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Russischer Zerstörer vor Fehmarn

Einige Medien melden, dass ein russischer Zerstörer vor Fehmarn liegt. Also so grob vor Rostock.

Tatsächlich haben wir dieses Schiff bereits in den 90ern häufig observiert. Nicht diese Klasse, sondern exakt dieses Schiff. Das damals noch relativ neu war.
Tut mir leid, wenn ich mich daher nicht vor Aufregung überschlage. Da ich aber tatsächlich auch OSINT mache, erkläre ich es kurz.

Es wurde seit dem Überfall auf die Ukraine häufiger aufgeregt gemeldet, dass russische Kampfflugzeuge den Luftraum der NATO verletzen. Auch das ist normal und war im Kalten Krieg und bis in die 90er vollkommen üblich. Beiderseitig.
Damit prüft man u.a. auch, wer wann wie schnell reagiert. Es sind Nadelstiche, mit denen man abtestet. Nicht der Beginn des dritten Weltkriegs.
Vor diesem Hintergrund sollte man auch den Zerstörer entspannter betrachten.

Das sind internationale Gewässer, er darf da sein.
Die Story hat also noch einen etwas anderen Hintergrund.

Maskirowka

Russisches Öl wird sanktioniert. Deshalb handelt Russland Öl mit einer so genannten „Schattenflotte“. Das sind zumeist alte Tanker unter „billiger“ Flagge (Panama, Liberia, Malta, etc.).
Diese können auch in der Baltic, also der Ostsee, beladen werden. Vor allem in Primorsk und bei St. Petersburg.

Die NATO, die EU und die USA gehen nun immer stärker auch gegen diese Schiffe vor.
Das kann dann dadurch passieren, dass sie an bestimmten Stellen angehalten und kontrolliert werden. Beispielsweise am Bospurus.

Viele haben nämlich nicht die nötige Versicherung oder technische Mängel. Und denen kann dann die Durchfahrt verweigert werden, das Anlanden in einem Hafen oder sie werden sogar konfisziert. Man sollte dabei nicht so sehr an Militär denken, sondern eher an den TÜV oder an eine Verkehrskontrolle. Auch wenn das natürlich von speziellen Polizeieinheiten oder dem Militär durchgeführt wird.
Und genau eine solche Engstelle sind die dänischen Gewässer vorm Kattegat. Also rund um die ganzen Inseln. Das ist das Nadelöhr zur Ostsee. Zugewiesener Spielplatz vor allem der Dänen und der Deutschen.

Und da hat Russland natürlich keinen Bock drauf. Denn wenn ich pleite bin, habe ich auch wenig Bock darauf, dass mein alter Lada in eine Verkehrskontrolle kommt. Umso weniger, wenn ich damit gerade ein Kilo Gras zum Kumpel fahren wollte.

Die schießen nicht.
Wir wissen, dass die nicht schießen.
Die wissen, dass wir wissen, dass die nicht schießen.

Es ist russische Mentalität. Maskirowka. Wenn man es erstmal kennt, wird es langweilig. Und wirkt infantil.
Ich hatte es schonmal versucht zu erklären: Bei Verhandlungen lügen die Russen dir ins Gesicht. So dummdreist, dass es offensichtlich ist. Dabei geht es nicht darum, dass du die Lüge glaubst. Es geht darum, wie du auf die Lüge reagierst. Um die Meta-Ebene, nicht um die Fakten. Wenn Du sie hinnimmst oder nicht widersprichst, ist das ein Zeichen von Schwäche. Damit haben sie ihre Dominanz bewiesen, indem sie gezeigt haben, dass sie dir offen ins Gesicht lügen können.
Das ist so ein wenig der kommunikationspsychologische Hintergrund. (Und meiner Meinung nach ein großes Problem, wenn Russen mit unerfahrenen „westlichen“ Politikern verhandeln.) Das haben mehrere Politiker auch genau so bestätigt.

Der Zerstörer

Um da Stärke zu zeigen, hat Russland also nun den Zerstörer Severomorsk vor Fehmarn liegen.
Die Russen nennen die meisten Schiffsklassen nach dem Projekt, hier Project 1155. Nicht prüfungsrelevant, nicht einmal ich habe mir die je gemerkt.
Die NATO fasst die im NATO-Code zusammen, bei Schiffen üblicherweise benannt nach dem ersten Schiff. Hier die Udaloy-Klasse.

Schiffserkennung: Vierfachstarter vorne, doppelter Hangar mit aufgesetztem Flugdeck. Eselsbrücke: Der Ausschnitt in der Seitenwand erinnert an ein umgedrehtes u.
Sieht man solche doppelten Geschütze noch auf dem Vorderdeck, weiß man, dass die Grundidee sehr alt ist. Neuere Schiffe haben höchstens eins oder gar kein Geschütz mehr. Weil sie in der heutigen Zeit zumeist nutzlos sind. (Sorry für alle Schiffs-Artilleristen.)

Bild der Udaloy mit den beschriebenen Waffensystemen markiert.

Die Udaloy war nämlich vor allem ausgelegt auf die U-Boot-Jagd. Genau dafür benötigt sie die zwei Helikopter und die ikonischen RBU 6000, die es auf vielen Schiffen gibt und die aussehen wie Trommelrevolver.
Und die Kinschal sind nicht die Hyperschallraketen Ch-47M2, sondern die Flugabwehr 3K95 Kinschal. (NATO-Code: SA-N-9 „Gauntlet“) Wenn man schon Panik verbreiten will, sollte man wenigstens richtig googeln.

Das Ding wurde 1987 zu Wasser gelassen.
Bei Schiffen sollte man nicht vom Alter auf die Güte schließen. Denn ein Schiff ist eine schwimmende Festung, die im Inneren auch komplett umgebaut und modernisiert sein kann.
Die Udaloy ist allerdings tatsächlich auch von innen keine Schönheit mehr. Weil Russland nach dem Zusammenfall der Sowjetunion kein Geld mehr hatte und deshalb bei diesen Schiffen bis heute nur noch Flickschusterei betreibt.

https://steady.page/de/u-m/posts/192ce7c8-4194-4f8f-9d00-8836ba3ed38e (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Der spannendere Hintergrund

Dass ein Schiff des „Ostens“ vor Fehmarn liegt, ist auch nicht neu.
Es war noch die Generation vor mir, aber in meiner Einheit wurde das „See-UvD“ genannt. Ich hatte die Teilweise noch morgens beim Plotten, also Lokalisierungen in den Meldungen. Als die Volksmarine nicht mehr wollte, haben die Russen das eine Zeit übernommen. Wir sind dann öfter drüber geflogen und haben fotografiert, um zu schauen, ob es etwas Neues gibt.

Das haben sie wieder aufleben lassen. Vor der Udaloy lag da noch eine Korvette.
Weshalb die Aufregung eigentlich nur darauf beruht, dass einige halt etwas zu melden haben. Liest man etwas von „Spannungen“ oder „Konfrontation“, weiß man direkt Bescheid.

Was viel interessanter ist, ist ein anderer Hintergrund:
Die Severomorsk gehört gar nicht zur Baltischen Flotte. Gar keine Udaloy. Das Flaggschiff ist ein Zerstörer der Sovremennyy Klasse. (Ja, ich schreibe es trotzig noch mit yy.) Darunter kommen nur noch zwei Fregatten und Korvetten.

Die Severomorsk wurde im Dezember in die Baltic verlegt, zusammen mit einem anderen Zerstörer. Das bedeutet, Russland hat zwar einerseits einen Druck, dort Stärke zu zeigen. Ist in der Ostsee aber so schwachbrüstig, dass sie die Sovremennyy nicht schicken will oder kann. Und hat deshalb dann zwei Zerstörer aus der viel stärkeren Nordmeer Flotte abgezogen.
Und das ist nicht nur die größte Flotte, sondern auch die, die für einen großen Krieg gegen die NATO gedacht wäre.

Das Titelbild zeigt die Severomorsk auch nicht vor Rostock, sondern in der Nordmeerflotte 2020.

Der Zerstörer vor Fehmarn ist also kein Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche.

Und eigentlich wollte ich nur heute Morgen schnell ein Posting absetzen. Nun habe ich mich aber doch verschnackt, weil ich mal in meinem alten Fachbereich schwelgen konnte.

https://steady.page/de/u-m/posts/4f91e89a-3a27-4e1b-a336-e6133fe1602a (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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