Der Begriff "toxische Beziehungen" ist in aller Munde. Er ist ein kraftvolles, fast schon radikales Wort für etwas, das viele von uns kennen: ungesunde Beziehungen, die uns nicht guttun, uns emotional belasten oder uns sogar krank machen.
Wenn ich in meinen Coachings höre, wie Menschen von ihren toxischen Beziehungen sprechen, höre ich oft einen bestimmten Unterton: Es klingt wie ein "von sich Weisen".
Es ist das Gefühl: "Die andere Person ist die Ursache meines Leidens". Selten bedeutet "Ich bin in einer toxischen Beziehung" eine beidseitige Analyse ("Ich bin toxisch für meinen Partner und er für mich"). Meistens wird mit dem Finger auf das Gegenüber gezeigt.
Dieser Mechanismus ist verständlich, doch er führt uns direkt in die Ohnmacht. Wenn der andere durch sein Fehlverhalten mein Leiden verursacht, bin ich machtlos.
Warum "einfach gehen" oft keine Lösung ist
Die gängige Antwort von außen lautet oft: "Dann verlass diese Person doch!" Aber das Leben ist selten so einfach.
Es gibt komplexe Konstellationen, die ein sofortiges Verlassen unmöglich machen: enge Familienbande, finanzielle oder gesundheitliche Abhängigkeiten, gemeinsame Kinder, pflegebedürftige Eltern oder ein Job bei einem Arbeitgeber, den man aufgrund der Qualifikation oder des Wohnortes nicht leicht wechseln kann.
Vielleicht ist es auch gut so, dass wir nicht immer sofort das Weite suchen. Denn wer eine Beziehung schnell verlässt, ohne die entscheidende Frage zu stellen – "Was habe ich selbst eigentlich damit zu tun?" – der nimmt seinen eigenen Rucksack einfach mit.
Ich sehe es immer wieder in meiner Arbeit: Menschen landen dann in der nächsten toxischen Beziehung. Und in der nächsten. Es sind vielleicht andere Facetten, andere Farben, aber im Kern, an der Wurzel, kommen dieselben Probleme wieder auf den Tisch.
Der Wendepunkt: Es geht nicht um Schuld, es geht um Gestaltungsfähigkeit
Der wahre Wendepunkt liegt nicht im Verlassen der Situation, sondern im Verändern der Perspektive.
Sobald wir aufhören, den anderen verändern zu wollen oder mit dem Finger auf ihn zu zeigen, können wir beginnen, uns selbst neue Fragen zu stellen. Fragen, die uns aus der Ohnmacht zurück in unsere Gestaltungsfähigkeit (Gestaltungsfähigkeit) führen:
Warum bin ich überhaupt in dieser Situation?
Was hat mich ursprünglich hierher geführt?
Was hat im Laufe der Zeit dazu beigetragen, dass diese Beziehung toxisch geworden ist?
Und die wichtigste, mutigste Frage: Welchen Anteil habe ich selbst daran?
Hier geht es ausdrücklich nicht um Schuld. Es geht nicht darum, wer Fehler gemacht hat. Es geht um einen Perspektivwechsel (Perspektivwechsel) und die wohlwollende Frage: "Was könnte die Botschaft für mich und meine persönliche Entwicklung sein?"
Die Einladung, in den Spiegel zu schauen
Je mehr mir jemand von seinen toxischen Beziehungen erzählt, desto mehr lade ich diesen Menschen ein – mit aller Liebe und Wertschätzung –, einmal tief bei sich selbst zu schauen.
Der "eigene Anteil" kann viele Gesichter haben. Oft sind es blinde Flecken, die wir selbst nicht sehen, die aber maßgeblich dazu beitragen, dass die ungesunde Dynamik weiter besteht.
Konkrete Beispiele für den eigenen Anteil:
Fehlende Klarheit: Bin ich vielleicht zu wenig in meiner eigenen Klarheit, sodass mein Gegenüber gar nicht genau weiß, was man mit mir machen kann und was nicht?
Versteckte Dominanz: Bin ich vielleicht (oftmals lieb gemeint) übergriffig oder dominant und lasse die andere Person nicht so sein, wie sie ist, sodass sie zum "Angreifer" werden muss?
Energetische Last: Konzentriere ich mich vielleicht so stark auf meine eigenen Probleme (ohne sie zu lösen) und schaffe damit ein toxisches energetisches Umfeld, auf das die andere Person vielleicht nur unkultiviert "reagiert"?
Die "Starke Fassade": Wirke ich nach außen so stark und unnahbar, dass ich keine Hilfe zulasse? Und beschwere ich mich dann (in einer Opferhaltung), wenn sich andere zurückziehen, weil sie das Gefühl haben, mir sei nicht zu helfen?
Innere Unruhe: Bin ich innerlich so wenig in meiner Mitte, dass ich schnell launisch oder übertrieben emotional reagiere und damit andere permanent verunsichere oder ängstige?
Fehlende Verbindlichkeit: Bin ich vielleicht selbst "nicht Fisch, nicht Fleisch", zeige mich nicht, erwarte aber von anderen volle Verbindlichkeit, obwohl ich sie nicht einmal für mich selbst lebe?
Der Weg zur "Immunität"
All diese Fragen dienen als Spiegel. Sie sind der Schlüssel.
Je mehr ein Mensch mit sich selbst "im Reinen" ist – mit seiner Historie, mit seinen Bewertungen über sich und andere –, je glücklicher und zufriedener er damit ist, wie er ist und was er tut, desto "immuner" wird er.
Wenn Sie mit sich im Reinen sind, kann Ihnen eine toxische Umgebung oder ein angreifender Mensch keine Macht mehr über Sie geben.
Je mehr jemand in sich selbst ruht, umso weniger toxische Beziehungen wird diese Person in ihrem Leben haben.
Vertiefende Coaching-Fragen für Ihre Reflexion
Nutzen Sie diese Fragen als Einladung, mit Liebe und Wertschätzung bei sich selbst hinzuschauen:
Die Inventur: Wie viele "toxische Beziehungen" (beruflich oder privat) hatten Sie in Ihrem Leben oder haben Sie aktuell? Wie lange befinden Sie sich oft in solchen Dynamiken?
Das Ohnmachts-Barometer: Wie sehr beeinträchtigt Sie die aktuelle Situation? Bei wie vielen Ihrer Probleme ist "der andere" die Hauptursache?
Die Spiegel-Frage (Der eigene Anteil): Wenn Sie ehrlich sind: Welchen Anteil könnten Sie daran haben, dass diese toxische Beziehung weiter besteht?
Der blinde Fleck: Welches der oben genannten Beispiele (Fehlende Klarheit, Dominanz, Starke Fassade, Unruhe, Unverbindlichkeit) hat Sie beim Lesen am meisten "getroffen" oder resoniert?
Die Gestaltungs-Frage: Was ist der erste, kleine Schritt, den Sie tun können, um aus der Anklage (den Finger auf andere zeigen) auszusteigen und stattdessen Ihre eigene Klarheit oder innere Mitte zu stärken?