Falls ihr auf der Suche nach einem narrativen Rollenspiel seid, das sogar kostenlos erhältlich ist, falls ihr es bis zum 23. Juli über Steam installiert, empfehle ich The Life and Suffering of Sir Brante (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Natürlich ist dieses Geschenk von Publisher 101XP aus Zypern auch clevere PR für den heute erscheinenden Nachfolger The Life and Suffering of Prince Jerian, in dem so einiges modernisiert wurde. Aber dieses 2021 für PC und ein Jahr später für Konsolen veröffentlichte Fantasy-Abenteuer konnte mich überraschend gut unterhalten.
https://youtu.be/C6w_31mWz8A (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das lag nicht nur daran, dass ich ein Freund von Abenteuer-Spielbüchern bin, sondern dass eine interessante Geschichte mit Mystery-Flair rund um einen Mann erzählt wird, dessen Charakter man von der Kindheit an prägen kann - übrigens über den Tod hinaus, der sogar ein Ziel sein kann. Da es im Heiligen Arknischen Reich in drei Ständen streng hierarchisch und religiös zugeht, verläuft das Leben hier alles andere als leicht. Und obwohl immerhin ein Sir auf sein Leben zurückblickt, beginnt er es nicht als Adliger, sondern als bürgerlicher Bastard.
Innerhalb seiner Familie konnte sein Großvater zwar über seine Taten den Titel als Sir Brante gewinnen, aber sein Vater heiratete nur eine Bürgerliche. Das ist quasi eine Schande und der ererbte Familienkonflikt, der zu gnadenlosen Szenen führt, als der dominante Großvater zu Besuch kommt. Und der Konflikt wird durch einen älteren Stiefbruder einer adligen Mutter und eine Schwester seiner jetzigen Mutter noch verstärkt, denn auch die Beziehungen zu ihnen sind für die Zukunft relevant.
Von dem, was sich da alles bis auf politische Ebene zusammenbraut, ahnt man zwar noch nichts, wenn man seine ersten Entscheidungen beim Spielen mit seinen Geschwistern trifft. Aber alles, was man tut, wirkt sich direkt auf die bis zu zehn Punkte starken Attribute wie Bestimmung, Wahrnehmung, Willensstärke & Co und damit auf spätere Handlungsmöglichkeiten aus. Zwar wirkt es zu Beginn so, als hätte man die freie Wahl, wenn man seiner Mutter z.B. gegen den Großvater beistehen oder sie verraten kann.
Aber irgendwann ist nicht mehr alles verfügbar, denn man kann bestimmte Entscheidungen nur treffen, wenn man den Charakter bzw. die Werte dafür hat. Das kann sich seltsam anfühlen und ist nicht immer nachvollziehbar, aber das ist quasi das statistische Korsett des Rollenspiels, das man sich selbst schneidert. Und so bekommt das Spiel über seine fünf Kapitel von der Kindheit, Jugend und Vollmündigkeit bis zur Friedenszeit und dem finalen Aufstand eine taktische Note, bei der man gezielt auf Werte hin spielen kann.
Wenn man im normalen Modus spielt, sieht man zu Beginn des Kapitels Kindheit, welche Ereignisse bei welchen Werten geschehen können: Entweder die Fechtlektion, das Jenseits, das Sakrament des Edelmanns oder eine Offenbarung. Für Letztere, in der man Erkenntnisse dank seiner Mutter gewinnen würde, bräuchte man vier Punkte auf Wahrnehmung. Also müsste man bis zu diesem Ereignis möglichst so handeln, dass man selbige gewinnt. Natürlich kann man das auch spontan verwerfen, wenn es einem nicht gefällt. Und wer ganz auf Risiko gehen will, kann die Vorschau deaktivieren.
Ich hatte eingangs das Mystery-Flair erwähnt. Das entsteht schon kurz nach der Geburt im Jahr 1122, denn der Säugling sieht hinter der weichen Handfläche seiner Mutter und der geschlossenen Faust seines Vaters einen seltsamen Schatten. Er könnte jetzt entweder seine Mutter oder seinen Vater berühren oder den Schatten anlächeln, was ihm sofort mehr Willensstärke verleihen würde. Worum handelt es sich da? Eine Gottheit? Müsste man dafür den Weg des Geistlichen einschlagen, dem zweiten der drei Stände? Ich lass das an dieser Stelle mal offen.
Nur so viel sei gesagt: Man kann sich der so genannten Heiligen Zweifaltigkeit sowie dem Stände-System fügen oder es bekämpfen, seine Familie schützen oder skrupellos Karriere machen, als Adliger, Inquisitor oder Revolutionär inkl. eines Reinkarnationssystems, so dass man die Erfahrungen eines Lebens quasi in das andere mitnehmen kann. Letztlich orientiert sich die spartanische Spielmechanik an einem Buch, durch dessen vergilbte Seiten man blättert, während man Entscheidungen trifft. Es gibt ansehnliche schwarzweiße Zeichnungen und nur wenige Animationen, lediglich englische Sprachausgabe, aber man kann auch deutsche Texte aktivieren.
Unterm Strich erreicht The Life and Suffering of Sir Brante nicht diese elegante Sogwirkung wie etwa die inkle Studios mit ihrem vertikalen Storytelling in Steve Jackson's Sorcery! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), und wer es als narrativer Rollenspieler interaktiver in der Erkundung mag, der sollte besser Roadwarden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder Esoteric Ebb (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) spielen. Aber unterm Strich wird man hier für knapp acht bis zehn Stunden richtig gut unterhalten; und wer alle möglichen Enden sehen will, darf wesentlich mehr Spielzeit einplanen. Ich wünsche euch jedenfalls viel Spaß auf dieser durchaus dramatischen Reise.