Hallo,
das ist die fünfte Ausgabe des Media-Rewilding-Newsletters mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird.
Letztes Mal haben wir gemeinsam darüber nachgedacht, ob Journalismus und Gastronomie ein starkes Paar für die Zukunft sein könnten. Heute lassen wir uns ein buntes Bändchen um das Handgelenk legen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wenn eine Veranstaltung ganz eng mit dem journalistischen Produkt verzahnt ist – oder sogar der Markenkern eines Mediums ist.
Der Anlass: Ich war an mehreren Tagen auf dem Festival der Zukunft des Community-Mediums 1E9 in München.

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Worum es geht
Das mehrtägige Festival der Zukunft fand vom 3. bis 6. Juli 2025 im Deutschen Museum in München statt.
Hinter dem Festival steht das 2019 von ehemaligen Machern der deutschen Ausgabe des Technologiemagazins Wired gegründete Community-Medium 1E9, das sich ebenfalls mit Technologien beschäftigt und sich als Zuhause für Zukunftsoptimist:innen versteht.
Seit der Gründung war eine Konferenz fester Bestandteil des journalistischen Konzepts. Der Name: 1E9 The Conference. Seit 2022 ist das Format größer definiert und findet als Festival der Zukunft statt. Es will Vordenker:innen aus Technologie, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft zusammenbringen und konstruktive Gestaltungsansätze für die Zukunft fördern. Das Festival in Kooperation mit dem Deutschen Museum kombiniert eine internationale Fachkonferenz mit offenen Publikumstagen.
Ort war von Anfang an das Deutsche Museum, mit dem 1E9 auch sonst eng zusammenarbeitet. Das Festival findet in einem Teil des Gebäudes statt, der schon seit Jahrzehnten als Veranstaltungsbereich dient, aber seit ein längerer Zeit saniert und umgebaut wird. 1E9 hat hier sein Büro. Früher gab es hier ein Imax-Kino, das wegen mangelnder Rentabilität geschlossen wurde, sowie ein Planetarium, das zurzeit geschlossen ist. Beide Räume werden aber im Rahmen des Festivals bespielt.
Das Festival besteht aus Vorträgen, Diskussionsrunden, kleinen Bühnenformaten und Workshops. Außerdem gibt es einen Bereich, in dem neue Technologien ausprobiert werden können. Bei den Publikumstagen erweiterte sich das Festival mit einem familienorientierten Programm auf den Außenbereich des Museums an der Isar.
Was ich gelernt habe
Ein Festival bringt Menschen zusammen. Es kann Spaß machen, dort zu sein. Und es schafft Aufmerksamkeit bei Menschen, die dein journalistisches Produkt bislang nicht kannten – oder nicht wussten, warum sie sich damit beschäftigen sollten. Eine Riesenchance in Zeiten, in denen Journalismus seinen Platz in der Gesellschaft neu finden muss.
Ein Festival ist ein sehr großer Aufwand. Eine Veranstaltung in dieser Größe ist eine logistische Herausforderung und braucht sehr viele Monate an Vorbereitung. Sie kostet richtig Geld, das wieder erwirtschaftet oder durch Kooperationen und Sponsoring kompensiert werden muss. Das alles relativiert sich bis zu einem gewissen Grad, wenn man die Sache anders betrachtet: Vielleicht können wir solche Veranstaltungen ja als das journalistische Kernprodukt denken und davon alle anderen Ausspielkanäle ableiten? Event first, sozusagen. Oder eben alles gleichberechtigt sehen? So wie 1E9, das Journalismus, Community und Events für Menschen kombiniert, die sich für die Zukunft interessieren. Die Arbeit bleibt zwar die gleiche, aber sie fließt nicht in ein Nice-to-Have-Projekt am Rande des Markenkerns.
Festivals erweitern die Zielgruppe, wenn man die Veranstaltung groß denkt. Auf der anderen Seite zeigt das Festival der Zukunft, dass man nicht alles zusammenwerfen kann. Die ersten beiden Tage waren ein überwiegend englischsprachiges Fach-Event, das die Kernzielgruppe von 1E9 sehr konkret bediente. Die Publikumstage danach waren dementsprechend massenkompatibler angelegt. Beides gleichzeitig hätte vermutlich nicht funktioniert. Das verbindende Element beider Publikumsgruppen: Angebote, an denen Menschen etwas ausprobieren konnten.
Der Ort ist wichtig. Nicht nur wegen der technischen und logistischen Herausforderungen, die ein Festival mit Bühnenprogramm und Gastronomie mit sich bringt. Der Ort muss auch für das eigene Thema funktionieren. Das Deutsche Museum passt sehr gut zu den Inhalten von 1E9. Mit seinen räumlichen Möglichkeiten ist es natürlich herausragend (wer hat schon einen riesigen Kinosaal und ein Planetarium im Angebot?), aber eben auch wegen seiner internationalen Bekanntheit und der Verankerung im Münchner Stadtleben. Es zeigt, wie wertvoll ein Ort sein kann, der bereits in der Gesellschaft verankert ist. Partnerschaften sind eine Lösung dafür und dürften für beide Seiten eine Win-win-Situation ermöglichen. Was ist denn zum Beispiel mit den Bibliotheken?
Media-Rewilding-Einblick
Hier ein paar Schnappschüsse als erster Eindruck von meinem Festival-Besuch. Sie zeigen nur einen kleinen Ausschnitt des vielfältigen Programms. Auf der Website vom Festival der Zukunft (Link siehe unten) findest du viel professionellere und vielseitige Impressionen von den vier Tagen.




Hier auch noch ein Veranstalter-Video vom Festival des vergangenen Jahres:
https://www.youtube.com/watch?v=GHAuMV-RHvM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Außerdem:
Media-Rewilding-Seitenblick
Wenn wir von Festivals sprechen, müssen wir natürlich auch in eine andere Richtung blicken. Denn immerhin ziehen die großen Musikfestivals seit Jahren zigtausend Menschen, die zum Teil weit anreisen und dann auch noch dafür bezahlen, dass sie dabei sein dürfen. Was wir für den Journalismus von diesem Engagement lernen können, ist eine wichtige Frage, die wir uns stellen müssen. Ich bin mir sicher, dass in den Antworten noch einige Learnings stecken, die uns weiterbringen können. Die Macher:innen des Spiegel-Podcasts Shortcut haben zum Beispiel im Juni einen Bühnen-Talk auf dem Hurricane-Festival gemacht. Ich werde sie bald kontaktieren und hoffe, dass sie uns dann verraten, was sie gelernt haben. Und überhaupt ist natürlich Live-Podcasting auf der Bühne ein Riesenthema im Media-Rewilding-Kontext. Auch im Hinblick auf Geschäftsmodelle…
Media-Rewilding-Ausblick
Wie Journalismus und ein halb-offenes Festival zur Belebung des öffentlichen Dialogs beitragen können, probiert seit ein paar Jahren bereits b° future als Mischung aus journalistischer Fachkonferenz und öffentlichem Stadtfest aus. Im Herbst ist es wieder so weit und ich werde mir vor Ort ansehen, wie das funktioniert.
Meine Ortsbegehungen sind nur ein Teil der Recherche bei Media Rewilding. Um tiefer in die Materie einzutauchen, habe ich bereits einige aufschlussreiche Interviews mit interessanten Personen geführt. Diese werde ich nach und nach auf der Website von Media Rewilding veröffentlichen – und in Auszügen hier im Newsletter beleuchten. Auch mit den Machern des Festivals der Zukunft werde ich im September noch ein Gespräch führen.
In der kommenden Ausgabe des Newsletters beschäftige ich mich aber erst einmal mit der Frage, wie Immobilien eine Möglichkeit für eine neue Präsenz von Journalismus in der Gesellschaft sein können. Dabei werde ich meine Eindrücke verarbeiten, die ich im Publix in Berlin gesammelt habe. Der Besuch hat mich zu einigen Gedanken inspiriert, die ich dann gerne mit dir teilen möchte.
Bis zum nächsten Media-Rewilding-Newsletter
Alexander
Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Möglich macht mir das eine Förderung des Media Lab Bayern, das mich im Rahmen des Future of News Fellowships (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) unterstützt.
Konkret werde ich herausfinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und wie sich das alles finanzieren lässt.
Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche. 💚
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