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„Kultur muss anstößig bleiben können, unbequem – und offen.”

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Du liest eine Sonderveröffentlichung der ”Post aus Dachau”, des wöchentlichen Kultur-Newsletter von Stadtführung mit Matthias (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in Dachau & München.

Als Gästeführer weiß ich was in der Stadt los ist.
Und was sich lohnt.

Für Menschen, die ihre Stadt genauso lieben, wie Du und ich.

exklusiv

Nachgefragt bei Martin Modlinger (Bündnis 90/Die Grünen)

Fragen an alle Kandidat*innen

 1. Dachaus Kulturszene nennt Raummangel als Kernproblem. Welche drei konkreten Schritte setzen Sie innerhalb der ersten 12 Monate Ihrer Amtszeit, um zusätzliche kulturelle Räume oder Zwischennutzungen zu ermöglichen?

Modlinger: “Raummangel betrifft vor allem drei separate Raumkategorien: (1) Veranstaltungsräume, (2) Proberäume und (3) Lagerräume. Idealerweise würden Räume für Kultur gleichzeitig alle drei Nutzungsanforderungen abdecken, aber das ist nicht immer möglich, vor allem bei Zwischennutzungen. 

Daher folgende drei Schritte:

(A): Identifizieren von geeigneten Zwischennutzungs- oder generellen Nutzungsmöglichkeiten in stadteigenen Immobilien (z.B. auch außerschulische Nutzung schulischer Gebäude) wie auch - in Koordination mit z.B. der Wirtschaftsförderung - Identifikation von Leerstand in nicht-städtischen Immobilien, der für kulturelle Nutzung geeignet wäre. Dazu gehört in beiden Fällen die Entwicklung eines Betreibermodells (Zugänge, Verantwortung, Kosten, geteilte Bedarfe, etc.).

(B): Suche nach Kooperationsmöglichkeiten für Veranstaltungs- und Proberäume. Letztes Jahr erst wurde mir klar, dass z.B. nicht viel Kontakt zwischen Kulturschaffenden und den Kirchengemeinden besteht, wobei letztere aber oft über Gemeindesäle verfügen, die für Kulturveranstaltungen geeignet sind.

(C): Koordination mit den bereits teilweise bestehenden Kulturaustauschgruppen (letzte Treffen waren im Alten Metzgerhof) und weiteren Kulturschaffenden bezüglich gemeinsamer Anmietung von Lagerräumen. So muss nicht jede Initiative je für sich geeignete Lagerräume finden, sondern gemeinsame Flächen bieten mehr Möglichkeiten (sind zudem wirtschaftlicher). Außerdem kann ein oder mehrere gemeinsame Lagerort(e) einen Technik/Equipmentpool erleichtern, damit gar nicht erst jede Initiative je neue Geräte anschaffen muss, sondern auf einen Pool zurückgreifen kann.

(D): Weil obige Schritte langfristig nicht ausreichen, muss auch gleich die mittel- und langfristige Planung angegangen werden. Eine Kulturfabrik auf dem MD-Gelände (ob nun mit oder ohne Kooperation mit Stadtbibliothek etc.) wäre eine kulturelle Bereicherung für die Stadt und eine Unterstützung sowohl für die freie Szene als auch die Kulturwirtschaft.”

2. Die städtischen Kulturmittel stehen seit Jahren unter Druck. Welche Maßnahmen planen Sie, um Kulturförderung abzusichern, ohne dass sie zum politischen Spielball oder Opfer künftiger Sparrunden wird?

Modlinger: “Die städtischen Kulturmittel sind seit Jahren nominell gedeckelt - d.h. tatsächlich sind jedes Jahr für Kultur weniger Mittel zur Verfügung, denn die Kosten der Kulturschaffenden steigen ja, und so deckt ein städtischer Zuschuss immer kleinere Anteile der Kosten. Kulturmittel müssen also jedes Jahr mindestens mit der Inflation angehoben werden - bei anderen Ausgaben der Stadt ist das ja auch selbstverständlich. Es muss klar sein, dass „Förderung“ von Kultur zugleich Investition ist - in Miteinander, Begegnungsorte, ja schlicht auch Kulturwirtschaft. Diese Investition lohnt sich für die Stadtgesellschaft.”

3. Kulturinitiativen klagen über bürokratische Hürden. Was werden Sie innerhalb Ihrer Amtszeit organisatorisch verändern, damit die Stadtverwaltung stärker als Ermöglicherin wirkt?

Modlinger: “Bürokratische Hürden betreffen oft Sondernutzungen, Umnutzungen oder Auflagen für Veranstaltungen, die dann z.B. von Ehrenamtlichen nicht mehr zu leisten sind. Zusätzlich gibt es Zugangshürden, wo Antragsprozesse noch nicht digital sind - das ist aber ein allgemein anzugehendes Problem. Für die kulturspezifischen bürokratischen Hürden ist zuerst zu prüfen: Welche Auflagen sind wirklich hart notwendig und welche sind „nur“ der besseren Absicherung für Eventualitäten geschuldet. Dann ließe sich in andere Kommunen schauen, die bereits solche Hürden wieder abbauen (dazu bin ich in Austausch mit Sanne Kurz, MdL), denn was dort möglich ist, kann hier nicht unmöglich sein. Wahrscheinlich geht es zudem um „Organisationskultur“: wenn von der Stadtspitze her die Priorität „Ermöglichen“ anstatt „vor jede Eventualität eine Hürde stellen“ gibt, dann dürfte dies alle Bereiche der Stadtverwaltung verändern. Das wird ehrlicherweise ein längerer Prozess sein und nicht von heute auf morgen erledigt sein.”

4. Welche langfristige Kulturvision verfolgen Sie bis 2031? Welche zwei strategischen Leitlinien sollen das kulturelle Profil der Stadt prägen?

Modlinger: “Ich sehe zwei große Kulturlinien, die natürlich miteinander  verwoben sind. Einerseits die größtenteils ehrenamtlich getragene Kulturszene in Dachau (freie Szene, Vereine, Initiativen, etc.), die Infrastruktur, Räume und Unterstützung benötigt, damit sie niedrigschwellige (leistbare) Angebote für Kultur und Miteinander machen kann. Andererseits gibt es auch eine Kulturszene, die unternehmerisch geprägt ist (was gut ist, man soll von Kultur ja auch leben können). Jene Kulturwirtschaft braucht vielleicht weniger kleine Förderunterstützung, dafür umso mehr Infrastruktur (z.B. eben Kulturfabrik) und Ermöglichung (e.B. bei Umnutzung von Gebäuden). Beide sind aber wichtig und müssen ernst genommen und unterstützt werden, der eine Teil als vielfältiges ehrenamtliches Engagement, der andere Teil als Wirtschaftsfaktur Kulturwirtschaft.”

5. Wenn der Haushalt erneut unter Druck gerät: Welche kulturellen Bereiche haben für Sie absolute Priorität – und welche könnten, falls nötig, zurückstehen?

Modlinger: “Der Kulturetat ist bereits jetzt dermaßen klein im Vergleich zu anderen Posten, daß das für mich zweierlei bedeutet: Weiteres Sparen im Kulturetat würde dazu führen, dass das, was ohnehin oft größtenteils ehrenamtlich oder nebenbei geleistet wird, keine ausreichende Basis mehr hat. Dann wären einige Kulturangebote schnell nicht mehr umsetzbar - das darf nicht passieren, denn ein späterer Neuaufbau ist ungleich schwieriger als die Unterstützung des Bestehenden. Außerdem, zweitens, wären bei einem Haushalt unter Druck schon rein logisch erst die größeren Positionen anzugehen, und die sind eben nicht die bereits unter Druck stehende Kultur. Also: ich würde verschiedene Bereiche der Kultur nicht gegeneinander ausspielen, sondern die Vielfalt der Kultur (und die Notwendigkeit ihrer weiteren Unterstützung) ins Feld führen.”

6. In München tritt 2026 erstmals ein kulturpolitisches Wahlbündnis („Bündnis Kultur“) an. Halten Sie ein solches Modell – Kultur als eigenständige politische Kraft – für Dachau für denkbar oder notwendig? Warum bzw. warum nicht?

Modlinger: “Ich halte das für spannend - muss aber zugleich sagen, dass der große Wert der Kultur ja darin besteht, dass sie viele Menschen verbindet, quer durch verschiedenste Parteien hindurch. Ich bin also nicht gegen "Kultur als eigenständige politische Kraft", meine Präferenz wären aber schlicht viele kulturpolitisch engagierte Menschen in allen Parteien.”

Individuelle Fragen zum Programm

(Diese drei Fragen sind speziell auf Martin Modlingers öffentlich kommuniziertes Programm bzw. seine kulturpolitische Schwerpunktsetzung zugeschnitten.)

  1. Sie nennen den Raummangel das zentrale Kulturproblem Dachaus. Welche konkreten Instrumente setzen Sie unmittelbar um?

    Modlinger: “siehe oben unter (1).”

  2. Wie stellen Sie sicher, dass experimentelle oder kommerzielle Kultur nicht gegenüber sozial‑kulturellen Formaten ins Hintertreffen gerät?

    Modlinger: “Jegliche Kulturform braucht ihren Platz, ob nun kommerziell, experimentell oder soziokulturell (sie dazu auch oben unter 4.). Deswegen muss genau diese Vielfalt - und die gegenseitige Ergänzung - hochgehalten werden, anstatt Kulturformen gegeneinander auszuspielen.”

  3. Welche Rolle soll Kultur als demokratiepolitischer Schutzraum künftig in Dachau spielen?

    Modlinger: “Kultur muss anstößig bleiben können, unbequem, und gleichzeitig offen. Genau das macht sie demokratisch. Gleichzeitig muss sie verteidigt werden gegen Strömungen (konkret benannt: rechtsradikale Strömungen), die Kultur angreifen, weil sie zu radikal, experimentell oder gesellschaftspolitisch ist. Kultur ist kein parteipolitischer Ort, Kultur ist ein gesellschaftspolitischer Ort, und als genau solcher ist er wichtig. Gleichzeitig will ich Kultur nicht auf ihre demokratiepolitische Bedeutung oder ihre Rolle als Begegnungsort reduzieren: Kultur ist auch einfach Kultur um der Kultur willen, sie ist Zweck für sich selbst. Den Schutz, genau das zu sein, muss sie immer haben.”

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