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SWEET DREAMS

FILM-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Was macht eigentlich X (beliebigen Namen einsetzen)? Kürzlich stellte ein bekannter Publikumsverlag diese Frage auf Instagram, um damit ein Buch zu bewerben. Aber wir kennen doch alle das Gefühl, wenn ein Star aus Jugendzeiten, von dem mensch jahrelang nichts gehört hat, auf einmal in der Klatschspalte oder im Reality-TV auftaucht. Oder haben wir uns nicht alle am Leid von Britney Spears in gewisser Weise ergötzt?

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/20564bc0-92b6-49f3-b52c-a1914ee055f6 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Britney hatte ihre größten Hits um die Jahrtausendwende, hat es aber zumindest doch zu ein paar mehr gebracht. Anders der fiktive Charakter Daniel Nowack (Florian David Fitz), der zwar zu einer ähnlichen Zeit (2003 – wir erinnern uns: das war der erste von schon mehreren „Jahrhundertsommern“) einen Mega-Hit landete, aber nach „Time Time Time“ kam da nichts mehr.

Abgehalftert im Möbelhaus: Daniel N. (Florian David Fitz) // Copyright Warner Bros. / Lars Nitsch
Abgehalftert im Möbelhaus: Daniel N. (Florian David Fitz) // Copyright Warner Bros. / Lars Nitsch

Der Filmtitel No Hit Wonder, den sich Regisseur Florian Dietrich und Florian David (hier plus Fitz) als Drehbuchautor erdacht haben, passt zwar nicht, denn einen Hit hatte der Hauptcharakter ja. Dennoch erfüllt Nowack alle Klischees, wie uns direkt eingangs präsentiert wird: Von der großen Bühne ging es über die Bars der Late-Night-Shows in den Dschungel, in die Baumärkte der Republik und die Bedeutungslosigkeit. Und selbst über den vermeintlichen Selbstmordversuch Nowaks scheint sich kein Medium von annähernder Relevanz interessiert zu haben (das erinnert in der Tat an ein paar Pop- und Schlagerstars, die irgendwann unter „ferner sangen“ liefen oder bei deren Todesmeldung mensch denkt: Ach, soundso lebte noch?!).

So landet Nowak nach seinem Backendurchschuss („selbst zum Sterben zu blöd“) in der geschlossenen Anstalt, in der Dr. Dr. Lissi Waldstett (Nora Tschirner) ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit der Glücksforschung nachgeht und nach Kräften versucht, hierfür bei der Klinikleitung Gelder locker zu machen. Es geht dabei um eine Gesangstherapie und wie Musik das Leiden von Menschen mit Depressionen und ähnlichen Krankheiten lindern kann. Und mit Daniel Nowak scheint sie ein passendes Mitglied für diese Gruppe gefunden zu haben.

Partners in Musiktherapie: Lissi (Nora Tschirner) und Daniel (Florian David Fitz) // Copyright Warner Bros. / Lars Nitsch
Partners in Musiktherapie: Lissi (Nora Tschirner) und Daniel (Florian David Fitz) // Copyright Warner Bros. / Lars Nitsch

Die beiden tun sich einigermaßen notgedrungen zusammen und so entspinnt sich über rund 90 Minuten eine Geschichte, die vieles in sich vereint: ein gefallener Star, der wieder versucht, auf die Beine zu kommen, eine Wissenschaftlerin, die am System und an sich selbst verzweifelt, aber eben auch Themen wie mentale Gesundheit und Depression (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Kameradschaft und die Verbundenheit, die uns in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie verloren zu gehen droht – vielfach vielleicht bereits ist. Ach ja, und Musik gibt's natürlich auch in rauen Mengen.

Mit dieser Mischung sprechen die Macher*innen eine Reihe von spannenden und gesellschaftlich relevanten Themen an, die sie um die gut besetzte Testgruppe von Lissi sowie die... sagen wir etwas ruppige Beziehung zwischen ihr und Nowak herum aufbauen. Beide Geschichten können als Hauptstränge gesehen werden, um die sich die anderen Schauplätze nach und nach aufbauen.

Bunte Truppe in NO HIT WONDER // Copyright Warner Bros. / Lars Nitsch

Das machen sie sehr gut und nachvollziehbar, auch wenn sich manch eine Entwicklung oder ein Szenenwechsel doch etwas abrupt anfühlen und sie mit der Methode Holzhammer daherkommen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Die Themenliste in diesem Film ist sehr breit und gerade zum Ende hin wirkt es so, als ob hier noch viele Punkte und Entwicklungen erzählt werden wollten, doch Zeit und vielleicht auch das Budget dafür fehlten. Hier wollten die Macher*innen an manchen Stellen wohl ein wenig zu viel.

Gleichzeitig schafft No Hit Wonder es dennoch sehr gut, die Emotionen des Publikums anzusprechen. Zwar ist der Film inhaltlich einigermaßen vorhersehbar, funktioniert auf der Gefühlsebene allerdings sehr gut und lässt uns mit den Charakteren der Erzählung solide mitfiebern, ja mit manchen sogar einigermaßen gut identifizieren.

https://www.youtube.com/watch?v=gKiWM_2IGjM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

No Hit Wonder stimmt damit in den Chorus einer Gruppe von Filmen ein, wie wir sie aus deutscher Produktion (und Filmförderung) gut kennen und erwarten. Da ist relativ wenig Frisches oder Experimentelles dabei (Ausnahmen bestätigen die Regel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Doch Deutschland ist ja auch nicht unbedingt bekannt dafür, dass seine Kunst so subversiv sei. Da halten wir es eher mit den Naturwissenschaften, wo wir Grundlagenforschung schätzen und fördern. Und selbst diesen Spin bekommt No Hit Wonder durch die zentrale Studie von Lissi gut hin. Der Wohlfühlfilm ist auf jeden Fall eine Empfehlung für alle, die sich an grauen Herbsttagen ein wenig Flucht aus dem vielleicht selbst einigermaßen tristen Alltag gönnen möchten.

HMS

PS: Der Titel „Time Time Time“, der Daniel bekannt gemacht hat, ist tatsächlich sehr eingängig und klingt so, als ob er 2003 echt ein Hit hätte werden können. Auch die Story, wie es zu dem Hit kam, ist so abstrus, dass sie schon wieder witzig ist. Allerdings stellt sich aus heutiger Sicht – und im Hinblick auf diese Story – die ernst gemeinte Frage: Wurde der Song mit KI geschrieben? („Liebes LLM, bitte komponier einen Song, der 2003 zu einem Mega-Hit geworden wäre.“)

PPS: Zu KI/LLM gibt es eine feine Graphic Novel im Knesebeck Verlag, die in der Kategorie Unterhaltung als Wissensbuch des Jahres 2025 nominiert ist. Unsere Rezension folgt in Kürze.

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Facebook (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

NO HIT WONDER startet am 30. Oktober 2025 in unseren Kinos; Laufzeit ca. 118 Minuten; FSK: 12; seit dem 5. März 2026 verfügbar fürs Home Entertainment.

Sujet Film & Serie

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