»Charakter—der Wille, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen—ist die Quelle der Selbstachtung.«
»Allgemein herrscht der Aberglaube, Selbstachtung sei eine Art Amulett gegen Schlangen, ein Zauber, der jene, die sie haben, in einer paradiesischen Unschuld bewahrt, der sie fernhält von fremden Betten, ambivalenten Gesprächen und Ärger aller Art. Was absolut nicht der Fall ist. Selbstachtung hat nichts zu tun mit Fassaden, sondern vielmehr mit einem separaten Frieden, einer privaten Versöhnung.« — Joan Didion, Über Selbstachtung, 1961
»Ich glaube, Joan Didion und ich reden über leicht unterschiedliche Formen der Selbstachtung. Sie meint eher eine generelle Verantwortlichkeit für unser Handeln, das Gefühl, mit sich selbst im Reinen zu sein, wenn man abends ins Bett geht. Ich meine eher Sex. Aber auch das, was sie meint.« — Lena Dunham, Not That Kind Of Girl, 2014
Selbstachtung war lange eine Black Box für mich. Ich sage nicht, dass ich nie welche hatte. Sie tauchte schon in manchen Lebensbereichen auf (am ehesten noch auf den dicht beschriebenen Seiten meiner Tagebücher und in den Beziehungen mit meinen Freundinnen), aber eher zufällig und unberechenbar. Wenn es hart auf hart kam, konnte ich nicht auf sie zählen. Ich wusste nicht, wo in meinem Körper sie sich genau befand. Wie ein Muskel, den ich nicht ansteuern konnte.
Speziell in Liebesdingen ging mir jegliche Selbstachtung ab. Wenn ich wirklich verliebt war, dann war ich wehrlos, unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen, wie befallen von einem Virus, gegen das ich kein Immunsystem hatte. Leute, in die ich verliebt war, konnten alles mit mir machen, was ihnen so einfiel. Boyfriends schmissen mich aus fahrenden Autos und nackt aus Hotelzimmern, sie ruinierten meine Geburtstage, beleidigten meine Freunde, verschwiegen mir Kinder, die sie mit anderen Leuten zeugten, alles grauenhafte Grenzverletzungen, die nie dazu führten, dass ich mich von ihnen trennte.

Die ikonische Szene (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in Sex and The City, in der Samantha Richard verlässt und sagt: Ich liebe dich Richard. Aber ich liebe mich mehr, fand ich immer schon unendlich faszinierend (die Szene hatte sofort einen Platz in meinem inneren Popkultur-Museum), weil ein solches Verhalten für mich ähnlich unvorstellbar war wie die Vorstellung, mir selbst ein Bein abzusägen.
Ich hatte keine Ahnung, wie man auf diese Kraftquelle zugreifen könnte—eine Kraft, die stärker wäre als die Liebe zu jemand anderem? Damals glaubte ich, ich wäre niemals, niemals dazu in der Lage, mich selbst mehr zu lieben als jemand anders. Oder mit jemandem Schluss zu machen, den ich liebe, weil ich mich selbst mehr liebe.