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„Wenn man in der Pause das Handy in der Hand hatte, war es keine Pause“

Der Psychologe und Autor René Träder beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Ein Mann mit hellem Hut, Bart und blauem Hemd blickt in die Kamera. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Der Psychologe René Träder (Foto: Steffen Hemesath)
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René Träder ist Psychologe, Autor und Ex-Journalist aus Berlin. Als Psychologe begleitet er seit vielen Jahren Entwicklungs- und Veränderungsprozesse von Einzelpersonen, Teams und Unternehmen im Rahmen von Coachings, Workshops und Vorträgen. Zu seinen zentralen Themen gehören psychische Gesundheit (Stress-Management, Resilienz und Achtsamkeit) sowie Teamentwicklung und kreative Brainstormings für Projektentwicklungen.

Im Juni 2025 erschien beim Herder-Verlag sein Stressbuch „Superkraft statt Superstress - In 7 Schritten raus aus der Stressspirale“.

1.     Lerche oder Eule?

Definitiv Eule. Ich liebe es, auszuschlafen. Und auch abends kann ich kreativ und produktiv sein.

2.     Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Ohne Wecker wach zu werden und nicht im Internet zu versacken, sondern möglichst schnell raus: Licht, Luft und Bewegung.

3.     Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Ich versuche, regelmäßig Dankbarkeit zu aktivieren und in Verbindung zu treten mit Natur, Herzensmenschen und Erfahrungen im Leben. Und auch die Beschäftigung mit dem Thema Tod gehört dazu.

4.     Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch …)?

Bei mir sind es Vorträge vor großem Publikum. Tatsächlich ganz klassisch: üben, üben, üben. Also konkret: die Präsentation immer und immer wieder laut durchsprechen und idealerweise vor vertrauten Menschen einen Probedurchgang machen. Sehr hilfreich ist es auch, den Ort vorab schonmal sehen und am besten auf der Bühne stehen zu können, damit das Gehirn einen Anker während der Vorbereitung hat und eine weitere Ungewissheit weg ist, um sich voll und ganz auf die Inhalte zu fokussieren.


5.     Was bringt Sie aus dem Takt?

Erwartungen: egal, ob realistisch oder unrealistisch, egal, ob eigene oder fremde, egal, ob an mich selbst oder an andere oder an etwas gerichtet. Erwartungen wiegen immer schwer und verändern so den Rhythmus.


6.     Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

Langweilige Antwort: Alle haben ihren Reiz. Empfinde ich aber wirklich so. Der Frühling mit den länger werdenden Tagen ist schön, weil hier so viel Energie, Vorfreude und Lust auf Aufbruch drinsteckt. Im Sommer liebe ich die lauen Nächte in der Großstadt, wenn die Häuser noch so viel Wärme abstrahlen und man mit kurzer Hose spätabends durch die Straßen spazieren kann.

Im Herbst ist jeder Sonnenstrahl Gold wert. Jetzt wird einem die Vergänglichkeit wieder vor Augen geführt und auch die damit verbundene Schönheit des Lebens. Und im Winter liebe ich das fiebrige Gefühl, das man hat, wenn man nach langen Spaziergängen wieder nach Hause kommt, und auch die Erfahrung von Schnee ist immer wieder faszinierend.

7.     Schreiben Sie Tagebuch?

Schon lange nicht mehr. Aber dafür nutze ich inzwischen mein imaginäres Diktiergerät und reflektiere den Tag immer wieder zwischendurch gedanklich.

https://www.renetraeder.de/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

8.     Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Ich lieb es – entweder für mich allein oder zusammen mit Freunden – von Zeit zu Zeit alte Kinderfilme und -serien zu schauen, die mich damals in den Bann gezogen haben. Das versetzt mich jedes Mal in einen ganz besonders schönen, innigen Zustand. Ganz oben auf meiner Liste stehen: Arabella die Märchenbraut, Der fliegende Ferdinand, Karlsson vom Dach, Spuk im Hochhaus/unterm Riesenrad/von Draußen. Und ein paar Mal im Jahr braucht es auch einen großen Teller Grießbrei.

9.     Tanzen Sie?

Nur wenn keiner hinschaut.

10.  Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, welche Musik hören Sie?

Keine. Dann braucht es erstmal Ruhe (Stille ist etwas ganz Wunderbares!). Und irgendwann dürfen dann Cat Stevens und Simon & Garfunkel zur Gitarre greifen.

11.  Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?

Ausschlafen, backen, ausführliche Interviews bei YouTube anschauen, mir selbst glaubhaft versichern, dass morgen ein viel besserer Tag zum Aufräumen ist, und dann hoffentlich nicht zu spät rausgehen und in der Natur sein oder über einen Flohmarkt schlendern.

12.  Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

Immer wieder aufs Neue die Jahreszeiten, aber auch all das Unrhythmische. All das, was die Natur im Sinne einer Reaktion, im Sinne eines Ausgleichens zustande bringt und so auf eine resiliente Weise auf Veränderungen, Eingriffe und scheinbare Enden reagiert. Es geht immer weiter, auch wenn sich alles ganz anders entwickelt.

13.  Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

Tatsächlich oft atmend, beispielsweise nach meiner 5-3-8-Methode (beim Einatmen bis 5 zählen, die Luft anhalten und bis 3 zählen und langsam ausatmen und dabei bis 8 zählen). Und ganz wichtig: Wenn man in der Pause das Handy in der Hand hatte, war es keine Pause.

Kostenfrei:



14.  Zeitung lesen: Papier oder digital?

Weder noch. Von Headline zu Headline springen und mal hier und mal dort einen kleinen Artikel lesen, sorgt (bei mir) entweder für Stress oder Ermüdung. Wenn ich etwas über diese Welt und aktuelle Themen verstehen möchte, hilft es mir, mich den Aspekten tiefergehend zu widmen.

Das geht zum Beispiel durch Bücher, Dokus oder längere Interviews, bei denen ich nicht nur (nicht zusammengekürzt) erfahren kann, was die Person gesagt hat, sondern ich möchte die Person auch hören. Ich möchte ein Gefühl zu ihr und zum Thema entwickeln können und eine fühlbare Verbindung eingehen, um mir eine Meinung zu bilden.

15.  Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

Es ist ein Mix. Es gibt ein paar Orte, die mich immer wieder aufs Neue anziehen: für Tagesausflüge Potsdam, ansonsten immer wieder gerne Warnemünde, die süddeutschen Berge und Nizza. Aber auf der Reiseliste stehen auch soooo viele Orte, die ich noch nie gesehen habe und das unbedingt noch möchte.

16.  Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/der Partnerin, der Familie?

Sehr. Das Alltägliche ist das Besondere.

17.  Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“

Es ist beides. Das „Andere“ ist spannend und das Salz in der Suppe, doch ohne gemeinsame Werte, Ziele, Rituale … ist eine Partnerschaft zu leben so unmöglich wie jeden Tag eine extrem gewürzte Suppe zu löffeln.

18.  Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Ich habe keinen Nachttisch. Ich lese tagsüber, am liebsten auf einer Bank im Park. Gerade lese ich ein altes Kinderbuch, das ich via eBay wiederentdeckt habe, und ein psychologisches Buch über Goethe.

19.  Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

Nein. Aber einige Ereignisse, die sich hinter bestimmten Daten verbergen.

20.  Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

Alle Automatismen rund ums Handy, die mir bei mir selbst bewusst werden. Und bei anderen: in der Öffentlichkeit das extrem laute Plaudern über Banalitäten, Privates bzw. private Banalitäten. ;-)

21. Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

 An der Frage finde ich interessant, dass mir durch sie bewusst wird, dass „taktvoll“ nicht in meinem Wortschatz vorkommt. Wahrscheinlich, weil ich damit auf eine negative Weise ein angepasstes, vielleicht sogar unauthentisches Verhalten verbinde, bei dem man etwas unterdrückt oder verschweigt, obgleich dieser Begriff ja auch mit Achtsamkeit, Feingefühl und einem respektvollen Umgang verknüpft sein kann.

Und so gesehen ist taktvoll etwas, was in unserem persönlichen Umfeld, aber auch im gesellschaftlichen Miteinander und auf der politischen Bühne vieles leichter und besser machen kann. Was steht uns – jetzt im 21. Jahrhundert – wohl im Weg? Das Ego? Die Gewohnheiten? Das Tempo? Der Stress?

“Taktvoll – über die Rhythmen des Lebens” ist ein Projekt der freien Wissenschaftsjournalistin Dr. Ulrike Gebhardt.

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Sujet Kultur + Rhythmus

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