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Pension – der vorprogrammierte Tod

Wir werden in ein Drehbuch hineingeboren, das wir selten selbst geschrieben haben. Die Akte sind klar verteilt: Schule, Ausbildung, jahrzehntelanges Schuften. Wir folgen blind den traditionellen Meilensteinen der Masse, Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen, Schulden anhäufen. Wir funktionieren wie perfekt geölte Zahnräder in einer gigantischen Maschine. Und das alles für ein großes Versprechen, eine Karotte, die man uns das ganze Leben vor die Nase hält: die Pension. Die vermeintliche Oase am Ende einer jahrzehntelangen Wüstendurchquerung. Doch wenn wir dort ankommen, merken wir oft, dass das Wasser nur eine Fata Morgana war.

Die Illusion des „Endlich-Lebens“

Die Tragödie der modernen Existenz liegt in der permanenten Aufschiebung. Wir vertrösten das eigentliche Leben auf die letzten 15 bis 20 Jahre. Doch der Körper hält sich nicht an die Verträge der Staatskassen. Wer sein Leben aufschiebt, stellt fest, dass im Ruhestand oft nicht die große Freiheit wartet, sondern das sterile Wartezimmer. Das „Endlich-Leben“ mutiert zu einem deprimierenden Marathon von Arzt zu Arzt. Wer blind der Masse folgt, verlernt das selbstständige Denken und Atmen. Wenn das Korsett der täglichen Arbeit plötzlich wegfällt, implodiert das Individuum. Der Sinn, der früher künstlich von außen durch den Job implantiert wurde, hinterlässt ein schwarzes Loch.

Das Haus als Mausoleum und die Erbsünde der Schuld

Nirgendwo zeigt sich diese Blindheit deutlicher als in unserem Drang nach Statussymbolen. Wir opfern unsere Jugend dem Beton. Wir unterschreiben Verträge mit Banken und fesseln uns selbst an eine Scholle aus Stein und Mörtel. Das Haus, das eigentlich ein Ort der Freiheit sein sollte, wird zum goldenen Käfig. Wir schuften nicht für uns. Wir schuften für den Zins.

Das Absurde daran: Dieses Hamsterrad dreht sich über unseren eigenen Tod hinaus. Der Kredit, den wir zeitlebens panisch abzustottern versuchen, wird zur Erbsünde. Wir vererben den Kindern nicht nur Mauern, sondern die finanzielle Fessel. Wir übertragen die Schuldenlast auf die nächste Generation, damit auch sie gezwungen ist, blind im System zu funktionieren. Wenn wir dann in der Pension endlich Zeit hätten, in diesem Haus zu leben, ist es zu spät. Die Räume sind leer, der Körper ist müde. Das Haus, für das man seine Seele verkauft hat, wird zum eigenen Mausoleum. Man hat ein Denkmal für das System gebaut, aber vergessen, darin zu leben.

 Der systemische Verrat

Für den Staat sind wir in dem Moment gestorben, in dem wir den Stift niederlegen. Das System kennt keine Würde, es kennt nur Produktivität. Wer kein Geld mehr in die Staatskassen spült, wird als „nicht mehr produktiv“ abgestempelt. Die Pension ist der gesellschaftliche Abschiebebahnhof. Mit dem Satz „Ich bin in Pension“ leisten wir einen sprachlichen Offenbarungseid. Wir flüstern dem Universum leise zu: „Ich bin fertig mit dem Leben.“ Es ist der biologische Tod, der nur auf den psychologischen folgt, weil man ohne Funktion den Halt verliert.

Der Ausweg: Das Drehbuch zerreißen

Doch dieser vorprogrammierte Tod ist kein Naturgesetz. Er ist die logische Konsequenz einer freiwilligen Kapitulation. Der Ausweg beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, der Masse hinterherzulaufen. Wir müssen aufhören, das Leben auf einen fernen Tag X zu verschieben.

Die wahre Rebellion gegen das System liegt darin, jetzt selbstständig zu denken. Wir müssen das Drehbuch des Staates zerreißen, noch während wir im Berufsleben stehen. Sinn und Halt darf uns keine Firma und kein System diktieren, wir müssen sie in uns selbst verankern. Das bedeutet: sich nicht über den Job zu definieren, sondern über die eigenen Leidenschaften. Es bedeutet, Schuldenberge zu hinterfragen, anstatt sich für ein Statussymbol zu versklaven.

Wir müssen lernen, jeden Tag ein Stück zu leben, anstatt die Lebendigkeit für das Alter aufzusparen. Wenn wir schon mit dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren wissen, wer wir abseits unserer Steuererklärung sind, verliert die Pension ihren Schrecken. Dann ist sie kein Abschiebebahnhof und kein abruptes Ende der Existenz. Sie ist schlicht die Fortsetzung eines Lebens, das wir schon lange vorher mutig, eigenständig und in voller Tiefe selbst gestaltet haben.

 

Wenn die Pension der vorprogrammierte Tod ist, worauf wartest du dann noch, um lebendig zu werden?