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Warum bin ich süchtig geworden?

Mika fragt sich »Warum«

Es riecht nach Zimt und Braten, die Kaffeemaschine meiner Eltern macht gurgelnde Geräusche und ich sitze auf einem der gelben Sofas, auf denen früher immer Decken lagen, damit mein Nietengürtel keine Löcher in den Stoff reißt. Jetzt trage ich keine Nietengürtel mehr, und rolle auch nicht mehr mit den Augen, wenn meine Mutter die Möbel schonen will. Den Weihnachtsbaum haben wir gestern schon gemeinsam geschmückt und in mir ist eine Spannung, die mich fast zerreisst. Es ist 1019, mein erstes nüchternes Weihnachten und mir steht diese eine Sache nicht mehr zur Verfügung, die immer verlässlich das innere Ziehen betäubt hat, die kleinen Reibungen weniger scharf erscheinen ließ und die Ärgernisse des Alltags in eine dämpfende Decke hüllte. Dass ich süchtig war, wissen meine Eltern noch nicht, ich verkaufe es noch als eine Lifestyle Entscheidung, diese Abhängigkeit ist mir unheimlich peinlich. Erst ein paar Monate später werde ich ihnen am Frühstückstisch sagen: »Mama, Papa, ich muss euch etwas sagen: Ich war süchtig nach Alkohol«, und mir dabei etwas albern vorkommen, aber wir werden lange darüber sprechen und ich werde erleichtert sein. Aber an diesem Weihnachen 2019 ist es noch nicht soweit und abends wird mir mein Vater noch ein Glas Sekt reichen und verwundert darüber sein, dass ich es wegstelle: »Achso, nichtmal zum Anstoßen?« wird er fragen und ich werde keinen Grund haben, es ihm übel zu nehmen, denn ich habe nichts gesagt. 

Ich schaue aus dem Fenster, und denke: Warum ich?

Es ist eine Frage, auf die jeder Mensch irgendwann stößt – und Suchtis versuchen sie oft mit einer existenziellen Not zu ergründen, als wäre das perfekt ausgeleuchtete »Warum« ein Schutz vor Rückfällen und Krisen. Warum bin ich süchtig geworden? Warum ich?

Ist es das Trauma?

Für manche scheint die Antwort klar: Die Eltern (oder mindestens eine:r von beiden) haben getrunken. Sucht liegt in ihrer Familie, es gab dieses Trauma, oder eben generell schreckliche Erinnerungen an die Kindheit, Ungewissheit, Not, finanziell oder sonstwie. Kurz: Es gibt einen perfekten Nährboden und einen identifizierbaren Auslöser. Was hätte denn sonst passieren sollen? 

Es ist eine Erklärung, in der ich mich nie so recht wiederfinden konnte. Nichts an meiner Sucht erscheint mir zwangsläufig. Und selbst bei den »klaren Fällen« ist es doch eigentlich auch nicht klar: Manche Kinder von alkoholkranken Eltern rühren ihr Leben lang keinen Tropfen Alkohol an, andere Trinken sich zu Tode. Und dazwischen gibt es ein Spektrum. 

Ist es eine Allergie?

In der Lektüre der Anonymen Alkoholiker liest man von einer Allergie. Manche verstehen das buchstäblich, als ein physisches Unvermögen, Alkohol in gemäßigten Mengen trinken zu können. Es gibt Menschen, die Anzeichen für dieses Unvermögen bereits in ihrer Kindheit erkennen: Sie konnten sich schon bei Süßigkeiten nicht beherrschen, sie waren geheimniskrämerisch und versteckten ihren Bonbon-Konsum. Einmal traf ich einen Mann, der der Überzeugung war, dass er im Kern schon immer Alkoholiker gewesen war. Meine Frage, was denn wäre, wenn er zum Beispiel in einer prohibitiven Gesellschaft aufgewachsen wäre, tat er als theoretisch ab. Er war überzeugt von dieser Vorherbestimmung durch eine körperliche Veranlagung. Man muss nicht Medizin studiert haben (habe ich nämlich nicht), um zu bemerken, dass das alles nicht so recht zu den Symptomen einer tatsächlichen Allergie passt. Von Frühblühern kann ich nämlich durchaus genug bekommen, eben aufgrund meiner körperlichen Reaktion. Bei Alkohol sah das anders aus: Je mehr ich trank, desto mehr vertrug ich.

Ist es eine Allergie (aber metaphorisch)?

Man kann diese Allergie auch als Metapher verstehen, als einen Namen für ein unbeschreibliches Ding, wegen dem man nie wieder zurück zu einem unschuldigen Konsum kommen kann. Es ist beliebt, unerklärlichen Dingen einen Namen zu geben, um das dahinterliegende Mysterium zu verschleiern. (Gott wäre so ein Beispiel). Dann muss man sich fragen: Ist keine Erklärung besser als eine schlechte Erklärung? Ich weiß, dass ich nie zurück zu einem unschuldigen Konsum kann. Aber ich finde die Sache mit der Allergie eher verwirrend als hilfreich.

Ist es alles nur Hirnchemie?

Dann gibt es den neurologischen Ansatz, der vor allem während des »War on Drugs« sehr en vogue war und der ähnlich wie die Allergie eine organische Ursache annimmt. In dieser Denkweise ist alles irgendwie Gehirnchemie. Alkohol verändert unser Gehirn, er verändert das Belohnungssystem und macht uns nervös und angespannt, wenn die Dosis ausbleibt. Irgendwann suchen wir zwanghaft nach dieser Erleichterung von einem Zustand, in dem wir nicht wären, wenn wir nicht trinken würden. 

Es stimmt natürlich, dass jeder Mensch abhängig werden kann und diese Effekte in jedem Gehirn entstehen, aber bei weitem nicht allen Menschen, die mal trinken passiert das auch (jaja, es sind mehr als wir immer so denken, aber eben nicht alle).

Es stimmt natürlich, dass jeder Mensch abhängig werden kann und diese Effekte in jedem Gehirn entstehen, aber bei weitem nicht allen Menschen, die mal trinken passiert das auch (jaja, es sind mehr als wir immer so denken, aber eben nicht alle). Was ist mit meinen Freund:innen, mit denen ich im Studium regelmäßig in dreckigen Kneipen versackt bin, und die irgendwann einfach weniger getrunken haben. Sie haben einen natürlichen Prozess durchgemacht, der für sie nur am Rande bedeutsam war. Sie wollten eben lieber morgens fit sein, Karriere machen, Kinderkriegen oder mit ihrem Partner abends Gesellschaftsspiele spielen. Also reduzierten sie ihren Alkoholkonsum. Vielleicht war das auch herausfordernd, wie es eben herausfordernd ist, eine gesündere Routine zu etablieren, einen Terminkalender zu führen oder weniger Kohlenhydrate zu essen. 

Sind es die Glaubenssätze?

Diese Beispiele führt auch die amerikanische Autorin Annie Grace als Argument dafür an, dass es so etwas wie einen »Alkoholiker« nicht gibt. Genauso wie schon Nichtraucher-Guru Allen Carr, legt sie den Fokus darauf, dass wir nur der Illusion erliegen, Alkohol würde uns etwas bringen. Dass das Trinken ansich eigentlich eine völlig wahnsinnige Sache ist, die wir ebenso gut lassen könnten und unser Leben wäre kein Stück schlechter. Und natürlich ist das auch richtig: Wir romantisieren Alkohol, haben all diese Ideen, dass er uns entspannt und unser Leben bereichert, während er uns eigentlich krank und traurig macht. Also, warum ich? Annie Grace würde darauf vielleicht antworten, dass ich eben trinke, weil ich trinke. Dass ich lange genug Alkohol getrunken und noch dazu all diese Vorstellungen verinnerlicht habe, dass ich dieser großen Lüge aufgesessen bin. Und das mag auch stimmen... Aber. Warum bin ausgerechnet ich dieser Lüge aufgesessen? 

Es gibt so viele Modelle für Suchtentstehung und ich kann nicht behaupten, sie alle vollkommen durchdrungen zu haben. Aber ich habe einige Erklärungen anprobiert und abgewogen, mich eingelesen und versucht sie auf mein Leben anzuwenden. Am sinnvollsten erscheint mir vielleicht das bio-psycho-soziale Modell, auch wenn ich mich dadurch eigentlich nicht viel schlauer fühle. Danach spielen verschiedene Faktoren (biologische, psychologische, soziale) eine Rolle (achso).

Das ist der Widerspruch, den wir alle in unserem Geist aushalten müssen: Zu wissen, dass eine suchtkranke Person nicht einfach mit dem Trinken aufhören kann und gleichzeitig zu wissen, dass eine suchtkranke Person tatsächlich mit dem Trinken aufhören kann. 

Was bleibt, ist das Gefühl, dass ich immer wieder nah an einer Antwort bin, und mir dann von links ein »ja aber« in mein tolles Gedankenkonstrukt reingegrätscht. Dieses »Ja aber«, das sich immer wieder borstig jedem Modell entgegenstellt ist: Freiheit. Unser freier Wille. Unsere Fähigkeit, uns zu entscheiden. Das ist der Widerspruch, den wir alle in unserem Geist aushalten müssen: Zu wissen, dass eine suchtkranke Person nicht einfach mit dem Trinken aufhören kann und gleichzeitig zu wissen, dass eine suchtkranke Person tatsächlich mit dem Trinken aufhören kann. 

Nüchternes Weihnachten 2023

An meinem ersten nüchternen Weihnachten fuhr ich noch mit Angst zurück in mein Elternhaus. Die Frage »Warum ich« schwirrte mir im Kopf herum und ich suchte im Verhalten meiner Eltern, in alten Fotoalben und Notizbüchern nach Indizien, die die mir helfen würden, die Gründe für meine Sucht endlich klar zu benennen. In diesem Jahr fahre ich anders nach hause. Es hat sich nicht nur in meiner Familie viel getan, sondern auch in mir. Und vor allem habe ich eine neue Frage. Während Freuds Einfluss darin bestand, das Warum ergründen wollen, fragte sein Zeitgenosse Alfred Adler etwas anderes. Und zwar: Wozu?

Wozu dient uns unser Verhalten? Was erreichen wir (wenn auch unbewusst) mit unseren Strategien? Welcher Logik folgen wir? Nach Adler ist unser Handeln immer zielgerichtet – Irgendwie wollen wir unseren Zustand verbessern, vom gefühlten Minus ins gefühlte Plus. Unsere Strategien mögen dafür manchmal zweifelhaft sein, aber sie sind immer zweckgerichtet, auch wenn der Zweck uns nicht unbedingt klar ist.

Wenn ich mich heute frage, wozu ich getrunken habe, fällt es mir viel leichter, Antworten zu finden als auf das Warum. Ich erkenne, dass es eine Strategie war, um Ruhe und Erleichterung zu erfahren, um mich meinem Schmerz nicht stellen zu müssen und letztlich, um mich dem Leben zu verweigern, weil ich insgeheim der Meinung war, dass ich den Herausforderungen, die das mit sich brachte, nicht gewachsen sein würde. Ich wollte die Verantwortung für mich abgeben. In dem Moment, in dem sich das änderte, realisierte ich, dass ich leben wollte. Dass ich immer noch einen Willen hatte, ein eigenes Wollen, abseits vom ewigen Sollen, dem ich zu entkommen versuchte. Kurz: Ich hatte genug Mut, mich den Herausforderungen zu stellen.

»Wozu« ist nach vorn gerichtet. »Wozu« erlaubt mir, mich anders zu entscheiden. Im »Wozu« habe ich keine unveränderliche Vergangenheit, gegen die ich mich stemmen muss. »Wozu« stellt mein gewohntes Denken auf den Kopf. »Wozu« ist für mich eine absolut magische Frage. Und ich kann nur empfehlen, beim nächsten Familienfest mal seine Lieben zu beobachten und wenn sie mal wieder etwas völlig absurdes tun oder sagen, sich zu fragen: Wozu macht die das? Wozu sagt der das? Die Antworten sind manchmal sehr erhellend.

Sujet Bi-Weekly

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