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Spiritualität statt Spirituosen

Zu unserem Gespräch mit Bucci veröffentlichen wir heute für euch ein Stück aus seinem Buch Spiritualität statt Spirituosen, das 2025 im Gallip Verlag erschienen ist.

Viel Spaß beim Lesen! 💛

Cover: Bucci, »Spiritualität statt Spirituosen. Zwischen Beats und Bewusstsein: mein Soundtrack zur Selbsterkenntnis.« (Gallip Verlag, 2025)

Mein Weg als Musiker

Für meinen Weg als Musiker habe ich entdeckt, dass es keinen klaren Bauplan gibt. Immer wieder kommen Menschen von außen und sagen: „Schau mal, so habe ich es gemacht – du musst nur meinen Weg gehen.“ Aber dieser sichere Hafen ist oft nicht der eigene Weg.

Als ich nach Berlin zog und die Musikindustrie kennengelernt habe, gab es zahlreiche Gespräche mit Labels und unzählige Ratschläge. Viele sagten mir: „Du machst viel zu viel anderen Content, du musst dich mehr als Musiker positionieren.“ Selbst die Tatsache, dass ich dieses Buch schreibe, wird von außen nicht als klassischer Weg eines Musikers angesehen.

Für mich war und ist es aber entscheidend, meine eigene Wahrheit nicht zu verbiegen. Natürlich hätte ich mehrfach die Möglichkeit gehabt, mit Labels zusammenzuarbeiten. Doch dieser Weg hätte bedeutet, dass ich in einem bestimmten Sound festgelegt worden wäre, mich künstlerisch nicht mehr komplett frei ausdrücken könnte oder gezwungen wäre, Songs mit Künstlern zu machen, die ich gar nicht fühle. Gleichzeitig würde ich einen großen Teil meiner Freiheit abgeben und vieles nicht mehr in eigener Hand haben. Auch das Argument, dass ich zu viel spirituellen Content mache und man mich so nicht auf Festivals buchen könne, habe ich oft gehört.

Doch all das ist mir egal. Denn ich glaube daran, dass Authentizität und der eigene Weg am Ende immer gewinnen werden. Auf diesem Weg gehe ich weiter.

Ich war und bin nie der klassische Musiker. Ich bin einfach bucci und den gibt es in dieser Form so noch nicht.

Vorspann

Das Leben schreibt manchmal die verrücktesten Geschichten. 2017 stand ich zum allerersten Mal auf einer Bühne – 18 Jahre alt, schlotternde Knie, Herzklopfen bis zum Hals. Vor mir die ganze Schule. Und ich – mit einem gereimten Poetry-Slam-Text über Glück und die Frage, wo man es eigentlich findet. Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde. Doch als ich den letzten Vers sprach; aufbrandender Applaus. Gar nicht mal höflich oder verhalten – sondern so richtig. Damit habe ich den Contest gewonnen.

Neulich schrieb mir eine ehemalige Mitschülerin, wie sehr sie das damals gefeiert hat und wie stolz sie auf mich ist, dass ich weitergemacht habe. Sie meinte sogar, zwischenzeitlich hätte sie die Hoffnung in mich verloren. Verständlich – ich habe ja nie ein Geheimnis daraus gemacht, warum. Lange Zeit war das Bild, das man von mir in der Öffentlichkeit sah, vor allem eins: Musik, kombiniert mit einem exzessiven Lifestyle aus Alkohol und Drogen. Ich habe das inszeniert, mich dafür feiern lassen, war der Typ, der immer noch einen draufsetzte.

Und trotzdem – selbst in den tiefsten Rauschzuständen – habe ich oft an diesen Moment zurückgedacht, wie ich im Alter von 18 auf dieser Poetry-Slam-Bühne stand und mit meinen Worten Mitschüler, Lehrer und sogar meine Eltern berührt habe. Damals ging es nicht um Alkohol, Drogen oder „cool sein“. Es war ehrlich, roh und tiefgründig. Viele nannten es Talent. Ich würde heute sagen, dass es der unbedingte Wille war, mich auszudrücken. Meine Sicht auf die Welt so zu teilen, dass andere sich darin wiederfinden. Genau das habe ich später als Definition von Kunst verstanden.

Von da an ging mein Weg weiter mit Musik. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Leute, die meine Songs hörten – mehr Reichweite. Doch die Angst, mich wirklich „nackt“ zu zeigen und authentisch zu sein, führte mich auf Umwege. Aus der Angst heraus, „nicht gut genug“ zu sein, habe ich mich lange Zeit hinter Alkohol und Drogen versteckt, indem ich den „Rockstar-Weg“ gewählt habe. Lange hat es zu verstehen gedauert, dass dieses Leben und mein eigentlicher Wunsch nach künstlerischer Entfaltung so zusammen nicht funktionieren können.

Irgendwann habe ich verstanden: Es ist nicht nur die Musik, die ich rausgeben will. Ich begann, Content für Social Media zu produzieren, Videos zu drehen, und meine Gedanken zu teilen. Das erste Mal so richtig viral ging ich 2022 und das ausgerechnet mit meiner Entscheidung, keinen Alkohol mehr zu trinken und darüber offen zu sprechen. Vielleicht kennst du das, dass du so etwas wie eine Trennung ganz vielen Leuten erzählst, damit du es auch durchziehst? Nach der öffentlichen Wirkung gab es kein Zurück in der Außenwelt – vorher aber war der Entschluss in mir schon gewachsen. Ab da entwickelte sich ein neuer Bucci. Ich fand meinen Weg zur Spiritualität, machte eine Coaching-Ausbildung, verschlang Bücher, hörte Podcasts und lernte von Menschen, die mir auf diesem Weg begegneten. Als ich neulich einen Freund fragte, ob ich mich in den letzten drei Jahren verändert habe, meinte er: „Ja, absolut, und gleichzeitig irgendwie gar nicht. Im Kern bist du derselbe geblieben. Aber du bist auch zu so etwas wie einem Guru geworden.“

Ich selbst würde mich nicht so nennen. Wäre auch echt komisch, wenn ich das von mir selbst behaupten würde. Aber ich merke trotzdem, dass da was in mir steckt, was raus möchte. Ich will Menschen zum Nachdenken anregen. Und das, was ich tue, ist längst mehr geworden als nur Musik.

Ein Impuls, der mir im Sommer 2024 kam, war, ein Buch zu schreiben. Weil die Message, die viel größer als ich selbst ist, sich nicht nur in Songs oder Social-Media- Clips packen lässt. Hier gibt es keinen Heilungsanspruch, und ich bin kein Therapeut. Aber ich glaube, dass das, was ich erlebt habe, wie ich daraus gelernt habe und wie ich davon erzähle, wirklich vielen Menschen helfen kann.

Es mag sein, dass Du keine Sucht im klassischen Sinne lebst und dennoch wirst du dich vielleicht an irgendetwas aus deinem alten Leben klammern, das dir nicht guttut. Einen Menschen, eine Situation oder ein Umfeld, das dich limitiert. Also eigentlich limitierst du dich selbst und das Umfeld reagiert – aber dazu mehr anderer Stelle. Was ich sagen will ist, dass es auch für dich das neue Leben gibt. Und das schneller, als du jetzt glauben magst. Im Grunde ist dein neues Leben nur eine einzige Entscheidung entfernt. Worauf wartest du also?

Viel Spaß beim Lesen!

Wie das Heute begann

Der Tiefpunkt und die Entscheidung

Weihnachten 2021 wurde für mich zum Wendepunkt meines Lebens. Von außen sah alles wie immer aus. Die Familie am Tisch, Kerzen, gutes Essen. Doch innerlich war ich am Ende. Jahrelang hatte ich es noch geschafft, die Fassade aufrechtzuhalten. Zwei Tage vor der Heimfahrt kein Alkohol, Sport, gesundes Essen, damit das zerstörte Gesicht nicht sofort auffällt. Dieses Mal klappte selbst das nicht mehr. Am Abend vorher hatte ich mich so richtig abgeschossen, und so stand ich da – mit aufgeschwollenem Gesicht, leeren Augen – meine Mutter brauchte nur einen Blick. Sie wusste, dass sie ihren Sohn dabei war zu verlieren. Oft hatte sie mir von ihrem Albtraum erzählt, in dem genau das passierte, dass sie mich an Alkohol und Drogen verliert. Und genau dieser Albtraum stand nun leibhaftig vor ihr. Nicht, dass meine Eltern nicht gespürt hätten, dass da was nicht stimmt. Ehrlicherweise wussten sie es schon immer. 90 Prozent unserer Streitereien drehten sich um Alkohol – nicht nach Hause kommen, verkatert am Tisch sitzen, all das. Ich habe damals einfach nicht verstanden, warum sie sich Sorgen gemacht haben. Als ich dann ausgezogen bin und nur noch selten daheim war, hat sich unser Verhältnis zwar oberflächlich entspannt – aber nur, weil sie nicht mehr mitbekamen, was wirklich abging. Damit fiel auch die letzte Bremse.

Eine Szene hat sich besonders eingebrannt – direkt nach dem Abitur. Meine Eltern fuhren eine Woche in den Urlaub und meinten: „Feier ruhig, du hast’s dir verdient.“ Genau das tat ich – und führte sogar Strichliste. Am Ende der Woche standen da 72 Bier in sechs Tagen. Im Schnitt zwölf am Tag, Longdrinks nicht mitgerechnet. Für mich war das damals ein Rekord, auf den ich noch stolz war. Heute weiß ich: Das war einfach nur krank. Viele würden vielleicht sagen: „Schaff ich auch.“ Glückwunsch, aber darum geht’s nicht. Sechs Tage lang durchgehend diesen Pegel zu halten, ist nicht normal.

Als meine Eltern zurückkamen und wir essen gingen, konnte ich vor lauter Zittern nicht mal mein Wasserglas halten. Ich erzählte ihnen stolz von meiner „Leistung“, während sie entsetzt waren. „Findest du das normal?“, fragten sie. Ich verstand ihre Empörung nicht. Für mich war es ganz logisch: Abi geschafft, endlich frei, jetzt kann man’s krachen lassen. Dass das in Wahrheit schon ein Alarmsignal war, habe ich damals überhaupt nicht gecheckt.

Bis dahin hatte ich mein Leben als eine Art Spiel gesehen. Über Umwege ging es dann nach dem Abi ins Studium. Und das bedeutete für mich: Feiern, Nächte durchmachen, Abstürze. Und am Ende dachte ich, jetzt käme halt der Ernst des Lebens. Also nahm ich einen Job im Marketing eines Start-ups an. Vierzig Stunden die Woche, ein festes Gehalt. Das, was man eben so macht. Da passe ich doch hin als kreativer Kopf, oder?

Doch im Büro merkte ich nach kurzer Zeit, dass das nicht mein Leben ist. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper. Während die anderen in ihren Routinen aufgingen, war ich innerlich leer. Feierabend bedeutete sofort mehrere Bier, bald ging ich verkatert oder noch halb betrunken zur Arbeit. Wenn das Erfolg sein sollte, dann wollte ich ihn nicht. Ich hatte Angst, dass mein Leben genau so bliebe – ein ewiger Kreislauf aus Arbeiten und Trinken.

Ich habe verstanden, dass ich so nicht glücklich werden kann. Aber das Schlimme war, ich hatte auch keine Alternative gesehen. Dass es mit der Musik klappt? Schien mir unmöglich. Allen voran auch deswegen, weil mein Umfeld es mir spiegelte. „Mach doch endlich was Vernünftiges“, „Hör jetzt mal auf zu träumen“, „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“

An diesem Weihnachten konnte ich aber nicht mehr schweigen. Ich beichtete alles. Meine Eltern hörten zu, und irgendwann kam die Frage: „Was willst du denn jetzt sonst machen?“. Und da kam er heraus, der Satz, den ich noch nie zuvor ausgesprochen hatte: „Ich will berühmt werden.“ Sie lachten. Für sie klang es absurd – und ehrlicherweise kann ich es heute auch verstehen. Denn, da saß ja nicht der disziplinierte Künstler, sondern ein verlorener Junge, der kaum auf sich selbst klarkam. Und doch war dieser Satz das Ehrlichste, was ich je gesagt hatte.

Dann fiel der Satz meiner Mutter, der mich bis heute begleitet: „Menschen wie du erreichen nichts – nicht wegen fehlendem Talent, sondern weil sie jeden Erfolg sofort mit Vollrausch belohnen.“ Es tat weh, aber es war wahr. Immer wenn irgendetwas in meinem Leben ganz gut gelaufen ist, habe ich mich wieder abgeschossen. Die „Erfolge“, für die es eine Belohnung gab, wurden auch immer weniger anspruchsvoll. Irgendwann reichte es, wenn ich am Dienstag meine Bude vom Wochenende aufgeräumt hatte. Dann dachte ich mir „Boah, hab ich jetzt wieder viel geschafft, heute könnte ich schon wieder 1-2 Bierchen trinken.“ Es wurden dann meistens so viele, wie wenn man den Bindestrich weglässt.

Doch genau dieser Satz meiner Mutter und mein Ego, dass am Boden lag und einsehen musste, dass ich wirklich jetzt am Tiefpunkt angekommen bin, brachte etwas Neues hervor. Silvester 2021 war mein letzter Rausch. Ich schoss mich noch einmal komplett ab, ehrlicherweise auch deswegen, weil mein Umfeld mir einredete, wenn es wirklich das letzte Mal wäre, würden sie es gerne noch einmal genießen wollen mit dem Partykönig himself zu trinken. Innerlich wusste ich schon: Das ist das letzte Mal.

In dieser Nacht nahm ich mein Handy und machte ein Video an mein Zukunfts-Ich. Mit verquollenem Gesicht schaute ich in die Kamera und sagte: „Wenn du das nächstes Jahr siehst, bitte tue mir den Gefallen: Sieh nicht mehr so aus. Sorge dafür, dass sich dein Leben um 180 Grad gedreht hat.“ Am Morgen des 1. Januar 2022 wachte ich auf und traf die Entscheidung. Kein „weniger trinken“, kein „nur am Wochenende“. Nie wieder. Cut.

Ein paar Tage später bekam ich ein Zeichen. Mein Musiker- Kumpel Timo – heute bekannt als Tream – hatte seinen Durchbruch. Am 6. Januar 2022 brachte er seinen Song „Lebenslang“ raus, für den ihn auf einmal jeder kannte.

Ironischerweise mit Musik über Feiern und Alkohol, während eigentlich ich das Rockstar-Leben lebte, ohne Rockstar zu sein. Während ich bis 9 Uhr morgens im Regensburger Nachtleben versumpfte, um mein anderes „Scheiß-Leben“ zu kompensieren, saß er zuhause und machte Musik. Er wusste ja schließlich, was er wollte und wandte seine ganze Energie und Zeit dafür auf. Er hatte nie einen Plan B. Wenn ihm eine Idee kam, setzte er sie sofort um. Keine Kompensation, Ausreden oder Flucht, wie sie die meisten im Leben betreiben. Und genau dafür wurde er belohnt – für sein Commitment, unglaubliche Disziplin und die hundertprozentige Entscheidung. Ich sah gleichzeitig in ihm den Spiegel dessen, was ich selbst wollte und nicht lebte.

Da verstand ich: Menschen verändern sich nur aus zwei Gründen. Entweder der Schmerz wird so groß, dass sie nicht mehr anders können oder sie finden ein Ziel, das sie so sehr begeistert, dass es stärker ist als alle Zweifel. Bei mir kam beides zusammen. Ich konnte so nicht weitermachen, und gleichzeitig zeigte mir Tream, dass es geht. Dass dieser Weg real ist. Aber ich wusste auch, es reicht nicht, nur mit dem Trinken aufzuhören. Alkohol war nur das Symptom. Wenn sich mein Leben nicht grundsätzlich ändert, verändert sich gar nichts. Ich musste meinen ganzen Menschen ändern.

Ich blickte in den Spiegel und sah dort einen Menschen, der zwar aussah wie eine abgecrackte Version von mir, der aber mit der Essenz meines Wesens leider nur noch sehr wenig zu tun hatte. In dieser Zeit hatte ich das, was ich mein spirituelles Erwachen nenne. Ich wusste, dass DAS nicht der Grund sein kann, warum ICH auf diese Welt gekommen bin. Dass ich dem Weg der Gesellschaft – irgendwie sogar erfolgreich mit einem BWL-Bachelor-Abschluss – gefolgt bin und mich dabei so verloren hatte, dass ich meine Realität nur noch im Rausch packte.

Also zog ich die Reißleine. Ich kündigte meinen Job mit 22 Cent Rücklagen auf dem Konto. Natürlich hatte ich Angst, aber gleichzeitig war da diese Klarheit: Es muss sich alles ändern. Alles. Von diesem Tag an schwor ich mir nur noch das zu machen, was ich liebe. Seitdem sind über dreieinhalb Jahre vergangen. Nicht jeder eingeschlagene Weg war seitdem einfach, aber jeder war der richtige.

Der Tiefpunkt war kein Ende, er war mein Anfang.

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