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Exklusiv: Das erste Kapitel

Heute gibt es wieder einen exklusiven Einblick in Band 1 meiner Trilogie, die im Hybrid Verlag erscheinen wird. Das Lektorat soll Anfang 2026 starten und ich rechne damit, dass das Buch Ende 2026 erscheinen wird.

Den Prolog habe ich im letzten Monat bereits veröffentlicht. Du findest ihn hier.

Heute habe ich das erste Kapitel des Romans mitgebracht. Der Text ist ein Werk in Progress, das heißt, dass sich im Lektorat voraussichtlich noch etwas ändern wird.

Wenn du ein Fantasy-Mäzen bist, hast du vollen Zugriff auf den Text - vielen Dank! Einen Überblick über meine (geplanten) Bücher bekommst du hier.

Kapitel 1

1955, Deutschland

 Sie musste das Kind in ihrem Bauch loswerden. Deborah trat aus dem Schatten der Kastanie ins Mondlicht, die Hand auf den Bauch gepresst. Die Schwangerschaft war von außen noch nicht sichtbar, aber sie spürte die sengende Hitze des Kindes wie die glühende Spitze eines Dolchs. Die frisch verkrusteten Schnitte auf ihrem Bauch brannten und sie unterdrückte einen Schmerzlaut, als sie sich in Bewegung setzte. Sie schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass ihr niemand folgte.

Vor ihr lag das Krankenhaus, ein zweckmäßiges Gebäude, das mit nur wenig architektonischer Fantasie errichtet worden war. Links lagen ein Parkplatz und die Einfahrt für die Krankenwagen. Rechts stand, etwas nach hinten versetzt, eine Kapelle. Fast zwei Stunden lang hatte sie den Eingang des Krankenhauses beobachtet. Sie war sich nicht sicher, ob sie es wagen konnte, hineinzugehen, aber ihr lief die Zeit davon.

Sie überquerte die Straße und erklomm die Stufen des Provinzkrankenhauses, das mindestens einhundert Kilometer von jeder größeren Stadt entfernt lag. Deshalb hatte sie es ausgewählt. Ihre Verfolger würden sie hier nicht finden, so hoffte sie. Wenn sie das Kind los war, würde sie sich zunächst Richtung Norden durchschlagen und sich ein Schiff suchen, das sie nach Afrika brachte. Sie musste raus aus Europa.

Deborah zog ihren Hut tief ins Gesicht und trat mit gesenktem Kopf ein. Neonröhren beleuchteten den Flur, eine der Leuchten flackerte nervös. Das Licht blendete sie. Neuerdings reagierten ihre Augen empfindlich auf Helligkeit. Sie kniff die Augen zusammen.

Eine Frau jenseits der Siebzig stand am Empfangstresen und redete leise mit der Krankenschwester, die ein spitzes, blasses Gesicht hatte und Deborah an eine Maus erinnerte. Ihre Haare hatte sie zu einem strengen Knoten im Nacken zusammengebunden, auf der spitzen Nase saß eine Brille.

Deborah heftete ihren Blick auf den Linoleumfußboden und schlich sich an den beiden vorbei in der vagen Hoffnung, dass sie sie nicht beachteten. Jeder Schritt ließ sie die frisch verkrusteten Wunden auf ihrem Oberkörper spüren. Sie biss die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerzen aufzustöhnen, und sie hielt sich nahe der Wand, Schweiß rann ihr in die Stirn. Sie passierte eine Tür mit dem Hinweis »Wartezimmer« und eine mit der Aufschrift »Ambulanz«.

»He, Sie da!«

Deborah fror in der Bewegung ein. Sie drehte den Kopf halb über die Schulter zu der Schwester, die sich nach vorn über den Empfangstresen lehnte und sie neugierig musterte. Ihr Blick spiegelte eine Mischung aus Mitleid und Skepsis angesichts ihrer zerlumpten Erscheinung – ein Blick, der Deborah in den vier Wochen ihrer Flucht vertraut geworden war. Sie schluckte.

»Sie müssen sich erst hier anmelden«, sagte die Krankenschwester und winkte mit einem Klemmbrett.

»Ich möchte nur Ihre Toilette benutzen. Darf ich?« , sagte Deborah. Ihr Mund war trocken, ihre Stimme kaum mehr als ein Krächzen.

Sie bemühte sich um ein Lächeln, aber sie war sich nicht sicher, ob es ihr gelang; sie war aus der Übung. Ihr Herz klopfte dröhnend in ihrer Brust. Das Gewicht ihres Dolches und der Pistole wog schwer in der Innentasche ihres Trenchcoats.

Schweißtropfen perlten in ihren Nacken. Mausgesicht umrundete ihren Tresen und kam mit zusammengekniffenen Augen auf sie zu. Sie war zwei Köpfe kleiner als Deborah, aber sie wirkte wie jemand, die sich durchsetzen konnte.

»Zwei Straßen weiter ist die Bahnhofsmission«, sagte sie.

Deborah schloss ihre Hand um den Griff ihrer Pistole. Mausgesicht hatte sie fast erreicht, als die Haupteingangstür sich öffnete. Begleitet von einem Windstoß traten zwei Männer ein; der eine stützte sich auf den anderen, dessen Hose blutdurchtränkt war und der eine Spur aus Blut hinter sich her zog.

»Wir brauchen sofort einen Arzt!«, rief der Unverletzte.

Die Krankenschwester machte kehrt.

»Die Toilette ist die dritte Tür rechts! In der Bahnhofsmission bekommen Sie was zu essen«, rief sie Deborah zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit dem Verletzten widmete.

Deborah atmete leise seufzend aus und löste ihre Faust, die sich um ihre Waffe geschlossen hatte. Sie setzte ihren Weg langsam fort und lauschte, wie es hinter ihr weiterging. Eine Tür fiel zu. Sie blickte zurück, niemand war mehr zu sehen. Sie lief den Flur weiter und schlüpfte, nachdem sie sich erneut vergewissert hatte, dass sie unbeobachtet war, durch eine Tür mit dem Türschild »Nur für Personal«.

Der fensterlose Raum dahinter lag im Dunkeln. Sie schaltete das Licht an und überflog das zweckmäßige Mobiliar: Ein metallener Tisch in der Mitte nahm fast den gesamten Raum ein, an der Wand ihr gegenüber stand eine Pritsche. An den übrigen Wänden hingen Schränke, die Materialien zur Wundversorgung oder Aktenordner bereithielten. Deborah stopfte wahllos Tabletten, Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel in ihre Umhängetasche. Noch hatte sie nicht gefunden, weswegen sie gekommen war. Fluchend durchwühlte sie Schubladen und Schränke. Wo konnte es sein?

Auf dem Flur wurden Stimmen laut, und sie hielt inne. Würde das Licht durch die Türritze fallen? Sie hielt den Atem an. Die Geräusche entfernten sich, und ihr Blick fiel auf einen verschlossenen Medikamentenschrank. Sie zog ihren Dolch hervor und hebelte das Schloss so geräuschlos wie möglich auf. Sie wühlte durch die Pillendöschen und Fläschchen, bis sie endlich fand, weswegen sie gekommen war. Sie stopfte die Packung in ihre prall gefüllte Tasche: Rivanol.

Behutsam öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Der Flur war leer, die Krankenschwester war nicht zu sehen. Deborah schlüpfte hinaus, wobei sich der Taschengurt mit der Türklinke verhedderte und sie mit einem Ruck zurückhielt. Sie fluchte durch zusammengebissene Zähne. Eine der Wunden auf ihrem Oberkörper riss der Länge nach auf. Panik breitete sich in ihr aus, Tränen traten ihr in die Augen.

Sie befreite ihre Tasche. Noch war niemand auf dem Flur aufgetaucht. Dickes Blut sickerte warm durch ihr Shirt, und sie zischte vor Schmerzen. Ihre Sicht verschwamm von Tränen und Schwindel.

Sie warf einen Blick entlang des Flurs: Der Rückweg führte vorbei an drei Türen und dem Empfangstresen. Niemand war zu sehen.

Sie griff ihre Tasche fester und presste sie an ihren Körper, ihr Herz rüttelte an dem Käfig ihrer Rippen. Sie zwang sich, ruhig zu atmen, und lief auf Zehenspitzen weiter. Nur fünf Meter trennten sie vom Ausgang. Sie passierte die letzte Tür. Die schwang in diesem Moment auf und sie rempelte schmerzhaft dagegen. Mit einem Aufschrei stürzte sie zu Boden und der Inhalt ihrer Tasche ergoss sich über den Linoleumfußboden.

Sujet Exklusiv

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