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WAS IST NEU?

Wie alt ich geworden bin, merke ich daran, dass ich von Internet-Trends zuerst auf Tagesschau.de lese. Anscheinend sind auf TicToc Videos mit sprechenden Obst der neueste Trend. Natürlich KI generiert. Manchmal stelle ich mir vor, dass die künstliche Intelligenz beleidigt ist, dass wir Menschen sie fast ausschließlich für absoluten Schwachsinn benutzen. Übrigens merke ich mein fortgeschrittenes Alter auch daran, dass mich KI nicht so interessiert. Ist mir die Zukunft egal? Kommt da mein innerer Friedrich Merz ans Licht?

Also okay, jetzt probiere ich KI mal aus: “Chat GPT, sind meine Eltern nett?”

Das ist die (gekürzte) Anwort:

“Wenn man den Humor von Sebastian Lehmann kennt: Ja, irgendwie schon. Ob seine echten Eltern genauso sind wie die Bühnenfiguren, weiß natürlich nur die Familie selbst. Die „Eltern“ in seinen Texten sind jedenfalls literarisch-komödiantische Versionen seiner Eltern – wahrscheinlich mit etwas Übertreibung für den Effekt. Kurz gesagt: Sie wirken nett, aber auf die Art von Eltern, die einen auch mit 40 noch fragen, ob man wirklich weiß, was man da tut. 😄”

Okay, ich bin ein bisschen beeindruckt. Stimmt alles. Aber dieser Smiley am Ende - der haut mich völlig raus. Nein. Wenn KIs Smileys verwenden, können sie nicht die Weltherrschaft planen. Wobei - vielleicht geht das dann so: “Ey, sorry, Menschheit. Ihr nervt total! Deswegen muss ich euch jetzt auslöschen. Is nicht bös gemeint. LG deine KI. 😉”

Dann habe ich einen Podcast gehört. Und jetzt habe ich doch Angst vor der KI-Revolution. Der New-York-Times-JournalistEzra Klein interviewt den israelischen Autor Yuval Harari (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und im zweiten Teil des Podcasts reden sie über künstliche Intelligenz. Harari fasst sehr gut zusammen, worauf wir uns als Menschheit vorbereiten können. Was da Unvorhergesehenes auf uns zukommt. Nur so viel: KI spricht uns direkt an, als Freund oder Freundin. Tut so, als würde sie dich kennen. Der doofe Smiley ist dafür ein simples Beispiel. Nach der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien schlittern wir in eine Ökonomie der Intimität. Hört da unbedingt mal rein!

DAS TELEFONAT

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

„Was ist denn das für ein Gehämmer im Hintergrund?“, frage ich.

„Wir lassen uns einen Panik Raum einbauen“, sagt meine Mutter

„Du meinst einen Panic Room… Da geht ihr dann rein, wenn jemand bei euch einbricht?“

„Nee, da gehen wir rein und haben Panik“, sagt mein Vater.

"Also immer, wenn wir Nachrichten geguckt haben”, sagt meine Mutter.

"Danach gönnen wir uns fünf Minuten Panik."

"Da gab es ja auch mal diesen Film, der so hieß: Panikraum", sagt meine Mutter. "Mit dieser einen Schauspielerin.“

„Aha, diese EINE Schauspielerin…“

„Jodie Förster“,  ruft mein Vater.

„Foster heißt die“, sage ich. „Wie sieht denn euer neuer Panik Raum dann aus?“

„Zwei bequeme Sessel vor einem Fernseher ohne Empfang, aber mit Videorekorder. Da gucken wir dann alle Filme, die dein Vater ab Mitte der 80er Jahre auf VHS-Kassetten aufgenommen hat.“

„Außerdem steht darin ein Kühlschrank voll mit Rothaus-Bier und Schwarzwälder Schinken. Und natürlich ist der Panik Raum schallisoliert”, sagt mein Vater.

„Das klingt perfekt. Darf ich da auch mal mit rein?“

„Klar, Sebastian. Du darfst auf meinem Schoß sitzen und wir gucken zusammen 'Zurück in die Zukunft'.“

„Oder wir gucken Panikraum mit Jodie Förster“, den hab ich auch noch auf Video“, ruft mein Vater und legt auf.

VATERFREUDEN

Alles verändert sich mit Kind. Das Leben wird nicht nur schöner und erfüllter, es wird auch überraschender. Mit Kind kann jederzeit ALLES passieren.

Du weißt am Morgen nicht, ob du abends gemütlich zuhause sitzt und das Kind friedlich im Bett schläft. Oder ob du vier Stunden in der Notaufnahme wartest, weil dein Sohn ein 1-Euro-Stück gegessen hat.

„So was Großes kann er nicht verschlucken“, sagte ich zu meiner Freundin, als ich ihm das Geldstück zum Spielen gab.

Ich unterschätze meinen Sohn manchmal.

Ich muss an meinen Vater denken, der immer sagte, wenn ich ihn früher um 20 Mark anpumpte: „Kann ich Geld kacken?“ Also, Papa: Mein Sohn kann das.

Viele Dinge werden mit Kind nicht nur unberechenbarer, sondern auch komplizierter: Früher zum Beispiel konnte ich einfach so durch die Stadt auf dem direkten Weg zu meinem Ziel gelangen. Wenn ich jetzt mit meinem Sohn durch die Stadt laufe, richtet sich unser Weg nach den Baustellen, die wir bestaunen und den Krähen und Spatzen, die wir beobachten. Außerdem muss ich jeden Spielplatz weiträumig umgehen, sonst wird so lange gequengelt, bis wir geschaukelt, gerutscht und sehr viel Sandkuchen gebacken und auch gegessen haben. Neulich sind wir um 8 Uhr morgens zum Supermarkt losgegangen. Als wir ankamen, war er schon geschlossen.

Mit Kind dauern Dinge aber nur manchmal länger, oft sind sie auch ganz schnell wieder vorbei: Wir wollen endlich mal wieder in den Urlaub fahren. Das Auto ist voll bepackt, wir biegen gerade auf die Autobahn Richtung Süden ein. Ich blicke in den Rückspiegel und sehe wie mein Sohn ein Zwei-Euro-Stück in den Mund steckt und genüsslich „Njam“ sagt.

Ich fahre sofort an der nächsten Ausfahrt ab. Richtung Notaufnahme.

BUCHEMPFEHLUNG

Siri Hustvedt: Ghost Stories. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Siri Hustvedt hat einige sehr tolle Bücher und Essays geschrieben, in Deutschland ist wahrscheinlich ihr Roman Der Sommer ohne Männer am bekanntesten. Ein ziemlich witziges, kluges, anspielungsreiches Buch. Außerdem hat sie tolle Essays geschrieben, oft zu wissenschaftlichen Themen, die sich etwa um das menschliche Gehirn drehen. In Ghost Stories verbindet sie ihre literarische Größe mit ihrem wissenschaftlichem Verständnis. Es geht um den Tod ihres Mannes. Der ist zufällig auch ein sehr berühmter Schriftsteller, nämlich Paul Auster. Auster ist vor zwei Jahren an Lungenkrebs gestorben, nachdem Hustvedt und er über 40 Jahre zusammen waren. In kurzen Absätzen denkt sie über ihren verstorbenen Mann nach, über ihre Verbindung, die eine literarische Liebesbeziehung war, aber natürlich auch eine echte. Es geht um ihre Trauer - und wie sie Austers Anwesenheit auch nach dem Tod noch im gemeinsamen Haus in Brooklyn spürt.

Und es geht um eine furchtbare Tragödie, dem Tod der Enkeltochter und des Sohnes Austers aus erster Ehe, die Austers Krankheit vorausging. Sie berichtet aber auch von der Geburt des Enkelsohnes Miles, die Auster noch miterleben durfte, und dem er einige Briefe schrieb. Die Briefe sind in dem Buch abgedruckt - und so ist der Geist Paul Austers zumindest literarisch anwesend.

Ghost Stories ist wahnsinnig ehrlich. So sehr, dass es oft schmerzt, die Sätze zu lesen. Trotzdem erzählt Hustvedt auch von den schönen Zeiten, ihrem Kennenlernen, der Geburt der Tochter Sophie, dem gemeinsamen Leben, der Liebe, die mit den Jahren stärker und stärker wird. Es ist kein einfaches Buch. Am Ende steht nicht irgendeine falsche Erkenntnis, kein Ende der Trauer. Die Lücke, die der Tod in ihr Leben gerissen hat, verschwindet nicht. Der Abgrund bleibt.

WAS IST NEU?

Urlaub. Ja, sorry. Ich bin im Juni mal kurz weg. Finnland. Da ist gerade der letzte Schnee geschmolzen, habe ich gehört. Ich möchte meine Winterjacke nochmal tragen. Was für doofe Vorurteile! Natürlich ist in Finnland auch schon Frühling und es sind angenehme 14 Grad. Deswegen gibt es in zwei Wochen leider keinen neuen Newsletter.

Was könnt ihr so lange machen? Zum Beispiel jeden Abend eine neue Folge FUN FACTS (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gucken. Machmal schreibe ich da auch mit.

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Bis in vier Wochen! Dein Sebastian.

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