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Paradies mit Postleitzahl

Deutsche Wirklichkeit/ Roman von Mishani/Serie Etty/ Lob der Faulheit/Zeit für Zitrone

Vor einigen Jahren besuchte ich die Straße, in der ich als Kind gewohnt habe. In meiner Erinnerung war es eine schöne, ruhige und kleinbürgerlich geprägte saarländische Wohnstrasse, in der bei Sonne die Wäsche im Garten trocknet und in der es mittags nach Essen duftet.

Es war tatsächlich halb zwölf, als ich da war. Das Wetter war warm und angenehm. Ich hörte Küchengeräusche. Das Gemurmel gebratener Zwiebeln, auch die Wäschespinnen waren in Betrieb. Kinder spielten zwischen Garagen und auf der Straße. Schon zu meiner Zeit endete die Grundschule oft am Vormittag. Die Häuser sahen bis auf wenige Ausnahmen so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte, an den Klingelschildern standen noch die vertrauten Namen - heute vermutlich die Erben der einstigen Nachbarn. Ich bin unterdessen zigmal umgezogen, hab oft den Job gewechselt, eine Familie gegründet und die Weltgeschichte – Fall der Mauer/World Wide Web/Millennium Bug/ 11.September 2001/Agenda-Reformen/Irakkrieg/Börsencrash/Corona/Putins Angriff auf die Menschen in Syrien und die Ukraine/Trumps Verrat an Europa - ist mehrfach durchgedreht. Jedesmal hieß es, es sei vorbei mit der Welt, wie wir sie kennen.

Dudweiler/Saar flüstert: “Mo langsam!”

Wenn ich heute so eine Reise in die siebziger Jahre unternehmen möchte, spaziere ich zu einem kleinen Park in der Nähe. Dort ist nie viel los. Die Anlagen - unter anderem ein Kneipp-Becken und ein Springbrunnen aus Stahl - wirken wie neu und atmen doch den Geist der alten Bundesrepublik.

Dieser kleine Park wird es nie zu medialer Betrachtung schaffen. Dabei ist seine spektakuläre Friedfertigkeit durchaus bemerkenswert und das Ergebnis verborgener historischer und politischer Prozesse: Ein Park ohne Polizei. Keine arglistigen Drohnen am blauen Himmel. Kein Zaun, kein Gitter, kein Eintrittsgeld. Man denkt dann nicht an all das, was so ein banales Erlebnis ermöglicht: Den Sozialstaat. Den Rechtsstaat. Die aufmerksame Zivilgesellschaft. Den Frieden.

Jede Polizistin nimmt meine Anzeige entgegen und jede Klinik kümmert sich um mein Problem, ohne zuerst die Kreditkarte zu verlangen.

Das wahre Leben sieht hierzulande ziemlich nice aus. In Umfragen geben die meisten Menschen an, dass es ihnen privat gut geht.

Trotz konkreter Sorgen gibt es nicht den geringsten Anlass, eine Machtübernahme der Rechtsradikalen anzukündigen: Drei Viertel der Menschen sehen in ihnen eine Gefahr für die Demokratie. Weder Trump noch Putin hätten hierzulande in freien Wahlen je eine Mehrheit. Aber gute Nachrichten dringen nicht durch. So funktionieren Medien – allerdings waren ihre Reichweite, Sendedauer und Zielgruppen einst noch beschränkt. Heute wird immer gesendet und überall. Jedes Paket muss dem Empfänger fünf bis sechs SMS senden. Es gibt Tage und Nächte, an denen man merkt, dass es eigentlich nichts zu berichten gibt. Aber die universelle Medienmaschine muss dann trotzdem laufen.

Man kann natürlich nicht nur jubeln. Ich selbst habe an dieser und an anderen Stellen meinen Frust über Kanzler und Koalition aufgeschrieben. Die konfuse Kommunikation und die viel zu lahme Förderung des europäischen Zusammenwachsens kritisiert. Aber alles muss im Rahmen betrachtet werden: Die schwarz-roten Amtsträger sind nicht korrupt, sondern an der Wahrheit interessiert und stets fähig zur Korrektur.

Insofern hat es schon seine Bewandtnis mit der Sorge, die Medienrealität sei eine ganz andere als die Stimmung draußen im Land, als das wahre Leben. Nur wird das meistens in einem tendenziösen Sinn verwendet, als sei eine rechtsradikale Politik die einzige Lösung aus der unerträglichen Polykrise der liberalen Demokratie.

Als lebten die Menschen in einer deutschen Hölle, an der die Ausländer schuld sind, während die da oben in Berlin es für das Paradies halten. An Tagen wie heute, wenn aus Hinterhöfen übermütiges Gejohle zu hören ist und viel gegrillt wird, fühlt sich Deutschland anders an. Das beste Deutschland der Geschichte – trotz der antisemistischen und sonstigen wild gewordenen Minderheiten. Trotz der unvollkommenen Einkommessteuerreform. Nämlich wie ein Paradies mit Postleitzahl und eines der lebenswerten Länder dieser Welt. Und das gilt für viele Ecken Europas. Die Mehrheit wird sich in den Krisenszenarien und Untergangsängsten von Rechts nicht wiederfinden.

Ich werde immer etwas nachdenklich, wenn die Herbstprogramme der Verlage eintrudeln. Jedes Haus möchte Zehntausende von Druckseiten an die Frau und den Mann bringen, obwohl die menschliche Lesezeit knapp bemessen ist. Es entspringt einer guten Absicht, vielleicht aber auch einer Unfähigkeit, sich zu entscheiden. Man schießt mit Schrot in der Hoffnung, irgendeinen Treffer zu landen.

Da lobe ich mir die sparsame Prosa von Dror Mishani. (Ich neige ja nicht zur Eifersucht, wurde neulich aber widerspenstig, als meine Frau die schier unglaubliche Produktivität von Mishani lobte! Enfin. Ganz ehrlich: Dieser Newsletter hat bald so viele Zeichen wie der neue Roman und ich schreibe ja noch viele andere Sachen in der Woche!!! Aber gut gut, darum geht’s ja nicht…)

Er macht jedenfalls nicht viele Seiten und schafft dennoch oder gerade deswegen ein besonderes literarisches Erlebnis. In diesem neuen Buch gerät die Story zwischendrin so beklemmend, dass ich es kaum ausgehalten habe. Und dann kommt alles ganz anders. Starke Simenon-Anklänge, auch etwas von der israelischen Serie Hatufim - eine wirklich gelungene Mischung! Die bisweilen gruselige Stimmung passt gut zu einem schönen Sommertag –dialektisch eben!

Der israelische Autor und Produzent Hagai Levi wurde durch die von ihm konzipierte Serie Be Tipul bekannt, die in Frankreich als En Thérapie und in den USA als In treatment durch HBO adaptiert wurde. In Deutschland gibt es interessanterweise noch keine eigene Fassung - nötig wäre es allerdings.

Nun hat er sich der Tagebücher von Etty Hillesum vorgenommen, die sie im besetzten Amsterdam der vierziger Jahre schrieb. Hillesum starb 1943 in Auschwitz. Levi versetzt die Handlung in die Gegenwart: das Aufkommen des Rechtsradikalismus und der virulente Antsemitismus wirken leider ganz und gar nicht anachronistisch. Das Zusammenfallen eines welthistorischen Verbrechens mit einer Phase privaten Gefühlsgewühls macht die Texte von Etty besonders berührend. In den ersten Minuten war ich davon irritiert, dass die Hauptdarstellerin gefühlt 99% der Zeit im Bild ist, aber im Laufe der Erzählung bekommen auch andere Figuren ihren Raum.

https://www.arte.tv/de/videos/RC-027654/etty/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Die Familie, die Arbeit, der Verkehr, die Steuer, die Ärzte und das Wetter - immer ist was. Dann noch Trump und der Wal! Derweil muss man sich das Gemecker des Bundeskanzlers anhören, alle seien zu faul.

Auf Insta steht dann noch, wie man spielend mit all dem jongliert, wenn man nur korrekt atmet und ein Glas Wasser am Morgen zu sich nimmt. Ha: In den Jahren, in denen noch echtes Wachstum erzeugt wurde, war man wesentlich fauler, hat das sogar noch frech gefeiert. Nirgends schöner als in dem legendären Spielfilm Alexandre le Bienheureux, den ich hier online und gratis aufgetrieben habe!

https://www.tv5mondeplus.com/de/films/comedie/alexandre-le-bienheureux/play?subtitle=de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Korsika nimmt in der französischen Geschichte und Kultur einen ganz eigenen Stellenwert ein - in dem Klassiker “Asterix in Korsika” wird alles nötige dazu erklärt. Mein französischer Großvater war von den korsischen Indépendantistes so genervt, dass er die Insel am liebsten auf Ebay eingestellt hätte, wenn das schon erfunden gewesen wäre. Aber es bleibt ja noch die Küche….Kann man mal ausprobieren:

https://youtu.be/6SFOu0Dd6CM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

In der dieswöchigen vegetarischen Variante wird auch Zitrone verwendet, nämlich bei Herrn Grün:

https://www.herrgruenkocht.de/risotto-mit-geschmortem-radicchio-karamellisierten-schwarzen-kalamata-oliven-und-zitronenabrieb/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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