Passer au contenu principal

INFEKTIÖSE WORT-BILDER

LITERATUR-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„[...] Verliebtheit war es nicht, eine tiefere Liebe, und Lebensgier und Todessüchtigkeit; war es nicht ein Wahnsinn zu zweit, es war aber auch, wusste ich, die suchthafte Neigung, der beharrliche fast wütende Versuch, sich an einen andern zu verlieren, sich im andern wiederzufinden, aber man spüre wohl immer nur sich selbst, nur mit dem Jungen mit den unruhigen Augen hatte ich ein halbes Jahr der absoluten Liebe lang immer ihn, nur ihn gespürt, und der zur Seuchenzeit allgemein gepriesene Gummi förderte es wohl auch nicht sonderlich, das Aufgehen im Andern, Geliebten, dass man einzig ihn noch spürte, nicht sich selbst, das klang schon wie Hohn, [...]“

Solch wallende Wortschwälle Walter Vogts nennt Kim de l'Horizon in seinem „Nachbeben“ Im Spiegel aus Fell „geschreit-flüsterte Sätze“, vergleicht den im Wallstein Verlag im Rahmen der neuen Buchreihe >>Reihe der Autor:innen<< des Vereins ALIT – Netzwerk für Literatur erstmals publizierten, von Guy Krneta herausgegebenen Text Zwei Männer in einem Raum mit einem „rauschhaften Schnellzug“. Beides trifft zweifelsohne auf den 1986 letzten verfassten Text des 1988 in Muri bei Bern gestorbenen Mediziners Vogt, der nach Krankheit ab den 1960er-Jahren schriftstellerisch tätig wurde, zu. Rauschhaft, soghaft, abstoßend, anbiedernd, greifend, (dezent) rassistisch und sexistisch, suchend und suchtend, erklärend und verklärend, drängend und eindringend, ...

Eine ganze Reihe Begriffe mögen den geneigten Leser*innen zu der knappen Erzählung um diese zwei Männer in einem Raum, in einem Bett in den Kopf kommen. Er, der Erzählende, das autofiktionale Ich, „welches sich eine homosexuelle Identität erschreibt“ (de l'Horizon), der „Davongekommene“ betrachtet in einer „zweiten, geschenkten Nacht“ den schlafenden, „rauchschütige[n], testpositive[n] Freund“, gemeinsam seien sie trotz aller „Entfernungen und Entfremdungen“ immer „wir“ gewesen.

Der Psychiater und Schriftsteller Walter Vogt (1927 - 1988) in einer Schwarz-Weiß-Porträtaufnahme mit Strickjacke und dicker Brille // Foto: privat
Der Psychiater und Schriftsteller Walter Vogt (1927 - 1988) // Foto: privat

Es sind bei aller Wort-Vehemenz oftmals wunderbare Sprachbilder, die Vogt uns mit seinem Maschinentext imprinted. In seinem Monolog zu sich, dem wesentlich jüngeren Infizierten, dem (womöglich zunächst gar nicht vorgesehenen) Lesepublikum, denkt der „Verschonte“ über ein „grausiges Triumphgefühl“ in der „Gegenwart der Bedrohung“, Narzissmus als Lebensschutz, einen „Schutzwall der Rationalisierungen“, „anfallsweise[n] Alkoholismus“ und „vogelhaftes Gewicht“, „lebenslängliche punktuelle Monogamie“ sowie „lebenslängliche Abschiede“, gekauften Sex und vergangene Liebschaften, „verschleppte Liebe ohne Bett“, vermeintlichen Kitsch im wenig gefühlvollen Leben, Orgasmen mit und ohne Vorsicht, Projektionen und ungerechte Positionen, „Suizidunfälle“, die gut für die „Seuchenstatistik“ wären, Autoren und sich gegenseitig berauscht tötende Künstler, Wein ohne Kopfweh, das Trennende und Verbindende, Katzen und Frauen, Identität und „echte“ Homosexualität nach.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/696b95fc-a052-4cac-be24-867bb1359ed5 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Wir merken, dass hier ein „alter, weißer Mann“, Vogt wurde 1927 in Zürich geboren, schreibt, dies wohlgemerkt zu einer Zeit zwar der Nicht-Mehr-Illegalität von Homosexualität, wohl aber des Stigmas. Ein „Coming Out 1980 [war] sozialer Suizid“, wie Kim de l'Horizon es im Nachbeben, das sich kritisch mit den rassifizierenden und kapitalistisch gelesenenTeilen des Textes auseinandersetzt. Hier nimmt Vogt sich nichts zu einem (im Text erwähnten) Pier Paolo Pasolini oder Hervé Guibert oder „unsren allseitig gepeitschte[n] Philoqueen“ Michel Foucault.

Begrüßenswert ist, dass in dieser neuen Reihe literarisch wie wohl auch zeitgeschichtlich wertvolle Texte nicht einfach nur gedruckt stehengelassen, sondern zeitgleich und -geistig in „Begegnungen“ eingeordnet werden. Selbstredend gibt es vor dem Nach- noch ein Vorbeben. Dieses ist ein Text von Christoph Geiser, ein „Zeit- und Weggenosse Vogts“, dem die Überschrift entlehnt ist, der im Rahmen einer „Flucht – aus der Enge einer verlogenen Liebesbeziehung“ von Bern nach Berlin kommt, im „Juni 83“ in einen lustigen Westberliner Kiez (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gerät. Coming Out, verzweifelte Gier, Liebe, Virus und „weiter vögeln“: Es findet sich bei ihm wie Vogt der „verhängnisvolle Zusammenhang von Liebe und Tod, Liebe und Sexualität und Tod.“

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/80eacff1-d633-4df0-8528-7be0901d3cff (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Neben sprachlicher Brillanz – größtenteils übrigens aller drei Texte, wie vor allem Kim de l'Horizons inhaltlich zwar unausgegorener, dafür bissig unterhaltsamer „Histropoetry“ Europas, die Teil des Nachbebens ist –, einem nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert, emotionaler Intelligenz und einiger Reflexion von (Eigen-)Liebe und (Selbst-)Sucht, trifft der bebende Text, dem die Lust auf eine Kippe anzumerken, abzulesen ist, hier auf fruchtbaren Geistes- und Körperboden, da er sich stellenweise close to home anfühlt:

„[...] und genau genommen ist unsere Geschichte auch wieder, und gerade in ihrer Intimität, eine sehr allgemeine Geschichte, sie verlief genau wie derartige Geschichten im Allgemeinen verlaufen, kurze Zeit, eigentlich kaum Zeit, waren wir Lovers, dann fanden wir zu einer langen, guten, melancholischen Arbeitsfreundschaft zurück, aber auch Arbeitsfreundschaft ist nicht das richtige Wort.“

Klingt bekannt, vertraut. Wie auch der Gedanke, dass eine „normale Freundschaft“ zwischen dem Denk-Selbst-Sprech-Ich und dem „Jugenschlaf“-Er kaum möglich sein könne. Tja: So wenig wie mensch den Tod abtreiben, um mal ein Bild aus Geisers Vorbeben aufzugreifen, oder sich ihn abluchsen kann, wieder Vogt, so wenig kann verhindert werden, dass ein vierzig Jahre alter (und eben auch gealterter), von de l'Horizon passend „high voltage Memoiren“ genannter, Text manch heutige Gefühlsrealität spiegelt.

Und nu isch Zyt, dass ihr euch mit diesen zwei Männern in einem Raum und drei Schreibenden in einem Band befasst.

AS

PS: Es sollte wertgeschätzt werden, wie und in welcher Form Walter Vogt Betrachtungen und eigene Gedanken zu Literatur und Kunst, Autoren und Umgebungen formt und formuliert. Er verstand es gekonnt, mit Inhalten zu arbeiten, sie sich zu eigen zu machen, ohne sich darin zu suhlen. Das hat er manchen Autor*innen, die sich heute beklatscht und vor Kitsch triefend mit Einsamkeit und Liebe befassen, dabei die „großen Namen“ lediglich paraphrasieren und so gut wie keine eigenen Gedanken in ihre Texte einbringen, voraus.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/3a4cb3b1-c16a-4d37-88e5-d89a20c08321 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

PPS: Bei literarischen Texten für „Erwachsene“ und deren (kritischen) Einordnungen nach wie vor kein Freund von Triggerwarnungen.

PPPS: Kim de l'Horizons Einordnungen sowie die darin enthaltenen Auslassungen (hä?!), teils durch Einseitigkeit, teils durch schlichtes Nicht-Erwähnen, werden an anderer Stelle aufgegriffen, wenn wir uns mit ähnlichen Texten zu „Koordinaten von Identität und Sexualität“ befassen.

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Facebook (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Walter Vogt: Zwei Männer in einem Raum. Erzählung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); August 2025; Erster Band der Reihe der Autor:innen, herausgegeben von Guy Krneta, mit einem Vorbeben von Christoph Geiser und einem Nachbeben von Kim de l’Horizon; 94 Seiten; gebunden, mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-8353-5816-4; Wallstein Verlag; 20,00 €

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/f2573a28-a810-4e36-9431-22d8a4d44523 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Sujet Belletristik & Literatur

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de the little queer review et lancez la conversation.
Adhérer