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Strophe für Strophe: Paul Gerhardt für die Höhen und Tiefen des Lebens

Warum die Texte des Liederdichters, der vor 350 Jahren starb, auch heute noch zu Herzen gehen.

Gemälde eines mittelalten Mannes mit Bart im Pastorengewand. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Hermann Schweder, Bildnis Paul Gerhardt, Leihgabe des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, © Stiftung Stadtmuseum Berlin Foto: Oliver Ziebe
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„Paul Gerhardt? Was hat denn der mit Rhythmus zu tun?“, war die Reaktion in meinem unmittelbaren Umfeld, als ich laut über die Idee nachdachte, einen Taktvoll-Impuls über den Liederdichter, der vor 350 Jahren, am 27. Mai 1676, starb, zu schreiben.

Paul Gerhardt und Rhythmus? Na klar!

Gerhardt war evangelischer Theologe und einer der bedeutendsten Kirchenliederdichter. Ihm verdanken wir Liedtexte wie „Ich steh an deiner Krippen hier“ und „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Natürlich reißen uns viele seiner Zeilen heute nicht mehr so vom Hocker. Die Sprache ist alt, der Inhalt teils fremd, der Kirchgang rückläufig – und wer schlägt schon daheim das Gesangbuch auf?

Dennoch: Gerhardts Reime und Rhythmen haben Jahrhunderte überdauert, weil sie aus dem Herzen geschrieben sind und die entscheidenden Themen jedes Menschenlebens ansprechen. Sie können uns auch heute noch auf Wegstrecken des Lebens begleiten. Das unterscheidet sie von so manchem leeren Getöse unserer Zeit, das den Menschen in Wirklichkeit alleine zurücklässt.

Wer war Paul Gerhardt?

Gerhardt wurde 1607 im kleinen Ort Gräfenhainichen bei Wittenberg in eine Gastwirtsfamilie hineingeboren. Wie seine Lebensdaten erahnen lassen, war es eine schwierige Zeit: Gerhardt erlebte den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), Hungersnöte, die Pest, die über das Land rollte, und Konfessionsstreitigkeiten nach der Reformation im Jahr 1517.

Der Journalist Jens Bayer-Gimm listet im „Sonntagsblatt“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) die Verlusterfahrungen auf, die Gerhardt Zeit seines Lebens machte: „Mit 12 Jahren verliert er seinen Vater, mit 14 Jahren die Mutter. Als er 20 ist, stirbt sein Bruder. Vier seiner fünf Kinder sterben innerhalb der ersten zwei Lebensjahre.“

Sein Lebensweg ist alles andere als geradlinig: „Viele Jahre lang ist er Student (an der Universität Wittenberg) und Hauslehrer“, schreibt Bayer-Gimm, erst mit 44 Jahren sei er zum Pastor ordiniert worden. Einige Jahre zuvor war er nach Berlin gegangen. Warum, ist unklar.

Dichterwerk und Themen

In Berlin begannen Gerhardts Aktivitäten als Dichter. „Die Dichtung galt damals als Handwerk“, schreibt der Kantor Michael Seibel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Doch Gerhardts Reime bzw. Lieder seien mehr als Handwerk: „Wohl vor dem Hintergrund der Grauen des Dreißigjährigen Krieges hat Gerhardt seinen ganz eigenen Stil gefunden, in irdischen Schönheiten die Vorboten des kommenden Paradieses zu sehen“, so Seibel – das ist durchaus etwas anderes, wie ich finde, als allein auf ein zukünftiges Paradies zu vertrösten.

Das Kirchenschiff der Berliner Nikolaikirche, mit weißen Säulen und Orgel. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
In der Berliner Nikolaikirche.

Kurz vor seinem 60. Geburtstag stirbt seine Frau Anna Maria mit 46 Jahren. Sein einziger noch lebender Sohn Paul Friedrich erkrankt schwer.

Gerhardt „hat es geschafft, die Herausforderungen und Schwierigkeiten auf poetische Weise zu bewältigen“, sagt der Theologieprofessor (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Peter Zimmerling gegenüber dem Sonntagsblatt. Er habe seine Lieder gleichsam an sich selbst erprobt.

Auffällig der häufige Gebrauch der Wörter „ich“ oder „wir“; jeder Mensch könne die Lieder für sich auch einzeln sprechen oder singen, so Zimmerling.

Und: „Das häufigste von ihm verwendete Wort ist ‚Herz‘ – als Zentrum des affektbestimmten (stark von Gefühlen gesteuerten) Menschen zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt", sagt der Erlanger Kirchenmusik-Professor Konrad Klek.

Kostenfrei🌈:

Gerhardts Lieder spiegeln die ganze Bandbreite des menschlichen Erlebens wider. Seine Dichtung  beschreibt im beschwingten Sprachrhythmus auf der einen Seite Freude und Hoffnung, „Fröhlich soll mein Herze springen“, auf der anderen Seite in getragenem, klagendem Versmaß Erfahrungen von Leid und Schmerz, „Befiehl du deine Wege“.

Text und Melodie

Der Liedtext braucht die Melodie. Diejenige zu „Geh aus mein Herz und suche Freud“, wie wir es heute singen, stammt aus einer völlig anderen Epoche als der Text. Der deutsche Komponist Augustin Harder (1775 bis 1813) schuf sie zunächst für ein Volkslied.

Zu Gerhardts Lebzeiten sorgte ein anderer dafür, dass sich die Texte und dann eben auch die Lieder schnell verbreiteten: „Die Begegnung von Paul Gerhardt und dem Komponisten Johann Crüger ist wohl einer der größten Glücksfälle der Geschichte der protestantischen Kirchenmusik. Die beiden waren das, was man heute ein „Dream-Team“ nennen würde“, heißt es in einer Dokumentation des SWR (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Crüger, Kantor der Berliner Nikolaikirche, komponierte Melodien zu 90 der insgesamt 140 Liedtexte von Paul Gerhardt. Einige davon veröffentlichte er im Gesangbuch „Praxis Pietatis Melica“, zum Beispiel „Fröhlich soll mein Herze springen“ und „Ich singe dir mit Herz und Mund“.

Das Titelblatt, schwarz-weiß, eines historischen Gesangbuchs: (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Titelseite PRAXIS PIETATIS MELICA XII. Edition, 1666 – © Stiftung Stadtmuseum Berlin

Paul Gerhardt spielte auch für Johann Sebastian Bach eine bedeutende Rolle. Dieser komponierte unter anderem Melodien zu „Befiehl du deine Wege“, „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, „Wie soll ich dich empfangen“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“. „Was nicht ganz selbstverständlich ist, da die Dichtungen noch verhältnismäßig neu waren und Leipzig (wo Bach wirkte) sehr konservativ“, schreibt Carsten Weibisch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Kantor an der Christuskirche Karlsruhe.

Persönliche Erinnerung

Meine persönlich schönste Erinnerung an „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit“ stammt aus einem Gottesdienst in der Prerower Schifferkirche auf dem Darß vor vielen Jahren. Zusammen mit den anderen Urlaubenden saßen wir in der Kirchenbank, schauten auf die von der Decke herabhängenden Schiffsmodelle und stimmten in den vollen Gesang der anderen ein: Der bunt gemischten Gemeinde war die Vertrautheit mit dem Lied und vor allem die Freude und Dankbarkeit über die Erholungszeit an diesem schönen Ort deutlich anzumerken.

(Orgel: Wolfgang Kindl, EG 503 Geh aus mein Herz und suche Freud)

Taktvoll-Tipp: Wer sich näher mit Paul Gerhardt beschäftigen möchte, findet HIER (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) alle seiner 140 Liedtexte. Für Sportliche: Dieser 140 km lange Städtewanderweg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) folgt dem Lebensweg Paul Gerhardts von Berlin über Mittenwalde nach Lübben (Spreewald).

Taktvoll ist ein Projekt der freien Wissenschaftsjournalistin Dr. Ulrike Gebhardt. Damit es weitergehen kann:

Danke!

https://steady.page/de/taktvoll/posts/e3090402-632c-4e12-964f-b44743c222fa (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)https://steady.page/de/taktvoll/posts/2d9054fc-35ae-440a-9691-ff093a94fe06 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)https://steady.page/de/taktvoll/posts/012633f1-1b4b-4647-a195-1daa3f245b9e (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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Sujet Spiritualität + Rhythmus

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