Zehn Bücher, die Mia dieses Jahr toll fand und eins, dass sie richtig leidenschaftlich gehasst hat.

The Glow | Jessie Gaynor
Handlung: Jane, eine nicht besonders sympathische, neurotische und zutiefst kulturell verunsicherte Protagonistin arbeitet in einer PR-Agentur und ist auf der Suche nach Heilung für ihre innere Leere. Auf insta findet sie ein geheimnisvolles Wellness-Retreat, das von einer ätherischen Schönen geleitet wird, die immerzu Sachen sagt wie: »I choose not to be governed by fear. « Jane fährt hin und erliegt dem Sog der spirituellen Beauty-Selbstoptimierung.
Rating: 💙 💜 ❤️ 🧡 💖 💛
Mein Buch des Jahres. Man kann sich streiten: ist das Satire? Oder ist es dafür zu realistisch? Das Buch ist voller messerscharf beobachteter Analyse der modernen Welt, der neoliberalen Spiri-Selbstoptimierungs-Wellness Kultur, die Leuten verspricht: wenn sie nur mehr Algen essen und eine strikte Morgen- und Skincare-Routine einhalten, müssen sie ENDLICH nicht mehr sie selbst sein.
Die Autorin ist von Haus aus Poetin, und das ist immer ein Gewinn für Romane: Jeder Satz ist sorgfältig gemeißelt.
Für wen ist das?
Für alle Freundinnen von Gruppenmasturbation und allen, die schon mal darüber nachgedacht haben, wie koreanisches Glashaut-Makeup ihr Leben verbessern könnte.
Deutscher Titel: Bisher leider nur auf Englisch (wird aber sicher bald übersetzt).

I’m glad my Mom died | Jennette McCurdy
Handlung: Als Jenette McCurdy sechs ist, beginnt ihre Mutter, hart an ihrer Karriere zu arbeiten: Sie träumt davon, dass ihre Tochter im Showbiz ein Star wird. Es folgen lange Drehtage am Set, Drill und Disziplinierung, und natürlich jede Menge Beauty-Faschismus. McCurdys Mutter misshandelt ihre Tochter auf mehr Arten, als man sich ausdenken kann: Hier kann man sich vorstellen, wie es ist, wenn man mit 16 noch von seiner Mutter geduscht wird oder von ihr in eine Esstörung erpresst wird. Und ein sehr erfolgreicher Teenie-Star wird Jenette dann auch noch.
Rating: 💖 💖 💖 💖 💖
Ich fand es vor allem deswegen toll, weil es voller Einsicht und Witz und Selbstbestimmung von einer traumatisierten, aber doch alles in allem sehr intakten Frau erzählt, die es geschafft hat, nach dem Tod ihrer Mutter nicht nur zu überleben, sondern das komplette Narrativ selbst in die Hand zu nehmen. Und darüber dunkle Witze zu machen.
Plus: Wie geil ist bitte das Cover?
Für wen ist das?
Für alle, denen Britneys Memoir noch nicht genug ist.
Deutscher Titel: Gleicher Titel auf Deutsch (Deutsche Verlage sind wahrscheinlich ein bisschen zu scheu, sich ein Werk »Ich bin froh, dass meine Mutter tot ist« zu nennen.)

My dark Vanessa | Kate Elizabeth Russel
Handlung: Vanessa schläft zum ersten Mal mit ihrem Englischlehrer, als sie 15 ist. Die Beziehung mit Jakob Strane, charismatisch, dunkel und verstörend, deutet sie als Liebe. Und er lässt sie jahrelang nicht los. Jahre später wird sie von einer Frau kontaktiert, die ebenfalls Opfer Stranes geworden ist und Vanessa wird gezwungen, sich mit der Frage zu beschäftigen, was Missbrauch von Liebe unterscheidet.
Rating: 🖤 🖤 🖤 🖤 🖤
Als ich diesen Sommer in ein tiefes, tiefes Lolita-Rabbithole gefallen bin, begegnete mir auch dieser Roman, der immer noch nachwirkt. Hätte Vladimir Nabokovs Figur Dolores Haze — Lolita — überlebt und wäre sie im 21. Jahrhundert aufgewachsen, hätte sie dieses Buch geschrieben. Die einzige Innenansicht in das, was man Grooming nennt und in seine psychischen Mechanismen. Es ist so präzise, so düster und entwickelt einen solchen Sog. Es dreht einem den Magen um.
Für wen ist das?
Wer verstehen will, wie ein Opfer von sexualisierter Gewalt sich ihren Missbrauch als Liebesgeschichte erzählt, um zu überleben. Wer verstehen will, wie Grooming funktioniert, wie das verdammte System Lindemann funktionieren konnte.
Deutscher Titel: Meine dunkle Vanessa

Boy Parts | Eliza Clark
Handlung: Irina ist Künstlerin und liest auf den Straßen ihrer Stadt arglose Durchschnittstypen auf, um sie zu fotografieren. Außerdem ist sie eine kaltblütige, rücksichtslose Psychopathin, die diese jungen, unsicheren Männer sexuell ausbeutet und ihren Schmerz zu Geld macht. Irina wird im Laufe der Geschichte sukzessive so gaga, dass man nicht mehr richtig checkt, was real ist und was sie sich bloß zusammenfantasiert.
Rating: 🖤 🖤 🖤
Die konsequente Umkehrung des Male Gaze ist sehr cool. Man wagt es kaum zu sagen, aber: Wenn man Patriarchats-Burnout hat (und haben wir den nicht alle ein bisschen?) ist es seltsam befriedigend zu lesen, wie eine weibliche Künstlerin Männer so behandelt, wie männliche Künstler immer schon Frauen behandelt haben. (Ja, ihr seid gemeint, Roman Polanski, Stanley Kubrick, Alfred Hitchcock, Bernardo Bertolucci, Lars von Trier, usw usw usw)
Die Autorin erzählt in einem Interview, dass sie im fertigen Text nochmal durchgearbeitet hat und alles, was Irina nett oder freundlich erscheinen ließ (wenn sie zB Bitte oder Danke sagt) konsequent raus gestrichen hat, sodass kein Funken Liebreiz mehr an ihr zu finden ist. Und das ist schon eine sehr interessante Leseerfahrung; eine Frau, die sich so konsequent weigert, gemocht zu werden.
Mein einziges Issue: Der Roman ist aus einer Kurzgeschichte entwickelt worden und man merkt es ihm an: es ist zu lang. Aber: Die Autorin ist beim Schreiben erst 23!!! gewesen, also fckn Cudos, Eliza Clark, noch drei Romane, dann bist du brilliant und ich kaufe auch noch die anderen Sachen, die du in deiner langen Karriere schreiben wirst.
Für wen ist das?
Für alle, die (nicht) froh sind, dass Frauen Gleichstellung wollen und nicht Rache. Für alle, die American Psycho mochten.
Deutscher Titel: noch nicht übersetzt

Cherry | Nico Walker
Handlung: Ein junger Typ aus dem Mittleren Westen verliebt sich unsterblich, weiß aber ansonsten nicht, was er mit seinem Leben anstellen soll und entschließt sich, sich bei der Army zu melden. Er wird als Sanitäter in den Irak geschickt, erlebt dort die geisttötende Sinnlosigkeit des Krieges, holt sich eine PTSD ab, kommt nach Hause und wird heroinabhängig. Zusammen mit seiner großen Liebe, die auf ihn gewartet hat. Oh, und dann findet der Erzähler natürlich auch noch die logische Lösung für die Finanzierungsfrage: Banken ausrauben.
Rating: ❤️🔥🔥❤️🔥🔥
Ich habe dieses Buch zufällig in meiner Bibliothek entdeckt. (Ich liebe es, wie mir Bücher einfach passieren). Ich habe beim Lesen sofort Herzklopfen gekriegt, die Sprache ist so roh, so rhythmisch und ungehobelt, dass ich mich in die Zeiten zurück versetzt gefühlt habe, als ich nächtelang in einem Vierer-Hostel-Zimmer in Barcelona lag und Philippe Djian gelesen habe, statt mit den süßen Kellnern zu knutschen.
Erst als ich auf der Hälfte angekommen war, las ich was über den Autor und erfuhr, dass das Buch ein Memoir ist (!), das er im Knast (!!!) geschrieben hat, wo er wegen der Bankraube 10 Jahre abgesessen hat. Einfach nur Wow.
Für wen ist das?
Für Leute, die Filme mögen, in denen Ryan Gosling romantische Gangster mit makellosem Waschbrettbauch spielt.
Deutscher Titel: gleicher Titel. Und ein Film kommt auch demnächst. Geht alle rein, denn Nico Walker hatte echt hohe Schulden bei den Banken, die er ausgeraubt hat.

Abadon Me | Melissa Febos
Handlung: In diesen Essays (Sie nennt sie »Memoirs«, was ich liebe) verwebt Melissa Febos die Beziehung zu ihrem leiblichen Vater, zu dem sie erst als Erwachsene Kontakt aufnimmt, die Beziehung zu ihrem Stiefvater, dem Seemann, der sie zwar liebt, aber in ihrer Kindheit viel abwesend ist, und einer alles verzehrenden, additiven Beziehung, die sie als Erwachsene hat.
Rating: ich kann das nicht raten, meine Liebe ist zu ernst
Ich finde, dass es niemanden gibt, der so luzide und schonungslos und gleichzeitig so poetisch über die eigenen psychologischen Prozesse schreibt wie Melissa Febos. Ich habe es diesen Sommer noch mal gelesen, weil ich mich mit Liebessucht beschäftige und ich bin so voller Bewunderung darüber, wie man seine eigene Seele so furchtlos sezieren kann. Febos ist als Autorin ein Idol für mich, aber auch als Person.
Plus: Sie hat einen der unaufgeregtesten social media Präsenzen der Welt. Bilder von ihren Hunden und ihrer Frau, sonst nichts. Kein Glam. I love it.
Für wen ist das?
Für alle, die toxische Beziehungsdynamiken, die Beziehung zu ihren Stief/Eltern und ihre Herkunft verstehen wollen.
Deutscher Titel: Noch nicht übersetzt. Das einzige Buch von Melissa Febos, das bisher auf Deutsch erschienen ist, ist Girlhood — das ist aber auch toll und ein bisschen zugänglicher und auch ein bisschen universeller als Abandon Me.

Yellowface | Rebecca F. Kuang
Handlung: June und Athena sind beide Autorinnen und sie sind Rivalinnen: Athena ist erfolgreich und ihre Bücher gefeiert, Junes Karriere stagniert (aus ihrer Sicht deswegen, weil sie bloß ein normales Weißes Mädchen ist). Dann stirbt Athena überraschend bei einem verstörenden Pfannkuchen-Unfall, June klaut ihr fast fertiges Manuskript und veröffentlicht es unter ihrem eigenen Namen. Und hat damit ein teures, dunkles Geheimnis, dessen Dämonen sie zu jagen beginnen.
Rating: ❤️ ❤️ ❤️ ❤️
Ich mochte Yellowface sehr, weil er sehr viel Wahrheit und gute Gedanken darüber enthält, wessen Geschichten gehört werden, wie Narrative uns ermächtigen oder entmachten können, wie die Literaturszene und die Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren. Es ist auch ein bisschen gruselig.
Für wen ist das?
Für alle, die Freindinnen haben, sich gruseln oder Bücher schreiben wollen.
Deutscher Titel: Gleicher Titel

Woman, eating | Claire Kohda
Handlung: Lydia würde gerne ein normales Leben führen, und sie würde super gerne mal Sushi essen, aber das geht leider nicht, denn sie ist ein Vampir und kann nur Blut verdauen. Sie lebt zum ersten Mal von ihrer Vampirmutter getrennt in einem besetzten Haus, versucht, ihr Praktikum in einer Galerie und das Beschaffen von Schweineblut mit ihrer entflammenden Leidenschaft für ihren Atelier-Nachbarn Ben unter einen Hut zu bringen, der eigentlich ihre natürliche Beute ist.
Rating: 🖤 👻 🖤
Ich bin ein kleiner Grufti und werde immer ein Sucker für Vampirgeschichten bleiben (und ich bin sehr stolz auf dieses Wortspiel). Diese Story ist so nischig, dass nur Fan Fiction nischiger ist. Aber auch dunkel wie Samt und witzig neuzeitlich voller cleverer kleiner Details: Lydias Comfort Binge ist (natürlich!) Buffy the Vampire Slayer. Und wenn sie depressiv ist, guckt sie sich Kochshows im Fernsehen an (*schnief*) Und ihre Version einer unangenehmen Dating-Situation ist, wenn ihr Schwarm die Leiche einer von ihr ausgesaugten Ente in ihrer Spüle findet. (Ausrede, die auch ich schon erfolgreich für alles mögliche benutzt habe: ist bloß Teil eines Kunstprojekts.)
Für wen ist das?
Beachread für Gruftis und für Leute, die nicht an den Beach gehen.
Deutscher Titel: Noch nicht übersetzt

Really good, actually | Monica Heisey
Handlung: Maggie geht es super, echt super. Okay, sie ist frisch geschieden, zweifelt am Sinn ihrer Doktorarbeit und findet sich immer öfter morgens um drei Junkfood essend und weinend auf dem Boden ihres Apartments, dass sie sich seit der Trennung nicht mehr leisten kann. Aber sonst. Alles super.
Rating: ❤️🩹 💔 ❤️🩹 💔 ❤️🩹
Postmoderner Liebeskummer, komisch und wahr beschrieben. Oder: Eine Millennial-Scheidung im Zeitalter von Dating Apps und Social Media. All die Gedanken, die man so hat, wenn man frisch getrennt ist: Wie schön es wäre, jetzt Joan Didion zu sein und ein elegantes Memoir darüber schreiben zu können, wie man die Liebe seines Lebens verloren hat, welche Traurigkeits-Hobbies man sich zulegen sollte und wie man sein Trauma in Content verwandeln könnte.
Für wen ist das?
Für alle, die schonmal weinende Selfies gemacht haben, nur um festzustellen, dass sie ihren Schmerz nur online ausstellen wollen, wenn sie dabei heiß aussehen.
Deutscher Titel: Einfach super

Schönwald | Philipp Oehmke
Handlung: Familie Schönwald: Vater Harry, Mutter Ruth, drei Kinder, Chris, Karolin und Benni. Die Eltern versuchen eine Affäre zu verstoffwechseln, die Ruth vor Jahrzehnten hatte, der älteste Sohn lebt in den USA und rutscht vom Uniprofessor in die MAGA-Szene ab (ich glaube, er ist inspiriert von Jordan Peterson). Der jüngste Sohn ist unglücklich verheiratet. Sie alle treffen sich in Berlin, weil die älteste Tochter einen queerfeministischen Buchladen eröffnet und einen Shitstorm erntet, weil sie ihn mutmaßlich mit Nazigeld finanziert hat (Ja, klingt auch irgendwie bekannt).
Rating: 🖤 🖤 🖤 🖤 🖤
Die Themen sind quasi alle Debatten der Gegenwart: Identitätspolitik, Nachkriegsdeutschland, Feminismus, Rassismus, #Metoo, Missbrauch, der Stand der Ehe, sich auflösende Geschlechtergrenzen und Rollenverständnisse, die Kränkung des alten weißen Mannes und dessen Umgang mit dem eigenen Bedeutungsverlust. Der Beweis dafür, dass jede einzelne Familiengeschichte die ganze Tragik der Welt enthält.
Logisch und total verdient, dass dieser Autor als der deutsche Jonathan Franzen gehandelt wird. (Falls ihm das nicht gefällt, kann ich verstehen, aber sorry, gibt Schlimmeres)
Für wen ist das?
Für Leute, die mitreden wollen.

Must I Go | Yiyun Li
Handlung: Die einundachtzigjährige Lilia Lisky erinnert sich an ihr Leben zurück. An ihre Eltern, Geschwister, Ehemänner, Kinder, Liebhaber. Sie liest parallel das Tagebuch ihres Ex-Liebhabers Roland, dem Vater ihrer ältesten Tochter, dem sie nur ein paar Mal in ihrem Leben begegnet ist. Roland schreibt wiederum über seine Familie und Eltern und Geschwister und Onkels und Tanten und Liebhaberinnen und ungefähr alle, die ihm in den letzten sechzig Jahren begegnet sind.
Rating: 👿
Es kommen also sehr viele Leute in diesem Buch vor. Und OMG! sie alle bedeuten mir nicht das Geringste. Denn ich werde diese eine entfernte Tante der Hauptfigur, deren Lebensgeschichte auf anderthalb Seiten beschrieben wird, oder die französische Schneiderin, mit deren Freundin Roland 1930 ein Date hatte, nie wieder treffen, also WARUM ZUR HÖLLE SOLLEN SIE MICH INTERESSIEREN?!
Ich bleibe nur deswegen so lange in dem Buch, weil ich im Flugzeug sitze und mich langweile und nichts anderes habe, und am Ende, als mir auch noch die EINE Geschichte vorenthalten wird, die mich vielleicht interessiert hätte (wie hat eigentlich Roland die Begegnung mit der Erzählerin in seinem Tagebuch beschrieben?), weil die Autorin findet, »das könne man sich ja selbst denken«, bin ich so sauer, dass ich das Buch verbrennen will.
Für wen ist das?
Für Leute, die auf russische 1000-Seiten Epen nur deswegen abfahren, weil so viele Figuren darin vorkommen. Für Leute, die die Bibel spannend finden.
Und denkt immer daran:

🖤 mia