Rhythmus und die Geschichte der modernen Biologie: Erst der Wechsel ruft den Körper ins Leben und hält ihn am Leben. “Alles ist Übergang zum Nächsten.”
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Wort „Rhythmus“ begegnet uns im Alltag in verschiedenen Zusammenhängen: „Mein Biorhythmus ist halt anders!“, „Sie hat ein sicheres Rhythmusgefühl“, „Mein Tagesrhythmus ist recht eintönig“, „Ich mag den Rhythmus der Jahreszeiten“, „Zu diesem Rhythmus lässt es sich gut tanzen“, „Sein Atemrhythmus ist schnell“, „Sie haben eine Herzrhythmusstörung“.
Was ist Rhythmus überhaupt?
Das Wort „Rhythmus“ stammt ab vom griechischen „rhythmós“ und bedeutet „Gleichmaß“, „Takt“ oder „Zeitmaß“. Es steckt aber wohl auch das Griechische „rhein“ darin für „fließen“ oder „strömen“. Wir haben es also offenbar mit einem Phänomen zu tun, das durch eine Regelmäßigkeit geprägt ist oder in dem Wiederholungen stecken, quasi greifbare Einheiten in einer fließenden, strömenden, sich verändernden Zeit.
Die Wissenschaftshistorikerin Janina Wellmann beschäftigt sich in ihrem Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „Die Form des Werdens“ mit dem Rhythmus als neuem Vorstellungsbild der Naturwissenschaft zum Zeitpunkt der Geburt der modernen Biologie, also der Wissenschaft vom Lebendigen, von etwa 1760 bis 1820.
In der Zeit davor hatten die Naturforschenden Tiere, Pflanzen und Gesteine hauptsächlich gesammelt und klassifiziert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Mit dem Beginn der modernen Biologie kam die dynamische Komponente des Lebens hinzu: Blut zirkuliert, das Herz schlägt, Drüsen arbeiten, Stoffe wandeln sich andauernd in andere um, nichts bleibt, wie es ist.
Der Anatom und Arzt Johann Christian Reil (1759 bis 1813) etwa schrieb über die periodischen Wechsel in der Natur: „Jede Pflanze blüht, die Früchte reifen, die Tiere (sich) begatten, … tragen und werfen zu bestimmten Zeiten.“
„Wiederholung, Regelmaß und Variation“ – der Rhythmus in der Embryologie
Caspar Friedrich Wolff (1733 bis 1794), Anatom, Physiologe und Botaniker, gilt als Begründer der Embryologie. Er erforschte, wie sich Strukturen und Organe aus der „ursprünglich formlosen Masse des Eies“ bilden. Der Embryo entwickle sich in Form eines rhythmischen Prozesses aus „Wiederholung, Regelmaß und Variation.“ Wolff untersuchte zum Beispiel bebrütete Hühnereier und hielt zeichnerisch fest, wie sich aus einer zunächst blattartigen embryonalen Struktur der Darm des Vogels entwickelt.
Seine im Jahr 1768 veröffentlichte Schrift „Über die Bildung des Darmkanals im bebrüteten Hühnchen“, in der er seine Beobachtungen niederschrieb, gilt als grundlegendes Werk der Embryologie.
Typisch für die Zeit sind von den Forschenden erstellte zeichnerische Darstellungen in Form von Tafeln: Johann Rösel von Rosenhof (1705 bis 1759) war Naturforscher, aber auch Miniaturmaler und Kupferstecher. Von ihm stammt etwa die Tafel „Von der Kaulquappe zum Frosch“ (Historie Naturalist ranarum, 1758). Bekannt ist auch Thomas von Soemmerings (1755 bis 1830) „Icones embryonal humanorum“, eine Darstellung der menschlichen Embryonalentwicklung von 1799.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Johann Moritz David Herold (1790 bis 1862), Arzt, Anatom und Zoologe, erforschte die Metamorphose der Insekten. Man wusste bereits von den verschiedenen Entwicklungsstadien Ei, Larve, Schmetterling (Käfer), doch wie genau die Umwandlung lief, ob es dasselbe Tier war, das nur in einem anderen Mantel steckte, oder ob es unterschiedliche Arten waren, war bis dahin rätselhaft. Herold untersuchte hauptsächlich den großen Kohlweißling (Papilio brassica).
Goethe und die rhythmische Organisation der Natur
Im Jahr 1790 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe sein Lehrgedicht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“. Die Idee dafür entstand wohl (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)auf seiner Italienreise. Die üppige Vegetation in den südlichen Gefilden hatte ihn angeregt, über das Pflanzenwachstum nachzudenken.

„Ein jeder, der nur das Wachsthum der Pflanzen einigermaßen beobachtet, wird leicht bemerken, daß gewiße äußere Theile derselben, sich manchmal verwandeln und in die Gestalt der nächstliegenden Theile bald ganz, bald mehr oder weniger übergehen.“
Wenn Goethe von Metamorphose spricht, meint er die rhythmische Organisation der Natur, im engeren Sinne den Prozesse, in dem aus den Keimblättern die pflanzliche Grundgestalt entsteht „das Gesetz ihrer kontinuierlichen Umbildung, den Puls von Ausdehnung und Zusammenziehung, nach dem Organische besteht und vergeht“, schreibt Wellmann.
Die Wissenschaft von den Funktionen und Abläufen im Organismus, die Physiologie, entstand um 1800. Sie stellte immer deutlicher heraus, dass Materie ständig wechselt. Alles Materielle in unserem Körper ist quasi in jedem Moment anders. „Erst dieser Wechsel, das kontinuierliche Umbilden“ ruft den Körper ins Leben und „hält ihn am Leben.“ Alles ist Übergang zum Nächsten, Leben ist nichts Dauerndes, so Wellmann.
Auch Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) hat sich mit dem Rhythmus beschäftigt. Seiner Ansicht nach entfalteten Musik und Dichtung nicht nur deshalb ihre ganz besondere Kraft, weil sie selbst rhythmisch sind. Sie berühren uns so stark, weil wir Menschen und auch das Leben „eine fortwährend rhythmische Bewegung“ seien. Die Macht des Rhythmus ist nach Nietzsche physiologisch begründet: „Rhythmus ist die Form des Werdens, überhaupt die Form der Erscheinungswelt.“
(Text: Dr. Ulrike Gebhardt)
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