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April 2026

In diesem Newletter:

– eine Empörung von Wolfgang Bauer, Reporter bei der Zeit

– Hannah El-Hitami, Vorständin bei den Freischreibern, erklärt, wie man als Freier erfolgreich arbeitet

– neue Kurse von der Reporterfabrik, u. a. mit Philipp Oehmke, Kerstin Kohlenberg, Gilda Sahebi

Liebe Leute,

wir Reporter haben ein Problem. Natürlich haben wir viele Probleme, sogar ganz viele, aber eines davon ist ein besonders dickes. Wir werden nicht mehr gelesen.

Das liegt in erster Linie nicht daran, dass wir langweiliger geworden sind, sprachlich ärmer, unsere Geschichten zu oft vorhersagbar sind und eine immer kleiner werdende gesellschaftliche Blase bedienen, sondern schlicht daran: unsere Kundschaft findet uns nicht mehr. 

Was wir nicht alles tun, um gelesen zu werden! Wir recherchieren, manche tagelang, manche sogar über Monate. Wir ringen nach den richtigen Worten, polieren, feilen, wir verwerfen: Einstieg, Portal, Rhythmus, aber dann lösen sich die Texte nach nur kurzer Zeit in Luft auf, puff. 

Zwei Stunden auf der Seite – puff. Läuft es schlecht mit Klicks und Abos, nur eine Stunde – puff. Läuft es mal sehr, sehr gut, bleibt der Text einen ganzen Tag sichtbar, schwirren Gratulations-E-Mails, aber auch dann: puff und weg. Schon erscheint der nächste Text an gleicher Stelle. Einer, der vielleicht nur in einer halben Stunde geschrieben und nicht in mehreren Wochen recherchiert und geschrieben wurde wie unsere teure Reportage. Einer, der aber die richtigen Keywords transportiert, Sex, Crime, Trump, Partnerschaft, Einkommen, und eben nicht: Unerhörtes, Neues, Komplexität. Wir alle kennen diese Leier.

Ich bin keiner, der vorgibt, den Markt zu verstehen. Aber wie soll das auf Dauer funktionieren? Unsere Online-Architekten werfen alles fast unterschiedslos in einen Mahlstrom aus Bildern und Texten, aus Hintergründigem und Aktuellem, schnell gestrickten Meldungen und langen Investigativ-Strecken. Wenn sie versuchen, Besonderes herauszustellen, hier und da etwas größer, hier und da etwas farbiger, wirkt das schnell wie das Layout einer Rewe-Wurfsendung. Für mich ist das betriebswirtschaftlich blanker Irrsinn. Kein Supermarkt stellt seine Schmuckstücke nur kurz ins Schaufenster oder versteckt sie gar irgendwo in unübersichtlichen, überfüllten Regalen.

Viele, die ich kenne, sind auf unseren Webseiten, wie immer sie heißen, SPON, ZON, SZ, FAZ etc., verloren. Sie ertrinken in der gleichförmigen Fülle. Sie nutzen diese Seiten, weil sie keine Alternativen haben, sind aber nicht glücklich, man könnte auch sagen: heimatlos.

Wir brauchen eine neue Architektur. Wir brauchen eine, die klarer trennt zwischen Aktuellem und Hintergrund. Ich wünsche mir Ideen für Webauftritte, die wie Schwingtüren funktionieren. Zwei Seiten der Wirklichkeit, eng miteinander verbunden, sich gegenseitig ergänzend. Die eine fürs Schnelldrehende, die andere fürs Zeitlosere, das dafür aber auch cineastisch aufwendiger aufbereitet werden kann. Das Digitale ist das natürliche Paradies für die Langform. Nie zuvor standen uns so großartige Mittel zur Verfügung, Reportagen erlebbar zu machen.

Die Langform hat Zukunft. Die Zukunft ist die Langform. Die kurze Meldung ist längst entwertet. Dem medialen Allerlei bleibt nur eine kurze Gnadenfrist. Nur einige wenige werden sich in zehn Jahren noch vom Aktuellen ernähren können. Für Plattformen, die nicht mehr bieten als alle anderen, gibt es bald nur einen einzigen Weg: den Weg bergab. 

Deshalb brauchen wir lang auserzählte Formen und die Reportage, nicht nur des schnöden Mammons wegen. Die Reportage ist eine der wunderbarsten Mittel, um unsere Welt in ihrer Vielschichtigkeit zu vermitteln – aber wir müssen sie finden. 

Herzlich

Wolfgang Bauer

Wie arbeitest du, Hannah El-Hitami?

Hannah El-Hitami ist freie Journalistin in Berlin mit Schwerpunkt Westasien/Nordafrika, Migration und Völkerrecht. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft und Arabischen Literatur und Kultur war sie bis 2018 Volontärin des Amnesty Journals. Seitdem sind ihre Beiträge unter anderem erschienen in SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche Zeitung, TAZ, fluter, Science Notes und Deutschlandfunk Kultur. 

Sie ist Mitglied des Vorstands von Freischreiber, dem Berufsverband für freie Journalist:innen in Deutschland. Freischreiber setzt sich seit 2008 für die Belange freier Journalist:innen ein: von besseren Honoraren über Urheberrechtsfragen bis hin zu Altersvorsorge.

Foto: Natalia Bronny

Du arbeitest seit sieben Jahren frei und bist seit letztem Jahr im Vorstand der Freischreiber. Wie geht’s den Freien in Deutschland?

Leicht haben wir Freien es nicht. Viele von uns kämpfen mit stagnierenden Honoraren trotz Inflation oder damit, dass langjährige Auftraggeber:innen wegbrechen. Aktuell hören wir auch immer wieder, dass Redaktionen freie Journalist:innen ghosten, das kann echt zermürben. Aber von unseren Mitgliedern kommen auch viele tolle Neuigkeiten: Sie erhalten Stipendien oder Buchpreise, arbeiten an großen Recherchen mit oder freuen sich einfach über eine wertschätzende und fair bezahlte Zusammenarbeit mit Redaktionen. Und jetzt, wo der Frühling kommt, sind die Vorteile des selbstbestimmten Arbeitens besonders spürbar: Bei schönem Wetter kann man auch mal mitten am Tag den Laptop zuklappen und sich in die Sonne setzen.

Welche Redaktion ist toll in der Zusammenarbeit? Welche eher weniger?

Namen möchte ich da lieber nicht nennen. Aber grundsätzlich bedeutet eine tolle Zusammenarbeit faire Bezahlung, Kommunikation auf Augenhöhe, gerne auch mal ein Lob, wenn es gut läuft. Frustrierend ist die Zusammenarbeit mit Redaktionen, die lächerliche Honorare für aufwendige Recherchen anbieten, unsere Arbeit unbegrenzt exklusiv nutzen wollen oder erst auf mehrfache Nachfrage bzw. gar nicht antworten.

Dein Tipp für freie Journalist:innen, um gut arbeiten und leben zu können?

Texte mehrfachverwerten, Radio und Print parallel machen, sich auf einen Schwerpunkt spezialisieren. In meinem Webinar „Starterpaket Freier Journalismus“ habe ich einige Tipps gebündelt. Ganz wichtig ist an den Wert der eigenen Arbeit zu glauben. Auch wenn erfolglose Pitches den Selbstwert schon mal drücken können: Wir sind keine Bittsteller:innen, sondern Profis auf unserem Gebiet, die einen enormen Teil zur medialen Öffentlichkeit beitragen. Mit diesem Selbstverständnis ist es einfacher, neue Redaktionen anzusprechen und selbstbewusst Honorare zu verhandeln. Ich empfehle da, immer wieder aus der Komfortzone rauszukommen. Auch wenn es eine Überwindung ist: überlege dir, was du für ein Honorar möchtest und kommuniziere das dann klar der Redaktion – statt zu fragen: „Was würdet ihr denn dafür bezahlen?“ Damit das klappt, muss man ungefähr wissen, was bestimmte Medien in der Regel zahlen. Dafür ist es wichtig, dass wir uns als Freie untereinander über Honorare austauschen. Daran schließt sich auch gleich mein wichtigster Tipp an: Netzwerke mit anderen Freien bilden.

Was ist der Vorteil einer Mitgliedschaft bei den Freischreibern?

Genau das: Vernetzung. Ich glaube nicht, dass ich es geschafft hätte, so lange freiberuflich zu arbeiten, ohne andere Freie nach Kontakten zu Redaktionen, Honorarerfahrungen oder Steuer-Tipps fragen zu können. Im Freischreiber Vereinsheim auf Slack sind fast 600 Kolleg:innen aktiv und es hilft einem fast immer jemand weiter. Manchmal feiern wir dort auch einfach unsere Erfolge oder zeigen uns solidarisch, wenn jemand von einer Redaktion schlecht behandelt wurde. Außerdem haben unsere Mitglieder Zugang zu einer Rechtsberatung und vielen kostenlosen oder günstigen Weiterbildungen.

Ein Recherchetrick?

Ganz wichtig bei Interviews: Frage stellen und dann die Klappe halten. Viele, auch ich selbst, haben das Bedürfnis, den Interviewpartner:innen noch klarer zu machen, worauf sie hinauswollen und was genau mit einer Frage gemeint ist. Aber ein gutes Interview lebt davon, dass wir unsere Fragen gut vorbereiten und uns trauen, sie dann auch so stehen zu lassen.

Ein Schreibtrick?

Wenn ich mich nicht überwinden kann, mit einem Text anzufangen, setze ich mir immer ganz kleine Ziele. Ich sage mir: Du musst heute nur die ersten zwei Absätze schreiben, dann kannst du Feierabend machen. Meistens komme ich dann doch in den Flow und schreibe mehr. Und wenn nicht, steht zumindest schon etwas da, woran ich am nächsten Tag anknüpfen kann.

Auf welchen deiner Texte bist du heute stolz?

Das ist weniger ein Text als eine Recherche-Phase, aus der viele Texte entstanden sind. 2020 bis 2022 verbrachte ich mehr als 100 Tage am Oberlandesgericht Koblenz beim weltweit ersten Prozess zu den Verbrechen des Assad-Regimes in Syrien. Ich schrieb alles auf dem Laptop mit und habe ein fast wörtliches Protokoll dieser historischen Verhandlung. Einen Großteil meines Wissens über das Völkerstrafrecht verdanke ich dieser Zeit, genauso wie ganz viele Kontakte zu tollen Menschen aus der syrischen Zivilgesellschaft.

Gutes Redigieren heißt für dich?

Ich bin immer dankbar für Redakteur:innen, die nicht nur Wörter oder Sätze überarbeiten, sondern die Struktur meiner Texte optimieren – ohne dass dabei mein persönlicher Stil verloren geht.

Welchen Text einer anderen Autor:in hättest du gern selbst geschrieben?

Da gibt es viele, vor allem aus englischsprachigen Medien. Besonders beeindruckt hat mich eine Folge des Podcasts This American Life. Darin geht es um das Orchester der Broadway-Show „Das Phantom der Oper“. Über Jahre hinweg spielen die Musiker:innen jeden einzelnen Abend genau die gleichen Stücke. Der Journalist Jay Caspian Kang schafft es, diese skurrile Monotonie darzustellen, ohne sich in irgendeiner Weise über die Protagonist:innen lustig zu machen. Ich bewundere es, wenn Journalist:innen Geschichten sehen, wo auf den ersten Blick keine sind.

Geheimtipp, der jeden Text besser macht?

Nicht so geheim, aber ein Tipp: Umständliche Sätze vereinfachen und überflüssige Wörter streichen.

Ein Buch, das dich journalistisch geprägt hat (und warum)?

Es wird ja viel darüber gestritten, wie journalistisch „In Cold Blood“ von Truman Capote wirklich ist. Ich fand es jedenfalls inspirierend, das Buch zu lesen, während ich selbst viel aus dem Gericht berichtet habe. Es zeigt, wie viele besondere Details wir als Journalist:innen aus Gerichtsprozessen ziehen können, die sich mit teilweise einschläfernder Sorgfalt jedem winzigen Aspekt eines Geschehens widmen. Filtert man die richtigen Informationen heraus, kann man daraus tolle Geschichten bauen.

Dein Lieblings-Buch aus dem Bereich des erzählerischen Journalismus?

Gerade habe ich „A Day in the Life of Abed Salama” von Nathan Thrall gelesen. Er schafft es, anhand eines Busunglücks die gesamte Geschichte des Nahostkonflikts aufzuspannen und dabei die Perspektiven Dutzender Protagonist:innen einzuflechten. Für diese Leistung hat er zurecht den Pulitzer-Preis gewonnen.


Neue Kurse der Reporterfabrik

Die Pressefreiheit in Trumps Amerika, Rene Pfister, Kerstin Kohlenberg, Andreas Ross, Workshop 228 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Falschbehauptungen, Beschimpfungen und Druck auf unabhängigen Journalismus: Unter Trump haben sich die USA verändert – auch für Journalist:innen aus dem In- und Ausland. Wie Berichterstattung zwischen Aufregung und Analyse gelingt, ohne Populismus zu normalisieren, darüber sprechen Kerstin Kohlenberg, René Pfister und Andreas Ross in diesem Workshop.

Wenn Reporter Romane schreiben, Philipp Oehmke, Simone Buchholz, Cordt Schnibben, Workshop 391 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Vom Journalismus zur Fiktion: Wer einen Roman schreiben will, muss vieles neu lernen. In diesem Workshop sprechen Philipp Oehmke, Simone Buchholz und Cordt Schnibben darüber, was ihnen beim Wechsel zum fiktionalen Schreiben geholfen hat – von der ersten Idee bis zur Überarbeitung des Textes.

Hi!&Nun? – Gilda Sahebi vs. Jan Fleischhauer, Gilda Sahebi, Jan Fleischhauer, moderiert von Cordt Schnibben, Workshop 461 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Debatten in Deutschland bleiben oft in Blasen stecken. Bei „Hi!&Nun?“ treffen deshalb zwei Stimmen mit gegensätzlichen Perspektiven fast unmoderiert aufeinander. In dieser Folge diskutieren Gilda Sahebi und Jan Fleischhauer über Polarisierung, Medien und die Frage, ob Verständigung über Lagergrenzen hinweg noch möglich ist.