übernimmt häufig der männliche Partner den ersten langen Brut- und Fütterungsabschnitt, was die Energiebalance der Eltern und den Erfolg der Brut verbessert. In rein weiblichen Paaren übernimmt unmittelbar nach dem Eierlegen eines der Weibchen die Brut, was zu höheren Belastungen und geringerer Überlebensrate führt. Teilweise hatten die gleichgeschlechtlichen Paare trotzdem Vorteile gegenüber dem Nicht-Brüten. Ihre Chancen, bei Männchenmangel überhaupt Nachwuchs großzuziehen ist immer noch höher als wenn sie allein bleiben würden.

Doch Queerness beschränkt sich selbstverständlich nicht nur auf Sexualität, sondern bezieht sich auch auf das Geschlecht. Und hier zeigt uns die Tierwelt, dass es ganz natürlich ist, trans* zu sein. Vor allem im Meer wird häufiger das Geschlecht gewechselt, als dass sich ein orangefarbener Straftäter mit zu viel Macht darüber beschweren könnte.
Es gibt Arten unter den Lippfischen und Papageifischen, die am Anfang ihres Lebens weiblich sind und später männlich werden. Große Männchen sind bei der Fortpflanzung erfolgreicher, es lohnt sich für sie also, erst zu wachsen und dann zum männlichen Geschlecht zu wechseln. Anders ist es bei Meerbrassen und Clownfischen: hier sind die Weibchen das dominante Geschlecht. Stirbt die führende Weibchen einer Gruppe, wird das größte Männchen zum Weibchen und nimmt seine Position ein. Die Blaupunkt-Korallengrundel ist sogar dazu in der Lage, abhängig von der sozialen Situation, ihr Geschlecht in beide Richtungen zu wechseln. Dieser biodirektionale Geschlechtswechsel ist bei Fischen evolutionär wichtig, weil er Individuen erlaubt, flexibel auf Partnerverfügbarkeit zu reagieren. Dies ist vor allem für Arten von Bedeutung, die mit einer niedrigen Populationsdichte, monogamen oder kleinen sozialen Strukturen oder eingeschränktem Zugang zu Geschlechtspartnern konfrontiert sind.

Allein dieser kurze Einblick unter die Oberfläche zeigt uns, dass die Welt um uns herum so bunt ist wie der Regenbogen. Es muss möglich sein, dass wir Menschen aufhören, in frei erfunden Normen zu denken und zu handeln. Es ist höchste Zeit, allen Menschen die gleichen Rechte zuzugestehen und sie so anzunehmen, wie sie sind. Denn genau so sind sie wunderbar und richtig und genug. Wenn das Grundeln können, dann sollten wir das auch schaffen. Und bis es soweit ist, dass das der Konsens in unserer Gesellschaft ist, müssen diejenigen beschützt werden, die von Diskriminierung, Hass und Gewalt betroffen sind. Falls du dich angesprochen fühlst: du bist nicht allein und es ist okay, um Hilfe zu fragen. Wir sind queer und wir sind hier. Ganz viele von uns gemeinsam.
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[1] Lindsay C Young , Eric A VanderWerf, 2014, “Adaptive value of same-sex pairing in Laysan albatross” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)