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Der Tag von Platzregen und Giraffe

Dies ist eine wirre Geschichte, aber warum nicht? Ich bin gestern an der Legogiraffe vom Potsdamer Platz vorbeigekommen, nach einem Platzregen. Ich war auf dem Weg zur Eröffnung einer Ausstellung in einer Kirche, deren Pfarrer einmal Dietrich Bonhoeffer war, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs auf persönlichen Wunsch Adolf Hitlers ermordet worden ist, und die Legogiraffe, gleich hinter der Filiale einer Hamburger-Kette, hatte ich noch nie gesehen. Ich habe ein Foto von ihr gemacht:

Eine riesige Legogiraffe vor einer geschwungenen, spiegelverglasten Hochhausfassade vor bewölktem Abendhimmel.

Der Tag vor Platzregen und Giraffe war so gewesen, dass in den USA ein rechtsradikaler Hassprediger erschossen worden war und nun von deutschen Medien als legitimer Teilnehmer am demokratischen Diskurs dargestellt wurde. Ich war wütend und sah aus dem Fenster, und da ging ein ganz in Weiß gekleideter alter Herr über die Straße, mit wallender weißer Lockenmähne, wie ein Gespenst. Das war Rainer Langhans, und jetzt wurde es mir zu viel: Zeichen, die nicht zusammengehörten, Zeiten, die aufeinanderkrachten, zu wirres Flirren von Bedeutungsfebenen: der Herr aus der Kommune I, den BILD „das männliche Gesicht der 68er-Bewegung“ nannte, der tote Einpeitscher aus dem mörderischen Trump-Zirkus, die deutschen Medien, die ihn nicht uncool finden wollten, später dann auch noch der Platzregen und auf dem Weg zu Bonhoeffer und der Kunst die Giraffe.

Als ich fast auf den Stufen zur Kirche mit der Ausstellung war, kam Claudia Roth heraus, weitere Bedeutungsebenen wie eine Schleppe hinter sich herschleifend: Sie war einmal die Managerin von Rio Reiser gewesen, der „Keine Macht für niemand“ sang, und als Kulturstaatsministerin hatte sie dann anlässlich der 15. Documenta die Staatsräson als Waffe gegen die Kunstfreiheit ausprobiert. Sie hat also große Bedeutungsknoten zu verantworten. Drinnen war mein Lieblingskunstwerk ein meterlanger pelziger Kuscheltierschwanz, der sich aus einer Kabeltrommel entrollte.

Ich setzte mich eine Weile ins erstaunlich bequeme Kirchengestühl, prüfte auf dem Handy das Ausmaß der liberalen Begeisterung für den ermordeten Rechtsradikalen (immer noch groß), und als ich kurz aufblickte, saß in der Reihe vor mir eine Frau und sah mich sehr streng an.

Ich dachte, das kann ja mal passieren, mir verrutscht auch manchmal die Mimik, nickte kurz und scrollte weiter. Als ich wieder aufblickte, sah sie mich immer noch an, noch immer sehr streng, und sagte: „Sie sind ja Künstler!“

Ich fühlte mich damit nicht richtig beschrieben und sagte „Nicht wirklich“, was immer Wirklichkeit sein mochte, in diesem Kontext oder überhaupt, und sie sagte: „Aber im erweiterten Sinne“, und das ließ ich so stehen.

Jetzt sagte die Frau, sehr streng, fast böse: „Was glauben Sie, wie viele von den Menschen hier verhalten sich, wie man sich normal verhält?“

Ich dachte nach und wollte ihr gerade erklären, dass ich nicht an „normales Verhalten“ glaubte, eigentlich nicht einmal an Normalität, und dass Menschen meiner Meinung nach immer versuchten, sich situationsgerecht zu verhalten, in der Öffentlichkeit also anders als zuhause in der Küche, aber mein Grübeln dauerte ihr zu lange, und sie sagte: „Auf Social Media werden ja Vorschriften erlassen, wie man sich verhalten muss, und denen gehorchen diese Leute dann!“

Den Gedanken fand ich wieder schwierig, weil ich mir Social Media nicht als einheitliche Instanz vorstellen konnte, die Vorschriften erließ, und Menschen auch vor dem Internet schon mit Verhaltensnormen bombardiert worden waren, an die sie sich gehalten haben oder auch nicht.

Ich grübelte wieder zu lange, und die Frau, die mich nicht kannte, sagte jetzt: „Sie kennen ja mindestens achtzig Prozent der Leute hier!“ Von den vielleicht hundert Menschen im Kirchenschiff kannte ich vielleicht sieben, und zweien davon wollte ich auf keinen Fall begegnen.

Jetzt hatte die Frau meine Hilflosigkeit satt, stand mit einem Ruck auf und sagte: „Die meisten Menschen hier finde ich eigentlich sehr sympathisch!“ Sie schleuderte den Satz heraus wie einen Fluch. Dann nahm sie ihre Handtasche und ging.

Ich verstand das so: Die Frau wollte gemocht werden, aber sie wusste nicht, wie sie das anstellen sollte. Und dann übersetzte sie ihre eigene Hilflosigkeit in Aggression. Sie brachte eine gewisse Mitleidlosigkeit mit und merkte nicht, dass sich alle Anwesenden in einer anstrengenden sozialen Situation befanden, die sie irgendwie hinter sich bringen mussten. Ich kannte so ein Verhalten von mir selbst und hatte viel Mitgefühl mit dieser Frau.

Aber mein Problem war ihre Handtasche und die Tatsache, dass sie groß genug für eine Pistole war.

Ich saß neben dem Gespenst des Theologen Bonhoeffer, der Widerstand gegen die Nazis geleistet hatte und von ihnen auf sadistische Weise aufgehängt worden war. In meinem Handy sammelte sich der Hass Rechtsradikaler, die in den USA nach dem Mord an ihrem Helden zu Pogromen gegen Linke aufriefen. Und nach dem Besuch von Claudia Roth hing noch immer Staatsräson in der Luft, als bürokratische Rechtfertigung, massenmörderische Kriegsverbrechen in Gaza aktiv zu unterstützen.

So viel Tod, Mord und Blut. Und dazu noch so viele Drohnen über Polen, die versuchten, ganz unschuldig auszusehen. Mein Problem waren die Wirrnis der einander überschneidenden Sinn-, Bedeutungs- und Ereignisebenen, mit einer Leere dazwischen, in der auch Platz genug für Gewalt aus einer Handtasche wäre. Ich hatte Angst, plötzlich in eine Valerie-Solanas-Andy-Warhol-Situation zu geraten – nicht unbedingt mit mir selbst als Warhol, aber es waren ja bedeutendere Menschen im Raum als ich.

Hier zum Beispiel ein Foto von Dietrich Bonhoeffer, Bundesarchiv, Bild 146-1987-074-16 / CC-BY-SA 3.0:

Dietrich Bonnhoeffer, schwarzweiß, Anzug, Krawatte, Zigarette, blickt nach links im Gespräch.

In der Kirche wurde an diesem Tag nicht geschossen. Was habe ich dabei über mich gelernt? Dass ich nicht mehr glaube, einfach davon ausgehen zu können, dass ein so vom Leben enttäuschter und mit Wut aufgeladener Mensch, wie ich ihm begegnet war, keine Waffe in der Handtasche hat. Und dass ich mich lieber an den meterlangen Kuscheltierschwanz und die Legogiraffe halte. Dass ich also der Wirklichkeit nicht mehr traue, dem Surrealismus aber schon, weil er mir Kraft gibt für meine Weigerung, die Waffen von Attentäter*innen für real zu halten: große Liebe für den Surrealismus, aus Selbstschutz!

Und er ist überall, der Surrealismus. Was kann die Einweihung eines neuen Autobahnabschnitts in Berlin, der ein komplettes Verkehrschaos erzeugt, anderes sein als eine surrealistische Intervention? Kann ich die fleischfressenden, schmatzenden Auftritte eines Markus Söder in ihrer patzigen Wirklichkeitsverweigerung noch ertragen, wenn ich sie nicht für Dada halte? Und die Erklärungen einer Bundestagspräsidentin, bei der man Angst haben muss, dass sie morgen weiblichen Abgeordneten das Tragen von Hosen verbietet – was könnten sie anderes sein als eine Literatur des Absurden?

Während ich dies schreibe, liegt vor mir auf dem Boden ein schwarzes Ding, das aussieht wie ein gigantischer verkohlter Dumpling. Das ist eine schwarze Stofftasche, und in der Tasche ist Kunst. Meine Partnerin, Elisa Duca, ist nämlich wirklich Künstlerin und hat gerade mit großen aufblasbaren Objekten die IFA bespielt, die früher „Internationale Funkausstellung“ hieß und heute „Innovation For All“ heißt.

Das Objekt, das jetzt vor mir in der Tasche liegt, war frisch genäht worden und sollte kurz vor Beginn der Messe geliefert werden. Dann kam die Nachricht, es sei leider aus Versehen nach Schweden geschickt worden. Und dann ist eine Frau von der Herstellerfirma nach Schweden geflogen, hat es wieder eingesammelt und ist damit nach Berlin geflogen, im allerletzten Augenblick.

Ich verstehe dieses Objekt nicht, und deshalb mag ich es so sehr. Hier ist ein Foto davon, so wie es auf der IFA ausgestellt war:

Ein aufgeblasenes, blau-violett-gelb changierendes Objekt auf einem silbrigen Podest in einem Teich, hinter den Sonnenschirmen eines Cafés, vor einer hohen Glasfassade, die nach Fünfzigerjahren aussieht.

Ich weiß nicht, was es darstellen soll, und das liegt auch daran, dass es gar nichts darstellen will. Seine Ungreifbarkeit kommt auch daher, dass die Künstlerin den Prozess der Formgebung mit KI verwirrt hat. Es gibt eine besondere Art Schönheit, die man nicht zu fassen bekommt, die man nicht festnageln kann. Man kann also frei assoziieren. Dieses im letzten Augenblick aus Schweden eingeflogene Ding hat für mich diese Schönheit.

Die Fassade, vor der das Objekt auf dem Messegelände stand, in einem Teich mit Springbrunnen, ist architektonisch apart und stammt aus einer untergegangenen Zeit. Jeden Augenblick hätten Peter Kraus und Conni Froboess auf die Terrasse springen und singen und tanzen können. Das wäre absurd gewesen, sie sind jetzt beide über achtzig, aber ich habe trotzdem nicht verstanden, warum sie nicht gekommen sind. Vielleicht waren sie ja in Schweden.

Jedenfalls passt nichts mehr zusammen, tat es wahrscheinlich noch nie, aber alles wird nebeneinander gepackt, überall lauern Gespenster, und wir müssen es ertragen. Dies ist eine wirre Geschichte, und meine Frage lautet: Wie können wir miteinander und mit den Gespenstern leben, ohne sie zu erschießen, ohne von ihnen erschossen zu werden und ohne einander zu erschießen?

In dem Augenblick, als ich meine absurde Rainer-Langhans-Sichtung auf der Straße aufgeschrieben hatte, hat es über mir im noch immer gottlosen Himmel geblitzt und gedonnert, ich schwöre, so war es! Wieder ein Zeichen, wieder ohne Bedeutung.

Bitte nicht schießen! Bitte Unsicherheit aushalten!

Die oben beschriebene Ausstellung in der Berliner St. Matthäus-Kirche hat den Titel „Lichtaus Lichtan“, und Anna-Catharina Gebbers hat sie kuratiert. Der Kuscheltierschwanz ist eine Arbeit der Künstlerin Nicole Wermers.

Danke fürs Lesen, danke fürs gratis Abonnieren, danke fürs Bezahlmitgliedschaft abschließen, wenn das Geld reicht. Übrigens bin ich diesmal, in einer Folge des Newsletters, in der nicht geschossen werden soll, nicht dafür, dass das Patriarchat zerstört wird. Ich bin dafür, dass man es nicht mehr füttert und es sterben lässt.

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