Die Medizinerin Nadine Webering beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Nadine Webering ist Fachärztin für Neurologie und Ayurveda-Ärztin. Bei ihrer Arbeit verbindet sie ihr medizinisch-neurologisches Wissen mit den Prinzipien des Ayurveda zu einer, wie sie es nennt, „Neurointegrativen Medizin“.
Nadine Webering hat selbst erlebt, wie wichtig es ist, auf die Signale des Körpers und den eigenen Rhythmen zu achten. Vor ein paar Jahren verabschiedete sie sich von einem Leben als erfolgreiche Oberärztin mit viel Stress und Erschöpfung. Die Ärztin lebt jetzt in Panama und unterstützt insbesondere Frauen dabei „zu leben statt zu funktionieren“.
1. Lerche oder Eule?
Ich bin definitiv eine Lerche. Schon seit Jahren habe ich meinen Wecker nicht mehr gehört. Ich werde wach kurz vor Sonnenaufgang. Da ich in Panama lebe, ist das meist so gegen 6 bis 6:30 Uhr.
2. Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?
Auf jeden Fall eine Lerche zu sein. Denn das gibt mir die Möglichkeit meinen Tag mit dem Sonnenaufgang zu starten. Das ist nicht verhandelbar. Ich verbringe jeden Morgen mindestens 30 Minuten mit meinen Hunden am Strand und betrachte den Sonnenaufgang. Und auch danach ist es mir wichtig, dass mein Tag langsam beginnt. Termine habe ich nie vor 10 Uhr, damit mein Körper und Geist wirklich Zeit haben, im Tag anzukommen.
3. Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?
Das ist eine Frage der Definition. Ich bete nicht und folge keiner religiösen Richtung. Wenn Spiritualität aber die bewusste Verbindung mit sich selbst und mit etwas Größerem meint, dann würde ich sagen: Ja, ich pflege eine spirituelle Praxis. Für mich ist dieses Größere die Natur. Ich lebe direkt am Meer, ich surfe, ich gehe täglich raus. Diese Verbindung ist kein Ritual, das ich zu einer bestimmten Zeit ausübe. Sie ist die Grundlage, auf der mein Leben aufgebaut ist.
4. Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch ..)?
Ich habe gelernt, dass Vorbereitung für mich nicht funktioniert. Vor einem besonderen Ereignis ist unser System in einem aktivierten Zustand (Nervosität, Lampenfieber etc.) und das ist von der Natur auch so gemeint. Viele versuchen sich durch Atem oder ähnliches zu beruhigen.
Ich glaube nicht, dass es das braucht. Auch mentale Vorbereitung, also das Antizipieren, was mich erwarten könnte und wie ich reagieren sollte, habe ich eher als störend erlebt. Ich empfinde es als gesunder, einfach so zu reagieren, wie es für mich authentisch ist.
5. Was bringt Sie aus dem Takt?
Definitiv alles, was meinen natürlichen Rhythmus stört, sei es ein Jetlag nach einer Fernreise, ein Social-Jetlag, weil ich nicht ins Bett gegangen bin, wenn ich müde war, oder wenn ich nicht esse, obwohl ich hungrig war (passiert manchmal, wenn ich in den Arbeitsflow komme).
Da es für mich so normal ist, nach den Bedürfnissen meines Körpers zu leben, merke ich es relativ schnell, wenn ich es nicht tue – an meiner Energie, an meiner Stimmung und auch an meinem Stoffwechsel.
6. Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?
Früher hätte ich definitiv Sommer gesagt. Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Wärme. Seit ich in Panama lebe, wo es ja immer warm ist, ist es definitiv der Winter, was der Regenzeit entspricht. Im Sommer regnet es bei uns nahezu gar nicht, so dass die Natur vollständig verbrennt.
Für mich ist die schönste Zeit, wenn der Regen zurückkommt und alles wieder zum Leben erwacht. Diesen Moment habe ich in Deutschland nie als relevant empfunden, wahrscheinlich weil der Kontrast einfach nicht so groß war.
7. Schreiben Sie Tagebuch?
Nein. Ich habe viele Versuche hinter mir zu schreiben und habe jedes mal für mich festgestellt, dass es nicht mein Ding ist. Mit jedem neuen Trend zu schreiben (6-Minuten-Tagebuch, The Artist Way etc.) habe ich mir wieder erzählt, ich müsste es doch auch tun, und am Ende hat es mich einfach nur genervt. Heute erlaube ich es mir, dass das völlig okay ist.
8. Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?
Ich habe keine eigenen Kinder und würde auch nicht sagen, dass ich irgendwelche Rituale aus meiner Kindheit heute noch praktiziere. Wenn ich mich zurückerinnere, würde ich unseren Haushalt nicht als besonders rituell beschreiben.
Es gab kein Vorlesen vor dem Schlafengehen oder sonstige Rituale.
Was ich aus meiner Kindheit mitgenommen habe, ist eine Liebe für Pommes. Sie erinnern mich an Tage im Schwimmbad mit meinen Großeltern und immer wenn ich Pommes esse, gibt mir das ein wohliges Gefühl.
9. Tanzen Sie?
Gerne, aber unregelmäßig. Wenn ich irgendwo bin, wo Musik läuft, mit der ich resoniere (mitschwinge), bin ich die Erste, die aufsteht und tanzt. Ich plane aber nicht wirklich „tanzen zu gehen“.
10. Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?
Gar keine. Wenn der Tag anstrengend war ist es das letzte, was mein Gehirn braucht, noch mehr beschallt zu werden. Stille ist für mich ein Imperativ. Das war schon immer so. Ich habe noch nie zuhause, im Auto oder beim Spaziergang Musik gehört.
11. Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?
Mir nichts vornehmen. Meine Tage sind oft so voll mit Verpflichtungen, dass es sich für mich wie die größte Erholung anfühlt, keinen Plan zu haben. Ein freier Tag kann in der Natur stattfinden, beim Hiking oder Schwimmen im Wasserfall oder genauso gut auch mit einem Buch auf dem Sofa oder einer Runde Binge- Watching auf Netflix.
12. Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?
Ebbe und Flut. Als begeisterte Surferin fasziniert es mich total, diese Rhythmen zu beobachten, zu sehen, dass sie wie ein Uhrwerk sind und sich gleichzeitig trotzdem ständig verändern.
Manchmal sind die Wellen riesig, dann kaum vorhanden, manchmal ist unglaublich viel Wasser da (vor allem bei Vollmond) und dann kaum. Ich finde es unglaublich faszinierend, diese Kombination aus Struktur und Chaos zu beobachten.
13. Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?
Immer anders. Ich bin gar kein Freund von fixen Routinen. Wenn ich zwischen zwei Tasks eine Pause mache, schaue ich, was ich brauche. Ein Spaziergang, ein kurzer Sprung in den Pool oder das Meer, ein wenig Co-Regulation mit meinen Hunden oder meinem Partner.
14. Zeitung lesen: Papier oder digital?
Definitiv Papier. Allerdings lese ich keine Zeitung mehr. Schon seit vielen Jahren bin ich sehr selektiv geworden, wo ich meine Informationen her hole.
15. Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?
Immer das gleiche ist definitiv keine Option. Ich liebe es, neue Orte zu entdecken, neue Menschen kennenzulernen, Wissen auszutauschen.
Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/der Partnerin, der Familie?
Überhaupt nicht wichtig. Ich habe diese Konvention schon sehr lange losgelassen, da sie uns dazu zwingt, zu essen, obwohl wir vielleicht gerade gar nicht hungrig sind. Bei uns isst jeder, wann er mag. Wir müssen uns nicht beim Kauen zuschauen, um „quality time“ miteinander zu verbringen.
17. Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern“?
Ich glaube, dass solche Aussprüche zu eindimensional sind. Ich denke nicht, dass es wirklich komplett gegensätzliche Menschen gibt und ebensowenig genau gleiche. Wir bringen alle unser ganz eigenes Paket an Prägungen, Mustern, Erfahrungen und Vorlieben mit und eine gute Partnerschaft bedeutet für mich, das zu honorieren und weder sich, noch den Partner verändern zu wollen.
18. Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?
Ich lese aus Prinzip nicht im Bett, aber schon ganz gern vor dem Einschlafen auf dem Sofa. Meine aktuelle Lektüre: „The Wellness Trap“ von Christy Harrison.
19. Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?
Nein. Zahlen haben für mich keine symbolische Bedeutung. Ich bin kein Mensch, der in Zeichen denkt. Was zählt, sind Zustände, nicht Ziffern.
20. Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?
Alles, wo aus einem Ritual etwas wird, was nicht mehr bewusst gemacht wird. Wenn nur noch Checklisten abgearbeitet werden, bin ich raus. Was ich auch nicht mag (ich würde nicht sagen es ist mir unangenehm, aber es stört mich) ist kulturelle Aneignung ohne Seele.
Ich habe nichts dagegen, wenn wir als Westler fernöstliche oder südamerikanische Rituale übernehmen, nachdem wir sie erlernt haben und wirklich eine Beziehung dazu entwickelt haben. Es kann mich aber echt nerven, wenn Rituale einfach nur übernommen werden, weil sie eben grad zu diesem Hype dazugehören (Yoga ist ein gutes Beispiel dafür).
21. Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?
Takt ist für mich eines der interessantesten sozialen Konzepte, weil es so viel mehr ist als Höflichkeit.
Takt bedeutet, etwas wahrzunehmen und trotzdem zu schweigen. Oder genau im richtigen Moment zu sprechen. Es ist eine Form von Aufmerksamkeit, die nicht auf sich selbst zeigt. Wer taktvoll ist, lässt dem anderen seine Würde, ohne dass der andere es merkt.
Was mich daran fasziniert: Takt setzt ein feines Gespür für den anderen voraus, aber auch für den richtigen Moment, für Timing. Das hat etwas sehr Nervensystemisches. Takt ist im Grunde Co-Regulation ohne Worte.
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Mehr Rhythmus in die Welt bringen:
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