Samuel ging auf den großen Spiegel am Ende des Flures zu. Mit jedem Schritt wurden die feinen Fältchen in seinen Augenwinkeln deutlicher. Wie Fächer zogen sie sich über seine Schläfen. Auf seinem Gesicht lag schon die ganze Zeit während des Abendessens ein sanftes Lächeln. Jetzt hatte es den Ausdruck zurückhaltender Erhabenheit. Überheblichkeit war ihm fremd. Vielleicht ein Anschein von Selbstzufriedenheit?
Samuel blieb stehen. Im Spiegel sah er die Tür am anderen Ende des Flures. Noch immer war Klaviermusik zu hören. Johann Sebastian Bach hatte dieses Stück für den Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg komponiert. Der sollte damit den Grafen Keyserlingk, den russischen Gesandten am Dresdner Hof, in schwermütigen, schlaflosen Nächten ein wenig aufheitern. Beim Gedanken an den Namen Goldberg und daran, wen Samuel bei den Klängen der Goldberg-Variationen im Esszimmer zurück gelassen hatte, musste er schmunzeln.
Samuel liebte die Goldberg-Variationen. Oft ließ er die Musik während seiner Behandlungen ablaufen. Ihre Klänge breiteten sich wie zarte elektrische Ströme durch jede Faser seines Körpers aus und sorgten für ein erhabenes Gefühl. Er war es dann, der alles unter Kontrolle hatte. Seine Patienten hingegen zeigten von Variation zu Variation eine veränderte Stimmungslage. Samuel fand damit bestätigt, dass Gefühle reine Chemie waren. Stürme von Neurotransmittern, welche durch die Körper zogen. Und ab und an gab es ein Gewitter uns es kam zu Gefühlswallungen und Gefühlsausbrüchen.
Samuel besah sich weiter im Spiegel. An seinen Lippen fiel ihm ein winziges, letztes Stück des köstlichen Mahles auf. Es war ein kleiner Fetzen Fleisch. Mit einer unauffälligen Bewegung seiner Zunge nahm er auch diesen Teil in sich auf.
Von der Garderobe nahm er Schal und Mantel. Beides legte er sich über den linken Arm. Die milde Nacht würde ihm gut tun. Als er die Türe öffnete, huschte ein weißer Pudel über seine Füße. Samuel erinnerte sich jetzt. Der Herr des Hauses hatte das Tier, um ungestört zu sein, in den Garten ausgesperrt. Samuel war das unangenehm. Denn es geschah ja wegen seines Besuches. Wie hieß doch gleich der Hund? Samuel konnte sich nicht erinnern.
Noch bevor Samuel die Türe von außen schloss, war der Pudel den Flur entlang ins Speisezimmer gerannt und hatte dort sein Herrchen entdeckt. Über einen der Stühle kletterte er auf das weiße Tischtuch. Etwas unsicher tapste er über Beine, Bauch und Brust seines Herrchens. Dabei stieß er eines der beiden Champagner-Gläser um. Es geriet ins Wanken, kippte und fiel auf einen Rest nicht aufgegessener Hühnerbrust. Ein schmatzendes Geräusch mischte sich unangenehm unter die Klaviermusik. Der Pudel kam schließlich beim geöffneten Mund seines Herrchens an. Er leckte dessen Lippen, die Wangen, die Schläfen, die Stirn und schließlich streifte seine Zunge über die scharfe Kante des geöffneten Schädels. Der Pudel stutzte. Er schnüffelte, streckte sein Näschen ins Innere der Hirnschale. Sein Herrchen sah irgendwie anders aus. Etwas fehlte. Wo war die hohe Stirne und der Haarkranz?
Und was von der Hirnmasse nicht bereits ausgeschabt war, das schleckte jetzt der Pudel mit seiner kleinen Zunge auf. Dabei bekam das kleine, wollige Köpfchen einen rosaroten Anhauch.
Samuel stand an der Gartentüre, da erinnerte er sich an den Namen des Pudels. Candy. Ein süßer Name. Dabei fiel Samuel auch ein, dass er das Dessert völlig vergessen hatte. Er zögerte. Sollt er zurück gehen? Aber sein Blick fiel auf die inzwischen verschlossene Tür. Nein. Er würde in einem Café auf dem Weg noch eine Crème Brûlée nehmen.
Weiter im Text?
Ist das der Beginn einer Geschichte, die es sich lohnt, weiterzuschreiben?