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Mann auf Balkon

Ich wache auf, und Politik ist ein Theater der Grausamkeit. Ich setze die Mokkakanne auf den Herd, und Regierung versteht sich als Ausübung von Herrschaft, die sich ihrer Macht durch Brutalität vergewissert.

Meine Mutter ist noch immer tot, und ich bin zum letzten Mal in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ich verteile Schlüssel. Einen bekommt der Makler. Einen bekommt der Mann von der Entrümplungsfirma. Einen Schlüssel behalte ich. Einen hat mein Bruder.

Als der Makler und der Entrümpler weg sind, gehe ich durch alle Zimmer und sehe nach, ob ich noch etwas mitnehmen möchte. Beim letzten Mal habe ich hinter dem Haus einen Kriechenden Günsel ausgegraben, der wild im Rasen wuchs, und ihn in Berlin in einen Problemkübel auf dem Balkon gesetzt. Dort breitet er sich jetzt aus.

Außerdem habe ich ein paar Samenkapseln von der verblühten Akelei abgezwickt, die am Haus an der Sonne wuchs, und sie in Berlin auf der Fensterbank nachreifen lassen. Dann habe ich sie auf dem Balkon an allen möglichen Orten in die Erde gesteckt, und im Topf mit der Japanischen Wollmispel sprießt jetzt etwas.

Ich weiß nicht mehr, wo gerade keine Kriegsverbrechen begangen werden. Ich sehe zu, wie überall neue Wege gefunden werden, Schwächere für ihre Schwäche zu bestrafen. Aber diesmal finde ich im Haus nichts mehr, das mich selbst vor Strafe schützen könnte, kein Erinnerungsstück mehr an eine geschütztere Zeit, aus dem ich mir einen Abwehrzauber bauen kann.

Der Schutz, den meine Eltern mir bieten konnten, war, dass sie Hitler und den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Dass sie verstanden hatten, was geschehen war. Dass sie ihre Täter-, Opfer- und Mitläufer-Traumata an mich weiterreichten, mich mit ihnen zwangsernährten. Dass sie mir aber gleichzeitig die Bundesrepublik das System erklären konnten als, das verhindern würde, dass es wieder geschah. Dass es mir geschehen würde

Jetzt tue ich, was meine Eltern früher immer gemacht haben: Ich sehe nach, ob alle Fenster zu sind, alle Lampen aus. Ich schließe die Haustür ab. Ich gehe die Auffahrt hinunter. Ich schließe die morsche Jägerzaunpforte von 1962 hinter mir.

Als ich vor der Ligusterhecke stehe, schieße ich ein letztes Handyfoto.

Fassade eines Rotklinker-Einfamilienhaus mit Spitzdach hinter einer Hecke; die Sonne ist hinter dem Dachfirst untergegangen und blendet.

In diesem Haus habe ich 17 Jahre lang mit den Ängsten meiner Eltern gelebt, im Schutz ihrer Ängste, 44 Jahre lang war ich dann bei ihren Ängsten nur noch zu Besuch. Und heute haben diese Ängste endlich in der Wirklichkeit einen Grund. Jetzt lebe ich ihre Ängste endlich nicht mehr nur nach. Jetzt erlebe ich, wie in der „freien Welt“ die Entfesselung politischer Gewaltfantasien so weit geht, dass auch michdavon bedroht fühle, das blonde blauäugige Kind, das kein Kind mehr ist. Und jetzt habe ich endlich zu Recht selber Angst. Meine Eltern sind gescheitert, könnte man sagen, in ihrem Versuch, mich zu schützen, und Deutschland ist an ihnen gescheitert.

Ich versuche, wieder nach Berlin zu kommen, und strande an jedem Umsteigebahnhof auf unbestimmte Zeit. Es gibt keine Ansagen, keine Struktur, es wird kein Stabilitätsversprechen mehr gehalten. In Berlin versucht der Politikbetrieb mich daran zu gewöhnen, dass hohe politische Ämter von hochstaplerischen Figuren besetzt werden dürfen, die selbst in einem Roman von Heinrich Mann übertrieben wirken würden. Wenn sie scheitern, reicht man ihnen ein gigantisches Megafon und Raum und Zeit zur Selbstverkitschung; Strafverfolgung müssen sie nicht fürchten. Man hält die Hochstapler für systemrelevant.

Zu Weihnachten wurde in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, die Spielzeugeisenbahn aufgebaut. Dicke Pfosten wurden aus dem Keller geholt. Mein Vater war wütend, weil er Vater sein musste, und seine Wut entlud sich an den Pfosten, an der Spielzeugeisenbahn und an uns. Aber die Eisenbahn wurde aufgebaut, eine dicke Platte auf den dicken Pfosten, pelziger Kunstrasen auf den künstlichen Hügeln, die nie ganz fertig wurden. Eine deutsche Fallerhäuschen-Ordnung unter kleinen Tannen, und der Zug war pünktlich.

Das war die gute alte Zeit, als das Kind Kind war. Sie war unerträglich, mit kleinen Ausflügen ins Glück. Aber in dieser ganzen Unerträglichkeit war ich – als weißes blondes Kind aus einer deutschen Kleinfamilie, in einer deutschen Einfamilienhaussiedlung, einer maßstabsgetreuen Vergrößerung der Fallerhäuschen-Siedlung zwischen den Spielzeugschienen – geschützt. Durch die Zaubersprüche meiner multitraumatisierten Eltern, durch ihren Beschluss, dass das System funktionierte und uns schützen würde.

In einem Schrank in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich unbelichtete alte Filme gefunden, die im Jahr 2009 abgelaufen sind. Einen davon habe ich in eine alte Kamera gesteckt, die ich auf kleinanzeigen.de gefunden habe und die gebaut worden ist, als ich fünf Jahre alt war, 1969. Ich habe den Film eingelegt und in Berlin verknipst, Fuji Superia Color. Die Bilder sind seltsam geworden, und die meisten haben einen schwarzen Balken, weil ich etwas ganz zum Schluss etwas vergeigt habe. Ich finde sie schöner als die meisten Bilder, die ich mit meinem Smartphone mache.

Ein Blattkaktus und eine Euphorbie im Sonnenlicht vor einer schmutzigen Fensterscheibe.Helle Sonne, Blick auf eine Mauer mit Wandgemälde hinter Blattwerk.Sommerzwielicht, die Friedrichsbrücke auf dem Weg zur Museumsinsel, in der Ferne ein Pärchen, verwackelt.Landsberger Allee, Tramhaltestelle vor dem SEZ am Friedrichshain, eine Tram fährt ein; blass.

In der Stadt, wo das Haus steht, in dem ich aufgewachsen bin, hat eine alte Freundin ein großes, schönes Spektakel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) inszeniert, in einer Kirche, in der ich neulich eine Rede gehalten habe. Es war himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, es wurde jongliert, es wurden Barockarien gesungen. Und es gab Texte von mir, die ich für den Abend geschrieben habe, weil diese Freundin meinen Newsletter mag. Hier sind die Texte:

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1

Vor dem Weltuntergang spielen Kinder unter Bäumen Verstecken. Aber den Kindern macht das laute Zählen viel mehr Spaß als das Verstecken, und deshalb rufen alle Kinder in einem fort „eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, komme!“, und keines versteckt sich.

Vor dem Weltuntergang schnuppert ein großer nasser Hund an einem Mann auf einer Bank am Kanal. Dann kommt sein Herrchen. Ein massiger, durchtrainierter, kahlköpfiger Mann. Sein Gang ist auf furchterregende Weise entschlossen. Er ruft etwas in das Headset seines Handys: „Führungskräfte in der Vorverrentung!“ Zwei mal. „Führungskräfte in der Vorverrentung!“ Dann verschwindet er um die Ecke.

Und der Mann auf der Bank am Kanal denkt darüber nach, was das für eine Welt ist, die jetzt untergeht und in der es „Führungskräfte“ gibt. Und in der diese Führungskräfte einen Zustand der „Vorverrentung“ erlangen können. Das ist ein Ordnungssystem, das er nicht versteht und das für ihn keinen Sinn ergibt.

Der Mann findet es sehr traurig, dass die Welt untergeht, bevor er sie verstanden hat.

Und die Kinder rufen immer noch ganz laut „eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, komme!“, alle durcheinander, und als der Weltuntergang kommt, haben sie vergessen, sich zu verstecken.

2

Vor dem Weltuntergang kommt der Mann auf seinen Balkon und klaubt die Blattläuse einzeln aus dem Johanniskraut, das die Knospen hängen lässt. In den Wurzeln der Kugeldistel ist ein Ameisenbau, und die Ameisen melken die Blattläuse. Deshalb kann er die Blattläuse leicht finden: Sie sind da, wo die Ameisen sind.

Bevor der Mann die Blattläuse zwischen den Fingern zerreibt, entschuldigt er sich bei ihnen. „Ich würde euch gern am Leben lassen“, sagt er, „aber das Johanniskraut hat im Winter sehr gelitten und ist sehr schwach. Ich kann euch leider nicht weiterfressen lassen.“

3

Vor dem Weltuntergang landet die Taube im Blumentopf, weil die Balkonbrüstung aus Eisen ist und in der Sonne zu heiß wird. Die Taube sieht den Mann lange unruhig an, dann wagt sie sich an die Vogeltränke und trinkt.

Dann sieht sie den Mann wieder an und ruckelt dabei mit dem Kopf. „Die Blattläuse lassen dir ausrichten, dass sie dir vergeben“, sagt sie.

„Das ist sehr großzügig von ihnen“, sagt der Mann.

„Es ist einfacher so“, sagt die Taube. „Wir Tiere denken da ganz praktisch.“

4

Vor dem Weltuntergang kommen die Spatzen nachmittags auf den Balkon und reißen sich Blätter aus dem Lavendelstrauch. Sie fliegen mit einem ganzen Büschel Lavendelblätter im Schnabel davon und bauen sie in ihre Nester ein.

Der Mann und die Taube sehen ihnen dabei zu.

5

Vor dem Weltuntergang sitzt der Mann auf dem Balkon und fragt die Taube: „Wenn jetzt alles untergeht, was ist dann mit allem, was wir erreicht haben, unseren Kämpfen und Siegen, den herrlichen großen Städten, den Weltwundern, die wir geschaffen haben?“

Die Taube sagt: „Eure Weltwunder waren für uns ein guter Ort, uns nach einem langen Flug kurz auszuruhen. Das wäre von Anfang an alles nicht nötig gewesen. Aber uns ist das völlig egal. Es war uns schon immer völlig egal. Es hätte euch auch egal sein können.“

6

Vor dem Weltuntergang sagt der Balkon zum Mann: „Du hast so viel Natur hier aufgebaut, soviel Erde in Töpfe gesteckt, so viel aus den Töpfen herauswuchern lassen und so viele Tiere angelockt, dass wir jetzt eine Maschine geworden sind, die dich verschlingen kann.“

Die Taube kichert und nickt.

„Ich glaube nicht, dass ich verschlungen werden möchte“, sagt der Mann.

„Aber wir verschlingen dich nicht nur“, sagt der Balkon, „wir verdauen dich auch und verwandeln dich in etwas Neues. Das ist doch schön!“

„Das möchte ich trotzdem nicht“, sagt der Mann

„Die Blattläuse waren viel großzügiger“, sagt die Taube. „Sie haben sich von dir zerreiben lassen und haben dir vergeben.“ Sie klingt enttäuscht.

„Vergibst du uns, wenn wir Dich verschlingen?“, fragt der Balkon.

„Ich glaube, ich bin noch nicht bereit, zu vergeben“, sagt der Mann. „Ich will noch nicht sterben.“

„Schade“, sagt der Balkon. „Ist aber leider nicht deine Entscheidung.“

7

„Vergebung wäre einfacher gewesen“, sagt die Taube und fliegt davon, weil sie nicht mit ansehen möchte, wie jetzt alles auf dem Balkon – die Töpfe, die Erde, die Würmer und Hundertfüßler in der Erde, die Stängel und Blüten der Pflanzen, die Spinnen in ihren Netzen zwischen den Blättern, die Schaumzikaden in ihren Schaumkokons, die Dielen und die Schnecken, die unter den Dielen leben, sich um den Mann schließt, ihn in sich aufnimmt und verdaut und in etwas Neues verwandelt.

„Darf ich noch letzte Worte sagen?“, fragt der Mann

8

Vor dem Weltuntergang schließt der Balkon sich um den Mann, und der Mann spricht seine letzten Worte: „Ist das jetzt der Weltuntergang?“ Und alles lacht. „Natürlich nicht.“

Die Spatzen kommen, mit büschelweise Lavendelblättern in den Schnäbeln, und lassen sie ihm auf den Kopf fallen.

Dann ist er weg.

Und das ist natürlich schrecklich. Aber auch schön.

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Danke fürs Lesen, danke fürs Abonnieren oder Mitgliedschaft Abschließen, wenn das Geld reicht! Übrigens bin ich der Meinung, dass wir das Patriarchat nicht mehr füttern dürfen, bis es verhungert ist.

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