Bin ich zu privilegiert, um erschöpft zu sein?
Ich bin auf einer Lesung. Es sind nur Frauen da und das ist so gedacht. Es soll ein Safe Space sein. Es geht um Klasse. Und Herkunft. Und Mutterschaft. Und die Krisen, die sich inzwischen kaum noch zählen lassen; Bildungskrise, Gesundheitskrise, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Energiekrise, Krise der Demokratie. Um die Umfrageergebnisse der AfD. 30% in Ostdeutschland.
»Ich will wirklich mal jemanden treffen, den diese Ergebnisse noch überraschen«, sagt eine Frau, deren Eltern in den Achtzigern aus Polen eingewandert sind. »Wer ist denn davon bitte noch überrascht?«
Eine Schwarze Frau sagt, sie ist schon seit den Neunziger Jahren nicht mehr überrascht, dass Deutschland voller Nazis ist: »Dafür brauche ich keine Nachrichten. Ich muss darüber nachdenken, wann ich meine Koffer packe und das Land verlasse.«
Eine Frau aus Ostdeutschland sagt, sie verstehe alle, die aufgeben, alle, die aufhören sich zu engagieren, aufhören, zu schreiben, denn es werde sowieso niemandem zugehört, der kein weißer cis Dude sei oder eine Riesenreichweite habe.
Eine weiße Frau ohne augenscheinliche Diskriminierungs-Angriffsfläche sagt, dass sie die Nachrichten nicht mehr verfolge. Was bringe das? Nichts.
»Das ist ein krasses Luxus Problem« sagt eine andere, die ein bisschen weniger Weiß erscheint und alle, die Weißer sind oder weniger Nachrichten gucken, schweigen betreten.
Das letzte Mal, dass mir jemand gesagt hat, es sei Luxus, keine Nachrichten zu verfolgen, war ein Weißer cis Dude mit überdurchschnittlichem Einkommen, der zu allem eine Meinung hatte. Ich weiß noch, wie ich dachte: Es ist ein Zeichen von einem so unerschütterlichen Selbstvertrauen, dass du als weißer cis Dude dich moralisch überlegen fühlst, weil du Maybrit Illner guckst. Als würde das allein schon irgendwas ändern.
Privilegien-technisch verorte ich mich immer irgendwo im oberen Drittel: Ich bin Weiß, deutsch, cis, hetero, nichtbehindert, habe Kleidergröße 38 und einen Hochschul-Abschluss. Ich kenne auch die Privilegien, die mir fehlen: Frau, Arbeiter:innenhaushalt, alleinerziehende Mutter, Alkoholiker:innenfamilie, nichts zu erben, prekär beschäftigt. Nach dem ZEIT-Klassencheck (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bin ich untere Mittelschicht, aber auch erst seit diesem Jahr. 2022 war ich noch Prekariat.
Ich gehöre nicht zu denen mit großer Reichweite, muss mich deswegen nicht zu allem äußern, aber mein Instagram Account ist auch nicht gerade ein privates Fotoalbum. Und wenn er wachsen würde, hätte ich nichts dagegen, denn das wäre gut fürs Geschäft. Weil soziale Medien ein Arbeitsort und Meinungen in meinem Geschäft eine Währung sind, mache ich mir in letzter Zeit oft Gedanken darum, ob und wie ich meine verbreite.
In dem Talk geht es jetzt um den Begriff Schlüsselkind.
Offenbar kann man sich unterprivilegiert fühlen, wenn man eine Mutter hatte, die arbeiten gegangen ist, statt nachmittags zuhause das Mittagessen zu servieren. Ich denke zurück an meine Kindheit und Jugend. Ich war natürlich auch ein Schlüsselkind. Ich habe mich deswegen nie benachteiligt gefühlt. Im Gegenteil. Mir hat die damit verbundene Freiheit, das Unbeobachtetsein, sehr gefallen. Praktisch alle Menschen in meinem Umfeld waren ebenfalls Schlüsselkinder. Ich kenne und kannte fast niemanden, deren Mutter nicht gearbeitet hat. Ich kenne und kannte kaum jemanden, dessen Eltern sich nicht getrennt haben, bevor die Kinder aus dem Haus waren.
Während ich bei dem Talk zuhöre, in dem sehr unterschiedliche Frauen darüber reden, wie sie mühsam lernen mussten, durch Code Switching ihre Identität als Schlüsselkinder zu verschleiern, sobald sie das erste Mal eine Hochschule betreten haben, frage ich mich, ob ich einfach nur härter im Nehmen bin als andere oder ob ich eine meiner Opferkarten nicht richtig spiele. Ich hatte als Schlüsselkind immer den festen Glauben, zur Mehrheit zu gehören. Ich habe noch nie den Begriff Code Switching benutzt.
Nach der Veranstaltung fühle ich mich erschöpft und mutlos. Weniger hoffnungsvoll als zuvor, was meinen Nachrichtenkonsum und meinen Umgang mit sozialen Medien betrifft. Bin ich zu privilegiert, um erschöpft zu sein? Wie viele Diskriminierungserfahrungen brauche ich, um Sendepause machen zu dürfen? Ab wie vielen Followern bin ich verpflichtet, mich öffentlich von Terroranschlägen zu distanzieren?
Ich habe, um heute herzukommen, mein AA Meeting geschwänzt. Mein AA Meeting ist ein Raum, den ich nie erschöpft und mutlos verlasse. Obwohl sich immer mindestens 50% weiße cis Dudes darin befinden und nie über Privilegien geredet wird. Ich empfinde mein AA Meeting als entschieden weniger privilegiert als eine all-female Buchlesung mit Cremant und veganen Horsd’œuvre in Berlin Mitte. Ich fühle mich bei beiden Veranstaltungen privilegierter als die anderen, aber nur hier fühle ich deswegen eine diffuse Schuld.
Wann habe ich eigentlich angefangen, einen Mangel an Privilegien als moralische Überlegenheit zu sehen?
Ich bin in letzter Zeit oft doppelt dankbar für AA-Meetings. Nicht, weil ich sie brauche, um nüchtern zu bleiben, sondern weil sie meinen Social-Media-Burnout lindern. Meetings sind echte Anti-Echokammern. Ich treffe hier Leute, die in jeder Hinsicht anders sind als ich. Keine Ahnung, wie viele der (männlichen, Weißen) Niedriglohnarbeiter hier erwägen, die AfD zu wählen oder es schonmal getan haben. Vielleicht gar nicht so wenige. Würde es mich überraschen, wenn ich wüsste, dass 30% der Menschen in einem AA Meeting die AfD wählen? Ja, schon. Immer noch. Habe ich deswegen einen verzerrten Blick auf die Realität? Wahrscheinlich.
Aber ich werde es sowieso nie erfahren, weil AA konsequent unpolitisch ist. Weil es hier völlig irrelevant ist, welche Partei jemand wählt. Weil es hier darum geht, sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren statt auf Unterschiede. Darauf, wie man das Leben auf die Reihe bekommt, ohne sich zu betäuben. Das haben hier alle gemeinsam. Wohlsituierte Rechtsanwälte mit hundertzwanzig Quadratmeter Wohnungen in Charlottenburg, alleinerziehende Sozialhilfe-Empfängerinnen Anfang vierzig ohne Abschluss, queere Zahnmedizin-Student:innen in ihren späten Zwanzigern. Alle hier haben Gründe gefunden, sich zu betäuben. Alle haben Schmerzen.
Was soll man gegen den Horror in der Welt bloß tun? ist die Frage, die am Ende des Abends offen bleibt. Niemand hat eine Antwort. Dass man durch Reposten von Instagram Kacheln die Welt nicht retten kann, das haben wir alle mittlerweile verstanden. Das wir alle in einer Bubble leben auch. »Man muss mit den Weißen Menschen draußen reden. Die anderen wissen das alles ja schon« schlägt jemand zögerlich vor.
Ich habe auf dem Nachhauseweg immer noch keine Antwort darauf, wie ich mit meinem Nachrichten-Burnout umgehen soll. Aber ich hatte ein paar Erkenntnisse:
1) Meine Privilegien sind so relativ, dass ich an ihnen nichts messen sollte.
2) Ich fühle mich nicht safer in einem Raum, in dem keine Weißen cis Dudes willkommen sind.